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Die Homosexualität in der Kunst

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Homosexualität in der Kunst von James Smalls, herausgegeben von Parkstone International.

In den 1880er Jahren erweckte Kertbenys griffige neue Bezeichnung die Aufmerksamkeit von Richard von Krafft- Ebing, einem bekannten Sexualwissenschaftler, der das Wort in seinen äußerst populären Psychopathia Sexualis (1886-87), einer umfassenden Enzyklopädie sexueller Abweichungen, verwandte. Durch diese Publikation und weitere Arbeiten bekannter Sexualwissenschaftler des späten 19. Jahrhunderts erlangte der Begriff „Homosexualität“ seine medizinischen und klinischen Konnotationen. Krafft-Ebing war ein wichtiger Vertreter der Erforschung des menschlichen Sexualverhaltens vor der Kodifikation der modernen Psychologie und Psychoanalyse im Gefolge der Gedanken und Schriften Sigmund Freuds (siehe Gregory W. Bredbeck, „Sexology“, in Haggerty, 794). Der Begriff „Homosexualität“ fand erst in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Eingang in die englische und amerikanische Alltagssprache, im Wesentlichen als Folge des Kinsey-Reports von 1948. Alfred Kinseys wissenschaftliche Daten zur menschlichen Sexualität stellten die bis dahin herrschende Sicht der Homosexualität als eine Geisteskrankheit in Frage.

Die Homosexualität in der Kunst 1
Zwei Hetaeren, von Apollodoros, attischer rotfiguriger Pokal, ca. 500 v. Chr.,
Tarquinia, Archäologisches Museum.

Das Konzept „Homosexualität“ umfasst ein ganzes Spektrum einander widersprechender Ideen über die Geschlechter und gleichgeschlechtliche Beziehungen. Gerade dieses große Spektrum möglicher Bedeutungen macht „Homosexualität“ heute zu einem so unwiderstehlichen, mächtigen und mehrdeutigen Konzept. In seiner modernen Bedeutung bezeichnet „Homosexualität“ sowohl einen psychologischen Zustand als auch erotisches Verlangen und sexuelle Praktiken (David Halperin, „Homosexuality“, in Haggerty, 452). Alle drei Bedeutungsgehalte werden mit Mitteln der Kunst artikuliert. Die Homosexualität oder, um einen neueren Ausdruck zu gebrauchen, die Homoerotik kann als ein tatsächliches oder potenzielles Element der Erfahrung eines jeden Individuums verstanden werden, welche sexuelle Orientierung der Einzelne auch immer hat.

Die Homosexualität in der Kunst 2
Der Raub des Ganymed, 1096-1137, Vézelay, Saint Madeleine (Säulenkapitell),
Foto: Marburg/Art Resource, New York.

Homosexualität und Homoerotik überschneiden sich häufig, sind aber nicht notwendigerweise identisch. Viele der Bilder in diesem Buch sind eher homoerotischer als homosexueller Natur. Die Unterschiedlichkeit der Begriffe „homosexuell“ und „homoerotisch“ ist nicht allein in den Grundbedeutungen von „sexuell“ und „erotisch“ begründet. Während „sexuell“ sich auf die körperliche Seite der Sexualität bezieht, geht es bei der Homoerotik um ein Konzept, das eine ganze Bandbreite an Ideen und Gefühlen über gleichgeschlechtliche Wünsche, Bedürfnisse und Sehnsüchte betrifft, die nicht immer in Geschlechtsverkehr kulminieren.

Die Homosexualität in der Kunst 3
David und Jonathan, 13. Jahrhundert, illuminiertes
Manuskript, Pierpont Morgan Library, New York.

Anders als die Homosexualität legitimiert die Homoerotik erotische Sehnsüchte zwischen Mitgliedern desselben Geschlechts, indem diese Gefühle in einen Kontext eingebettet werden, der sie begründet – wie den Klassizismus, militärische Strukturen, athletische Wettkämpfe etc. Auf diese Weise wird die Homoerotik verschleiert und nicht als abweichendes Verhalten wahrgenommen. Während alle Homosexuellen homoerotische Sehnsüchte kennen, sind keineswegs alle, die homoerotische Gefühle empfinden und schätzen, notwendigerweise homosexuell. Homoerotische Gefühle können für manche heterosexuelle Menschen eine derart erschreckende Erfahrung sein, dass sie mit ablehnenden homophoben Emotionen reagieren. Homoerotische Empfindungen stehen auch in Verbindung mit dem neueren Konzept homosozialer Beziehungen. Männliche homosoziale Beziehungen spielen in allen ausschließlich männlichen Milieus eine Rolle und sind ein Instrument, mit dem Männer ihre Identität konstruieren und ihre Privilegien und soziale Machtstellung, die sie zumeist auf Kosten der Frauen genießen, konsolidieren (siehe Eve Sedgwick, Between Men: English Literature and Male Homosocial Desire (New York: Columbia University Press, 1985). Es gibt natürlich auch weibliche homosoziale Beziehungen, aber ihre Wirkungsweisen sind vor dem Hintergrund einer patriarchalischen Kultur völlig andere.

Obwohl die männliche und die weibliche Homosexualität oft scharf voneinander getrennt werden, werden sie in diesem Buch zusammen thematisiert. Der Begriff „Homosexualität“ bezieht sich dabei grundsätzlich auf Beziehungen zwischen Männern, wenn er nicht ausdrücklich auf weibliche Homosexualität angewandt wird.

Die Begründung hierfür findet sich in der Tatsache, dass die meisten Gesellschaften männlich dominiert und geprägt sind und die sexuellen Aktivitäten des Mannes eine größere Rolle spielen als die der Frauen.

Die Homosexualität in der Kunst 4
Mary und Elisabeth auf einer Elfenbeintafel aus dem 15. Jahrhundert,
Nationalmuseum, München.

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