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EDWARD HOPPER

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Edward Hopper von Gerry Souter, herausgegeben von Parkstone International.

Edward Hoppers realistische Stiche, Aquarelle und Ölgemälde verschafften ihm von den 1920er bis zu den 1940er Jahren in Amerika eine gewisse Berühmtheit. In seinen letzten 20 Lebensjahren kamen dann die Ehrungen, Medaillen, Retrospektiven und Einladungen zu zahllosen Museums- und Galerieeröffnungen, die er häufig ausschlug. Er lebte zurückgezogen, ein Gefangener seiner ehrgeizigen Erziehung und der erniedrigenden Erinnerungen an die frühere Ablehnung, der Bewohner eines gebrechlichen Körpers und der einzige Vertreter einer dunklen und schweigsamen Philosophie, die fast jeden ansprach, der mit seiner Arbeit konfrontiert wurde. Hoppers schöpferische Bemühungen entdeckten Elemente des amerikanischen Lebens, die zurückgelassene, stille Überbleibsel oder bald eintretende Ereignisse zu sein scheinen. Sein Werk ist seine Autobiografie.

Edward-Hopper-1
Selbstporträt, (Self-Portrait), 1903-1906.
Öl auf Leinwand, 65,8 x 55,8 cm.
Whitney Museum of American Art, New York,
aus dem Nachlass von Josephine N. Hopper.
Edward-Hopper-4
Jo beim Malen (Jo Painting), 1936.
Öl auf Leinwand, 46,3 x 41,3 cm.
Whitney Museum of American Art, New York,
aus dem Nachlass von Josephine N. Hopper.

Edward Hopper und seine Frau Josephine – später wurden sie fast nur gemeinsam wahrgenommen, weshalb sie auch in der Kunstgeschichte als Einheit gesehen werden – waren 43 Jahre lang verheiratet. Er war 1,96 m groß, während sie nur 1,55 m maß und kupferrotes Haar hatte. Praktisch ihr gesamtes gemeinsames Leben drehte sich um seine Kunst. Josephine Nivison Hopper verfügte selbst über ein bescheidenes künstlerisches Talent. Sie half ihm durch ihre Kontakte, seine ersten Aquarelle auszustellen. In Hoppers Sonnensystem gab es jedoch nur Platz für einen Künstler – ihn selbst, die Sonne in seinem Mittelpunkt. Aber sie schlich sich in seine selbstbezogene Welt. Nach ihrer Heirat wurden die in Hoppers Bildern erscheinenden Frauen mit wenigen Ausnahmen ausschließlich nach Jos nacktem oder bekleidetem Vorbild gemalt. Neben ihrer Tätigkeit als Modell nahm sie 1933 die Arbeit an einem gnadenlos persönlichen Tagebuch ihres gemeinsamen Lebens auf, das eine Ergänzung zu einer detaillierten Dokumentation seiner Arbeit darstellte, in der sie die Maße, die verwendete Farbe, die Verwendung von Leinwand oder Papier, Öl- oder Wasserfarbe, die jeweilige Galerie und den Verkaufspreis – abzüglich der Provision für den Agenten in Höhe von 33 Prozent – aufzeichnete. Während ihre eigene künstlerische Karriere unter dem Gewicht seines kreativen Schattens und seiner gefühllosen Gleichgültigkeit in Trümmern lag, arbeitete sie mit ihm als Buchhalterin, Tagebuchautorin, Hausdienerin, gesellschaftliche Stütze, Finanzjongleurin und kreative Xanthippe zusammen. Tropf, tropf, tropf – der permanente Fluss ihrer geschwätzigen Ermutigungen durchdrang die Mauern seiner Blockaden, seine Unfähigkeit zu arbeiten, seine tiefen Depressionen. Sie wusste, welche Knöpfe sie bei ihm drücken musste und wie sie seine Schuldgefühle ausnutzen konnte. Er erinnerte sie dafür ständig an ihren zweitrangigen Status in ihrem Haushalt und als Künstlerin. Sie besprühten einander mit ätzendem Spott und berechnenden Sticheleien und prügelten sich anschließend, bis Blut floss, physisch und emotional. Aber ihre gegenseitige Abhängigkeit blieb bestehen.

Edward Hopper-Automat
Automat, 1927.
Öl auf Leinwand, 71,1 x 91,4 cm.
Des Moines Art Center, Des Moines,
Iowa, James D. Edmundson Fund, 1958.

Edward und Jo hatten auch schöne Zeiten miteinander, als sie, beginnend in den 1920er Jahren, die Ostküste erkundeten und Zwischenstopps einlegten, um Skizzen und Aquarelle anzufertigen. Sie freundeten sich mit den Menschen an, deren Häuser und Boote und Lieblingsorte Edward malte und zeichnete. Sie wanderten gemeinsam durch die Straßen New Yorks, wo sie Kunst studiert hatten und zu der Künstlerszene von Greenwich Village gehörten.

Edward-Hopper-Nighthawks
Nachtschwärmer (Nighthawks), 1942.
Öl auf Leinwand, 84,1 x 152,4 cm.
The Art Institute of Chicago, Chicago, Illinois.

Sie waren von den 1920er bis zu den 1960er Jahren Anhänger der Kunstbewegung des amerikanischen Realismus. Während andere Maler und Bildhauer kamen und gingen, stand Hopper wie ein Fels inmitten des Chaos, das die Impressionisten zunächst willkommen hieß, um sie anschließend abzulehnen, so wie er die Expressionisten und Surrealisten und all die anderen entstehenden „-isten“ zunächst zurückwies und dann feierte. Sein Werk brauchte kein Manifest und gehörte zu keiner Schule. Ein Hopper brauchte keine Unterschrift und sein Wert nahm niemals ab. Wie die wertbeständigen Werke von Alexander Calder (1898 bis 1976) und Pablo Picasso (1881 bis 1973) fanden, nachdem er seine eigene kreative Note gefunden hatte, auch seine Stiche und Gemälde immer Käufer. Hoppers zweidimensionale Welt reichte von introspektiven Bildern von Booten, Hügeln und Häusern ohne Menschen bis zu einer schwermütigen Sammlung von scheinbaren Allegorien mit einem schweigsamen Ensemble aus leeren Figuren, die dabei eingefangen sind, wie sie gerade etwas noch nicht erledigt oder etwas getan haben, was sie nun bereuen, oder die darauf warten, dass etwas geschieht, das ihr Leben verändert.

Edward Hopper-Morning Sun
Morgensonne (Morning Sun), 1952.
Öl auf Leinwand, 71,4 x 101,9 cm.
Columbus Museum of Art, Columbus, Ohio.

Von seiner Geburt in Nyack, New York, im Jahr 1882 bis zu seinem Tod im Alter von 85 Jahren in seinem Stuhl in seiner Atelier-Wohnung in New York City, in der er 50 Jahre lang gewohnt hatte, verbrachte Hopper seine acht Lebensjahrzehnte mit der Beschäftigung mit Licht und Schatten. Er brachte es bei der Wiedergabe der Abbildung unseres Lebens und unserer Umwelt zur Meisterschaft. Dank Josephine, seiner zwar unterdrückten, aber stets aktiven Helferin, verfügen wir über ein kleines und häufig mit ätzender Säure bedecktes Fenster in seine abgeschlossene Welt. Wir sehen eine fruchtbare Reise durch eine schmerzhafte künstlerische Selbstfindung und eine massive Selbstverleugnung. Wir reisen durch die Entwicklung technischer Fähigkeiten in ein schizophrenes Labyrinth voller von dem Wunsch nach Anerkennung genährtem kommerziellen und künstlerischen Erfolg und Selbstverachtung und gelangen schließlich noch zu seinen Lebzeiten zu seiner Anerkennung als einem der unsterblichen Vertreter großer Kunst.

Edward Hopper-Sunlight in a Cafeteria
Sonne in einem Café (Sunlight in a Cafeteria), 1958.
Öl auf Leinwand, 102,1 x 152,7 cm.
Yale University Art Gallery, New Haven, Connecticut,
Schenkung von Stephen Carlton Clark.

Viele Autoren haben diese Reise unternommen und ich bin ihnen für ihre Entdeckungen dankbar. Noch größere Dankbarkeit gilt den Museen und Institutionen, die seine Werke ausstellen und die in seinem langen Leben angesammelten Papiere archiviert haben. Viel verdanke ich auch meinen Studentenjahren an der Schule des Art Institute of Chicago, wo ich mit dem Pinsel in der Hand mit meinen eigenen Dämonen kämpfte. Jeden Tag ging ich auf dem Weg zu meinen Kursen durch die Galerien. Jeden Tag ging ich an Hoppers Nachtschwärmer (S. 198-199) vorüber und jeden Tag, an dem mein Geist nicht mit dem Müll der Jugend beschäftigt war, fühlte ich, wie mir der Erfolg als Maler entglitt. Erst später erkannte ich, dass die Kunst schmerzhaft sein muss, wenn man sie richtig betreibt. Die Nachzeichnung von Hoppers qualvoller Karriere rührt an lange verschüttete Erinnerungen.

Edward Hopper-Portrait of Orleans
Orleans, ein Porträt (Portrait of Orleans), 1950.
Öl auf Leinwand, 66 x 101,6 cm.
Privatsammlung.

Jeder Autor beschreibt einen etwas anderen Edward Hopper. Obwohl sein Weg bekannt ist, seine Bekanntschaften dokumentiert sind, alle Daten authentifiziert worden sind und sein Werk katalogisiert worden ist, blicken wir dennoch auf ein Rätsel. Der Mensch und Künstler Hopper bleibt ein Geheimfach mit vielen verborgenen Schiebetüren. An dem letzten geheimen Ort stößt man vielleicht auf den Stein einer Rosette, eine „Rosenknospe“, einen Schlüssel zu seiner Arbeit. Da der einzige Weg zu dem „warum“ eines schöpferischen Künstlers über die hinterlassenen Spuren und das, was der Künstler zu offenbaren beschloss, führt, veranlassen diese verstreuten Spuren neugierige Autoren dazu, bequeme Schuhe anzuziehen und zu beginnen.

 — Gerry Souter

Arlington Heights, Illinois  

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