Der Bergpass Hoang, Len So’n, in der Nähe von Sa Pa
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Die Kunst Vietnams in der Waldkultur und die Kultur des Reisanbaus durch Bewässerung

Intro Video Kredit: Storks Flying Birds Rice Field Video von MingSkyTeam auf Pixabay

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Kunst Vietnams (ASIN: B07CFKV332), von Catherine Noppe und Jean-François Hubert herausgegeben von Parkstone International.

Lesen Sie hier Teil 1 über die Kunst Vietnams

Die Kultur der Ebenen und der Deltas auf der Grundlage des Reisanbaus durch Bewässerung, deren Riten im ersten Kapitel ausführlich behandelt werden, beruht auf bestimmten, unveränderlichen Abschnitten der Jahreszeiten: Pflügen und Eggen, Aussaat, Ausziehen und Wiedereinsetzen der jungen Reispflanzen, Unkraut jäten, Bewässern und schließlich Erntezeit.

Eine Redensart besagt, der vietnamesische Bauer wendet »seinen Rücken der Sonne und das Gesicht dem Boden« zu. Diese Lebensweise, die von Millionen Bauern in Südostasien geteilt wird, symbolisiert das Bild des auf dem Wasserbüffel sitzenden oder liegenden Kindes auf poetische Weise – das Kind hütet den Büffel und führt ihn auf die Weide. Der Büffel hilft dem Bauern im Reisfeld und ist sein Partner, auf den er angewiesen ist und den er respektiert:

„O Büffel, höre, was ich dir sage, mein Büffel.

Komm ins Reisfeld und hilf mir pflügen;

Pflügen und pflanzen sind die Pflichten des Bauern.

Ich auf der einen Seite, du auf der andern,

scheut einer von uns die Mühe der Arbeit?“

(Übersetzung in das Französische von Lê Thanh Khôi. Auszug aus Aigrettes sur la rizière. Chants et poèmes classiques du Viêt-Nam, Paris, Gallimard, 1995, Connaissance de l’Orient),

sagt das Volkslied.

Büffel und Kind kommen vom Reisfeld, Die Kunst Vietnams, Vietnamesische Kunst
Büffel und Kind kommen vom Reisfeld.

Das Kind, ebenfalls ein unschätzbarer Reichtum der Familie, sucht Schutz unter dem großen runden Lotusblatt, das ihm als Sonnenschirm dient, wenn es nicht seinen großen Strohhut wie einen Drachen in die Luft wirft und seiner Bambusflöte ein paar helle Töne entlockt. Die volkstümlichen Drucke behandeln oft das Thema des Kindes mit dem Büffel, das immer mit dem Gedanken des Friedens und des Wohlergehens in Verbindung gebracht wird, der so lange Zeit für die Mehrzahl der Vietnamesen ein Traum blieb.

Ein anderes Gebiet der Volkskunst, das Schauspiel der Wasserpuppen (mua rôi nu’o’c), veranschaulicht auf einprägsame Weise die Tiefwasser-Reiskultur. Während man im übrigen Asien Schattentheater und Marionetten an Fäden oder auch Handpuppen häufig begegnet, sind die Wasserpuppen eine ausschließlich vietnamesische Kunstgattung.

Marionetten im Wasser,der Tanz der Phönixe, Die Kunst Vietnams, Vietnamesische Kunst
Marionetten im Wasser,der Tanz der Phönixe.

Ihr Ursprung geht wahrscheinlich bis in das 12. Jahrhundert zurück und der Geschichte zufolge wurde diese Art des Schauspiels von Tu Dao Hanh erfunden, einem berühmten Mönch, Botaniker, Wissenschaftler der Pflanzenkunde und bedeutendem Staatsdiener, um das Neue Jahr und die Beendigung der Feldarbeit in den Dorfgemeinschaften des Nordens zu feiern.

Die Aufführung, zu der dann die gesamte Gemeinschaft eingeladen war, fand am Dorfteich statt, wo man einen dem Wasser geweihten Tempel (Thuy Dinh) errichtete. Dies war ein Gebäude aus Bambus, bedeckt mit einem Tuch aus Seide oder Baumwolle, das ein Ziegeldach oder die Mauern eines richtigen Gebäudes nachahmte.

Dort hielten sich das aus Gongs, Trommeln, zweisaitigen Geigen und einer Bambusflöte bestehende Orchester sowie die Marionettenspieler auf, die bis zur Hüfte im schlammigen Wasser standen, das die langen Stangen und komplizierten Fadensysteme verbarg, mit deren Hilfe sie die Marionetten über Wasser hielten und bewegten. Die Marionetten waren aus dem Holz des Brotbaums geschnitzt und lackiert, die schwersten, etwa sechzig Zentimeter hohen Figuren benötigten sogar eine Schwimmvorrichtung.

Cô Loa,Tempel der Dynastie Dên Thuc und Brunnen, Die Kunst Vietnams, Vietnamesische Kunst
Cô Loa,Tempel der Dynastie Dên Thuc und Brunnen.

Die komischen und zugleich höchst poetischen Szenen stellten die Gesamtheit der Aktivitäten der Bauern dar: angeln, Frösche fangen, Enten füttern, pflügen, die Reisschößlinge einsetzen, ernten.

Zu den Volksbelustigungen gehörten aber auch Schwimmwettkämpfe und Bootsrennen. Andere Szenen mythologischen oder historischen Inhalts verbanden sich im Lauf der Zeit mit diesen Theateraufführungen, die die Mitglieder der Gemeinschaft in ihrer kulturellen Identität bestärkten – heutzutage sind sie leider nur noch von touristischem Interesse.

Während der Tiefwasser-Reisanbau heute auch in Regionen mittlerer Höhe möglich ist, bietet sich für die Bevölkerung der höchsten Regionen nur der Reisanbau durch Brandrodung an. Da die Ernten jedoch mager ausfallen, bleibt der Wald die eigentliche Quelle ihrer Ressourcen.

Der Kultur der Ebenen und der Deltas steht also insgesamt eine Kultur der Hochebenen und der Wälder gegenüber, die einige Wissenschaftler als »Pflanzenkultur« bezeichnen.

Landschaft, Die Kunst Vietnams, Vietnamesische Kunst
Landschaft

Das wilde Abholzen von Edelhölzern, die besser organisierte Urbarmachung durch die sich in höher gelegenen Gebieten niederlassenden Reisbauern der Viêt und der Bau von Verbindungsstraßen zwischen Norden und Süden stellen aber eine Gefahr für den Wald dar, der für eine große Zahl von Ethnien immer eine Quelle des Lebens, der Spiritualität und künstlerischen Inspiration war und von dem heute nur noch wenige Inseln übrig sind. Diese traurige Situation betrifft freilich nicht nur die Urwälder in Vietnam oder in Südostasien, sondern die Wälder auf der ganzen Erde.

Die Geschichte des Landes ist zwar auch die Geschichte der wechselseitigen Abhängigkeiten zwischen den Staaten im Tiefland und den Stämmen des Hochlands, doch darf man die prägende Rolle der letzteren in der »klassischen« vietnamesischen Kultur nicht vergessen, ob es nun um die Musik, die Poesie oder die bildende Kunst geht. Manche Ethnien wie die Thai zeichnen sich durch eine strenge Gesellschaftsstruktur und eine eigenständige und sehr verfeinerte Kultur aus; andere, zahlenmäßig schwächer vertretene, blieben auf einem niedrigeren Entwicklungsstand und wurden häufig zu Vasallen der ersteren.

Beerdigung von Victor Tardieu
Beerdigung von Victor Tardieu. Alle tragen weisse Kleider, denn das ist die Farbe der Trauer in Vietnam.

Seit dem 11. Jahrhundert betrieben die Dai Viêt und die Champa, die in Kriegszeiten von den Minderheiten Treue und aktive Unterstützung ihrer Armeen forderten, mit den Bergvölkern Tauschhandel, bei dem von den mittleren Hochebenen deren natürliche Reichtümer wie Edelhölzer oder Tiere – beispielsweise Elefanten, die gleichzeitig auch militärische Stärke und Machtsymbole verbürgten – gegen Reis oder Keramik getauscht wurden, deren Herstellung die örtlichen Handwerker nicht beherrschten. Die Geschichte der Beziehungen zwischen diesen beiden so verschiedenen Welten ist komplex und muss wohl noch geschrieben werden…

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