Das Licht am Horizont

Viele kennen das seltsame Gefühl, wenn man weit draußen auf dem Meer ist, wenn kein Horizont in Sicht und einfach nichts anderes als Wasser um einen herum ist, Wasser und darüber der grenzenlose Himmel. Die Ferne, die Leere, das Ungewisse mag unter anderen Umständen vielleicht ein Gefühl der Freiheit auslösen, nach einer gewissen Weile jedoch, insbesondere, wenn man nicht weiß, wie weit das Ziel noch entfernt ist, ob man es erreichen wird oder wenn man sich gar in den Weiten des Meeres verloren glaubt, überwiegt das Unbehagen und das Gefühl des Verlorenseins. Wie viel bedeutet es in solchen Momenten, wenn man tief in seinem Inneren weiß, dass man nicht alleine ist und es nie sein wird?

In christlichen Darstellungen ist Gott allgegenwärtig. Der Himmel spielt gerade in Darstellungen des Neuen Testaments eine überaus wichtige Rolle. Nicht nur der Regenbogen, als der neue Bund zwischen Gott und den Menschen, kündet dabei von der Präsenz Gottes – bei Darstellungen des Jüngsten Gerichts bevölkern ganze Engelsscharen das Firmament. Die Wiedergabe des Himmels trägt entscheidend zur Stimmung christlicher Darstellungen bei, ein grau in grau gemaltes Firmament, schwarze Wolken am Horizont oder gar ein sich durch Blitze ankündigendes Gewitter kann nichts Gutes bedeuten und wird als Zorn Gottes gedeutet. Dennoch existieren kaum Darstellungen ohne Licht oder einen Silberstreifen am Horizont, der auf die Allgegenwart Gottes hindeutet und einen Hoffnungsfunken, einen Grund zur Zuversicht symbolisiert. Die religiöse Welt ist stets eine dualistische, dominiert durch den Antagonismus zwischen Licht und Finsternis, der wiederum den Gegensatz zwischen Himmel und Hölle, Gut und Böse bzw. Tugend und Strafe symbolisiert.

Nicolas Poussin, Kreuzabnahme, um 1630.
Öl auf Leinwand, 119,5 x 99 cm.
State Hermitage Museum, St. Petersburg.

Auf Poussins Kreuzabnahme befindet sich im linken Bildhintergrund eine große dunkel-schwarze Wolke vor dem grau-gelben Morgenhimmel. Das am Kreuz hängende weiße Grabtuch erzeugt zu dieser einen starken Hell-Dunkel-Kontrast und zurückgerafft wie eine Gardine gibt das weiße Tuch den Blick auf den Morgenhimmel frei. Von der Bildmitte aus nach rechts oben zum Himmel ragend kündigt es gleichzeitig die Auferstehung und die Himmelfahrt Christi an. Selbst in der Darstellung dieses schier unfassbar traurigen Moments wird durch den Hell-Dunkel-Kontrast an die Hoffnung und Zuversicht erinnert, die es stets zu erhalten gilt.

Weitere Himmelsdarstellungen gibt es in der aktuellen Ausstellung Les couleurs du ciel: Peintures des églises de Paris au XVIIe siècle (Die Farben des Himmels: Pariser Kirchengemälde des 17. Jahrhunderts) im Musée Carnavalet in Paris zu entdecken. Noch bis zum 24. Februar 2013 werden rund 120 christliche Gemälde, Zeichnungen und Stiche des 17. Jahrhunderts aus französischen und ausländischen Sammlungen gezeigt.
Im 17. Jahrhundert wurden die klassischen Meister wie Nicolas Poussin (1594-1665) zur Ausschmückung der Kirchen mit Gemälden beauftragt, die zum Teil noch vor Ort zu sehen sind, daher wird zusätzlich zur Ausstellung eine Kirchenführung in den Kirchen Saint-Eustache, Saint-Nicolas-des-Champs und Saint-Joseph-des-Carmes angeboten.

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http://carnavalet.paris.fr/fr/expositions/les-couleurs-du-ciel

 

-C.Schmidt