Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit

Hätten die Verantwortlichen des Wiener Künstlerhauses gewusst, dass noch 150 Jahre nach seiner Geburt ein solches Aufleben um seine Person gemacht wird, hätten sie Gustav Klimt sicherlich mit offenen Armen empfangen und ihm die besten Ausstellungswände in ihrer Galerie angeboten.

Doch die neue Wiener Künstlergeneration, allen voran Klimt, wollte sich den klassischen akademischen Regeln nicht unterwerfen. In ihren Werken wollten sie weder ein Abbild der Natur erzeugen noch auf tradierte Stilrichtungen zurückgreifen. Eine neue Richtung musste her: Kunst sollte keinen bestimmten Zweck erfüllen müssen, sie sollte schön sein, frei sein — Kunst sollte einfach Kunst sein dürfen.

Die künstlerische Selbstfindung war ihr erklärtes Ziel, als Klimt zusammen mit weiteren Künstlern im Jahr 1897 eine neue Künstlervereinigung gründete. Mit der Wiener Secession distanzierten sie sich öffentlich vom Wiener Künstlerhaus und dessen festgefahrenem Kunstverständnis. Schon im folgenden Jahr wurde das Ausstellungshaus nach Entwürfen Joseph Maria Olbrichs erbaut und mit der berühmten vergoldeten Messingkuppel versehen, unterhalb dieser das Motto der neuen Vereinigung in goldenen Lettern angebracht ist: Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit.

Der goldene Ritter (Das Leben ist ein Kampf), 1903.
Öl, Tempera und Gold auf Leinwand, 103,5 x 103,7 cm.
Aichi Kunstmuseum, Nagoya, Japan.
Der Kuss, 1908.
Öl auf Leinwand, 180 x 180 cm.
Österreichische Galerie Belvedere, Wien.

Als Gründer einer revolutionären Bewegung, als eine Art Freiheitskämpfer der Kunst, zeigt sich Klimt nach außen hin kämpferisch, seine Kunst hingegen offenbart seine herausragende Fähigkeit in die Welt der Gefühle einzutauchen und diese darzustellen. Eine erotisch angehauchte Sinnlichkeit beherrscht den Großteil seiner Werke. Zurückhaltung in der Wahl der gestalterischen Mittel war dabei für Klimt undenkbar.
Ein großflächiger an byzantinische Ikonendarstellungen erinnernder Goldhintergrund, eine mit bunten Blumen übersäte kleine Rasenfläche am unteren linken Bildrand und auf dieser in der Mitte des Bildes ein eng umschlungenes Liebespaar, eingehüllt in goldene und mit verschiedenen Ornamenten verzierte Stoffbahnen — was wie reiner Kitsch klingt, ist heute Klimts bekanntestes Werk und mit Sicherheit eines der berühmtesten und beliebtesten Kunstmotive weltweit.
Der Kuss von 1908 fasziniert jedoch nicht nur durch den verschwenderischen Gebrauch der künstlerischen Mittel warme, gold-untermischte Farben, die Fülle ornamentaler und floraler Muster sondern vor allem durch das dargestellte Genussgefühl der Liebenden. Die Sinnlichkeit des Dargestellten ist so greifbar, dass sie uns unmittelbar berührt und die Gefühle des Paares erahnen lässt.

Bei genauerer Betrachtung lässt sich eine Vielzahl von Andeutungen finden, die dem Dargestellten eine eindeutig sexuelle Symbolkraft verleihen, ohne dabei jedoch die gold schillernde Traumwelt der Liebenden zu negieren. Die Darstellung vereint vielmehr die tiefe Verbundenheit und das körperliche Begehren des Paares.

Welche Andeutungen sich in diesem und in anderen Werken befinden, können Sie noch bis zum 27. August 2012 in der aktuellen Ausstellung „150th Anniversary Celebration“ der Neuen Galerie in New York oder in einem der Bücher des Parkstone Verlages über Gustav Klimt herausfinden.

-C. Schmidt