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Schwarze Kunstsache

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch Die Kunst Afrikas von Maurice Delafosse, herausgegeben von Parkstone International.

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Das Cover des Buches

Es lässt sich nicht bestreiten, dass der Sinn für Kunst innerhalb der schwarzen Gesellschaft stark ausgeprägt ist. Selbst der Diplomat und Schriftsteller Graf Arthur de Gobineau erkannte diese Tatsache ohne Zögern an. Allerdings ist dieser Sinn nicht in allen Künsten gleich stark ausgeprägt, und fast überall, wo er sich offenbart, tut er das vornehmlich eher im Sinne der dekorativen Wirkung oder des erzeugten Eindrucks als im Sinne der plastischen Schönheit, der Anmut oder Perfektion des Ensembles.

Die Darstellung der Tiere

Sobald das Feld der menschlichen Darstellung – oder eher dessen, was in unseren Augen zwar wie die Darstellung von Menschen scheint, in den Augen der Schwarzen aber nicht ist – verlassen wird, verschwindet dieses uns gegen unseren Willen packende gewisse Unverständnis, und man ist sogleich besser in der genauen Einschätzung des künstlerischen Wertes jener Erzeugnisse, die weniger weit von unseren eigenen Vorstellungen entfernt sind. In Wahrheit sind die in der schwarzen Kunst äußerst zahlreichen Darstellungen von Tieren keine besseren Nachahmungen der Natur als die menschlichen Darstellungen und weisen genauso häufig Unregelmäßigkeiten in den Proportionen oder absichtlich merkwürdige oder auch abstoßende Merkmale auf. Aber dafür sind wir an Drachen, Chimären und Einhörner gewöhnt und finden es nicht verwunderlich, den Tieren einerseits eine konventionelle Haltung und andererseits disparate Attribute zu verleihen. Daher ist man auch besser darauf vorbereitet, aufs Genaueste den Eindruck zu erfassen, dem der Künstler in seinem Werk Leben verliehen hat. Es gibt allen Anlass, die Kompositionen, in denen wir einzig die Frucht eines mit dem Sinn für Linienführung und Harmonie gepaarten Vorstellungsvermögens zu erkennen versucht sind, vorbehaltlos und völlig frei zu bewundern.

Trommel (Fante), um 1940. Ghana.
Holz, Höhe: 87 cm.
Privatsammlung, Paris.
Tierskulptur aus dem Bobongo Emumu (Lyembe).
Demokratische Republik Kongo.
Holz, Pigmente, Horn, Glas, Länge: 217 cm.
Koninklijk Museum voor Midden-Afrika, Tervuren.

Das Kunstgewerbe

Neben der religiösen Kunst sowie der Kunst um der Kunst willen gibt es eine andere Kunstsparte, in der die Schwarzen als Meister gelten: und zwar das Kunstgewerbe, das sich aus Arbeiten in Gold, Holz, Ton, Eisen, Kupfer, Leder und Textilien zusammensetzt. Mit Ornamenten verzierte und glasierte Tongefäße in allen Formen und zu allen Zwecken, fein geformte Löffel, Gong-Klöppel, Zepter, hohe und niedrige, elegant und sorgfältig gearbeitete Stühle sind Meisterwerke, gleichmäßig zugespitzte Paddel, Messer mit krummer oder gerader Schneide und einem mit Metall eingelegten Holzgriff, edel geschwungene Wurfwaffen mit mehrfacher Klinge, Kriegs- oder Paradebeile, kleine gegossene oder gehämmerte Kupfergegenstände, filigran gearbeiteter oder gegossener Goldschmuck, Ringe und zart durchbrochene Armreifen, Kissen, Sattel, Stiefel und Futterale aus schmiegsamem, verschiedenfarbigem Leder, kuriose Kisten aus dem Leder der Oryxantilope, Matten und Schalen aus farbigem Korbgeflecht oder Bast-, Baumwoll- oder Leinenstoffe, die mitunter Teppiche mit ebenso nüchternen wie abwechslungsreichen Motiven und sicher ausgewählten Farben abgeben, und äußerst aufwendige Baumwolloder Seidenstickereien in gelungenen Mustern – all das ist uns dank Ausstellungen und dank der in den Museen vereinten Sammlungen mittlerweile vertraut. Mehr als einer unserer Gewerbetreibenden hat sich davon inspirieren lassen, um in Europa neue, von der Öffentlichkeit hochgeschätzte Produkttypen auf den Markt zu bringen.

Tanzschild (Kikuyu), Anfang 20. Jh. Kenia.
Holz, je 60 x 42 x 8 cm.
Lucien van de Velde, Antwerpen.

Architektur

Die gleiche Beobachtung lässt sich anlässlich der Architektur anstellen. Es ist ziemlich sicher, dass diese bis auf ihren ornamentalen Zweig den Volksstämmen am Golf von Guinea und in Äquatorialafrika so gut wie unbekannte Kunstgattung in der sudanesischen Region zu einer beträchtlichen Entfaltung gelangt ist. Dort kam sie in ihrer Üppigkeit allerdings nur unter der islamisierten Bevölkerung zum Vorschein, und wie weiter oben beschrieben wurde, ist der sudanesische Architekturstil, auch wenn er in der Folge einen deutlich lokalen Charakter angenommen hat, eigentlich arabo-berberischen Ursprungs. Er liefert einen weiteren eindeutigen Beweis für die künstlerischen Fähigkeiten der Schwarzen, da diese, lediglich von einigen Modellen ausgehend, derart brillante Ergebnisse erzielen konnten, und das auch noch in einem Bereich, auf den sie ihre Traditionen nicht vorbereitet hatten.

Musik

In dieser kurzen Übersicht ehrenvoller Künste der Schwarzen darf auf keinen Fall die Musik fehlen. Wenn von „Negermusik“ die Rede ist, denkt ein jeder sogleich an manchmal wilde und ein wenig kakophonische Akkorde einer Jazzband. Dabei gibt es nichts, dass der Negermusik, oder zumindest der Negermusik Afrikas, weniger ähnelt als die Musik einer Jazzband. In Wahrheit mag sie mit dem Klang mancher Instrumente, derer sie sich bedient, und mit der bemerkenswerten Präzision, mittels derer sie den Rhythmus der Tanzschritte bestimmt, in gewisser Hinsicht an jene Orchester aus Trommeln, Rasseln, aneinandergeschlagenen Eisenstäben und Hörnern oder Olifanten gemahnen, welche die Europäer bezeichnenderweise als Tamtam benennen und die bei Mond- oder Sonnenschein, begleitet von klatschenden Händen und Schreien, die schwarzen Männer und Frauen in ihren skandierten Tänzen und Hüftschwüngen anheizen. Doch ist dieses Tamtam keine Musik, sondern ein Mittel zum Tanz. Bei einiger Überlegung kann man sagen, dass die Jazzband nichts anderes darstellt, und wahrscheinlich ist es deshalb zulässig, sie mit dem Tamtam der Schwarzen gleichzusetzen.

Likuti-Trommel (Makonde), Ende 19. oder Anfang 20. Jh. Tansania/Mosambik.
Holz, Leder, Haar, Kupfernägel, 63 x 30 x 30 cm.
Sammlung W. und U. Horstmann.

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