Kunst ist relativ

Kunst zu definieren, ist seit dem beginnenden 20. Jahrhundert schwierig und wird vor allem in der zeitgenössischen Kunst, bei der es nicht nur um verschiedene Ausdrucksformen, sondern vielmehr um Gratwanderungen geht, nahezu unmöglich. Die Frage nach Kunst oder Abfall führte schon das eine oder andere Mal dazu, dass eine übereifrige Putzfrau ein Kunstwerk beseitigte. Die Frage nach Kunst oder Selbstverstümmelung in der Performance löst immer wieder nicht ganz unverständliche Schockierung im Publikum aus, die Frage nach Kunst oder Pornografie erhitzt die Gemüter – erfreut und entsetzt.

Wenn erotische Novellen wie Fanny Hill oder Thérèse Philosophe nicht zensiert und ihre Illustrationen nicht verboten wurden, betrachtete man sie doch immer mit Argwohn – auch, wenn sie den künstlerischen Anspruch erfüllen. Doch wo hört Kunst auf und fängt Pornografie an? Der nackte Körper und die sexuelle Interaktion sind seit dem Mittelalter fester Bestandteil des thematischen Repertoires vieler Künstler. Dennoch werden viele von ihnen, darunter auch Paul Avril, Jeff Koons oder Egon Schiele, immer wieder als Pornografen (zu beachten ist die allgemein anerkannte negative Konnotation dieses Wortes) und nicht als Künstler bezeichnet.

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Egon Schiele, Sitzende Frau mit hochgezogenem Knie, 1917.
Kohle, Aquarell, Gouache, 46 x 30,5 cm.
Národní galerie, Prag.

Doch worin besteht eigentlich der Unterschied zwischen künstlerisch wertvollen erotischen Werken und der Pornografie? Ist es die Linienführung, die romantische Utopie oder groteske Verzerrung erzeugt und damit dem Bild einen „Interpretationsansatz“ liefert? Ist es der Name des Malers, der sich schon als Künstler profiliert hat und ist deshalb alles, was unter seiner Hand entsteht, Kunst? Kunst ist relativ! Die schmalen Gratwanderungen zwischen Kunst und Abfall, Selbstzerstörung oder Pornografie sind für das gemeine Publikum heute kaum noch zu unterscheiden, wenn nicht jemand das Objekt, das Werk, die Installation oder die Performance zum Kunstwerk deklariert und es somit als solches kenntlich macht.

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Egon Schiele, Selbstporträt mit gestreiftem Hemd, 1910.
Bleistift, Aquarell, Gouache , 44,3 x 30,6 cm.
Leopold Museum, Wien.

Entdecken Sie im Leopoldmuseum Wien in der Ausstellung Die Metamorphosen des Egon Schiele einen Künstler, der sich als Expressionist auf verschiedene Gradwanderungen begeben hat und entscheiden Sie selbst, ob Sie Kunst oder Pornografie vor sich haben, wenn Sie die Titel zu Egon Schiele des Verlages Parkstone International durchblättern.