Vom Werden und Vergehen – Ophelia und die Präraffaeliten

Die Szenerie ist malerisch: Ein kleiner, klarer Bach schlängelt sich durch den Wald, eine Weide neigt sich über ihn, am Ufer wachsen Nesseln, Hahnenfuß, Maßliebchen und Kuckucksblumen. Eine junge Frau flechtet Blumenkränze, die sie zum Trocknen an den niedrigen Weidenzweigen aufhängt – doch plötzlich bringt ein falscher Schritt sie aus dem Gleichgewicht, sie strauchelt, findet keinen Halt und fällt ins Wasser. Der Bach, der sich urplötzlich zu einem regelrechten Wildwasserstrom entwickelt, reißt sie in die Tiefe, ihre Kleider saugen sich voll Wasser, die junge Frau schnappt verzweifelt nach Luft, doch ihre Lungen haben sich schon mit Wasser gefüllt, sie ertrinkt elendiglich.

John Everett Millais, Ophelia, 1852.
Öl auf Leinwand, 76,2 x 111,8 cm.
Tate Britain, London.

Das Gemälde Ophelia des britischen Malers John Everett Millais (1829-1896) zeigt Ophelia kurz vor dem Ertrinken, die junge Frau liegt im Wasser, ihre Arme offen angewinkelt, ihre Hände ragen aus dem Wasser hervor, in der Rechten hält sie den Blumenkranz, ihr Blick ist schockstarr nach oben gerichtet, ihr Mund leicht geöffnet, noch halten ihre aufgeblähten Kleider sie oben. Doch wo bleibt hier die Dramatik? Das Ufer scheint so nah, der Bach nicht wirklich tief, die Frau wirkt jung und sportlich. Warum kämpft sie nicht um ihr Leben?

Millais bleibt bei seiner Darstellung sehr nah an Shakespeares (1564-1616) Tragödie Hamlet. William Shakespeare war für die Mitte des 19. Jahrhunderts in England von den Malern Dante Gabriel Rossetti (1828-1882), William Holman Hunt (1827-1910) und John Everett Millais gegründete Präraffaelitische Bruderschaft (PRB) eine beliebte Quelle. Der von Hamlets Mutter geschilderte Tod Ophelias ereignet sich in Shakespeares Stück nicht auf der Bühne, sondern im „Off“, und damit ohne jegliche Dramatik. Im Stück werden die letzten Minuten Ophelias von Hamlets Mutter Gertrude verblüffend emotionslos geschildert:

Dort, als sie aufklomm, um ihr Laubgewinde
An den gesenkten Ästen aufzuhängen,
Zerbrach ein falscher Zweig, und nieder fielen
Die rankenden Trophäen und sie selbst
Ins weinende Gewässer. Ihre Kleider
Verbreiteten sich weit und trugen sie
Sirenen gleich ein Weilchen noch empor,
Indes sie Stellen alter Weisen sang,
Als ob sie nicht die eigne Not begriffe,
Wie ein Geschöpf, geboren und begabt
Für dieses Element. Doch lange währt’ es nicht,
Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken,
Das arme Kind von ihren Melodien
Hinunterzogen in den schlamm’gen Tod.
(Auszug aus Shakespeares Tragödie Hamlet, 4. Aufzug, 7. Szene)

Ob diese Erzählung der wahren Begebenheit entspricht oder ob es ein vielleicht aus Wahn begangener Suizid oder sogar Mord war, lässt Shakespeare offen. Die Szene umgibt daher etwas Mystisches, Geheimnisvolles. Die detaillierte Wiedergabe der Natur und Ophelias jugendliche Schönheit als Symbole des natürlichen Kreislaufs des Werdens und Vergehens allen Lebens machen das Sujet bei den Präraffaeliten, die das Naturstudium als einzig notwendiges Studium ansahen und sich von den tradierten akademischen Regeln abwandten, so beliebt.

Die aktuelle Ausstellung Pre-Raphaelites: Victorian Avant-Gardeder Tate Britain versammelt über 150 Arbeiten der Präraffaeliten: Gemälde, Skulpturen, Fotografien und auch Werke der angewandten Kunst sind seit dem12. September 2012 und bis zum 13. Januar 2013 zu sehen. Ausführliche Informationen über die Präraffaeliten finden Sie aber auch in dem vom Verlag Parkstone-International herausgegebenen Buch Die Präraffaeliten.

http://www.tate.org.uk/whats-on/tate-britain/exhibition/pre-raphaelites-victorian-avant-garde

http://www.amazon.de/Die-Pr%C3%A4raffaeliten-Robert-Sizeranne/dp/1844845370/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1347439982&sr=8-1

-C.Schmidt