Beute oder Trophäe?

Die Antwort liegt im Auge des Betrachters! Die „Trophäenkommission“ der Roten Armee transportierte nach dem Zweiten Weltkrieg als Entschädigung für die Verwüstungen der Wehrmacht in der Sowjetunion und als Ausgleich für die Verluste eigener Sammlungen deutsche Kunstschätze nach Russland. Ende der 1990er Jahre wurden dann die sich noch im Land befindlichen Trophäen kurzerhand zum Eigentum Russlands erklärt. Nach international gültigen Bestimmungen, die auch Russland anerkannte, ist diese Einbehaltung von Kunstwerken rechtswidrig.

Auf deutscher Seite spricht man hingegen von „Beutekunst“. Damit gemeint ist die kriegsbedingte Verlagerung von Kunstgegenständen – eine zeitlich begrenzte Verlagerung zum Schutz und Erhalt der Werke. Und genau diese in der Begriffsbestimmung implizierte unterschiedliche Auffassung – Trophäe und Beute – lässt Verhandlungen über den zukünftigen Verbleib nahezu stagnieren. Eine Trophäe ist eine (mehr oder weniger) rechtmäßig erworbene Auszeichnung des Siegers, eine Beute in der Definition Diebesgut. Inwiefern diese Debatte noch von kulturhistorischen oder schlicht weg von politischen Intentionen geprägt ist, können vielleicht nur noch die Involvierten mit Bestimmtheit sagen.

Zumindest tauchen nach und nach immer wieder neue, kriegsbedingt verlagerte Stücke in den russischen Depots auf und werden der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. In Zusammenarbeit mit deutschen Institutionen und Wissenschaftlern wird Kunst aufgearbeitet und ausgestellt – ausgestellt in Russland, nicht in Deutschland. Denn einmal über die Grenze gebracht, werden die deutschen Museen ihren Besitzanspruch wieder geltend machen.

George Grosz, Der Agitator, 1928.
Öl auf Leinwand, 108 x 81 cm.
Stedelijk Museum, Amsterdam.
Kasimir Malewitsch, Aviator, 1913-1914.
Öl auf Leinwand, 124 x 64 cm.
Staatliches Russisches Museum , St. Petersburg

Doch unabhängig von der die letzten Jahrzehnte bestimmenden Frage nach Beute oder Trophäe gibt es in der deutsch-russischen Geschichte unzählige Verflechtungen, von den Handelsbeziehungen im Mittelalter über dynastische Verbindungen im 18. und 19. Jahrhundert bis zum künstlerischen Austausch in der klassischen Moderne, die für beide Länder Inspiration bedeutet. Die letzten 1000 Jahre dieser gemeinsamen Geschichte, die gegenseitigen Einflüsse und ihre wechselseitigen „Beuten“ und „Trophäen“ präsentiert nach dem Staatlichen Historischen Museum Moskau nun vom 6. Oktober 2012 bis zum 13. Januar 2013 das Neue Museum Berlin in der Ausstellung Russen & Deutsche. 1000 Jahre Kunst, Geschichte und Kultur.

Begeben Sie sich auf eine Reise durch die Geschichte und verfolgen Sie damit eine wirtschaftliche und sozial-geschichtliche Entwicklung sowie die kulturhistorischen Zusammenhänge. Mit den Büchern des Verlages Parkstone-International zur Deutschen Malerei von Klaus H. Carl und zur Russischen Malerei von Peter Leek erhalten Sie einen ersten Einblick in die Meisterwerke der beiden Länder und entdecken im Vergleich die eine oder andere gegenseitige Inspiration.