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Michelangelo – Die Qual und Ekstase eines Genies

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch Michelangelo von Eugène Müntz , herausgegeben von Parkstone International.

Daniele Ricciarelli da Volterra, Porträt von Michelangelo Buonarroti, um 1533.
Schwarze Kreide. Teylers Museum, Haarlem.

Michelangelo verkörpert mit seiner universellen Begabung den typischen Renaissancemenschen und überragt alle anderen Künstler des Cinquecento. Er wurde in eine Zeit hineingeboren, die es seinem Genie erlaubte, sich ungehemmt zu entfalten. Dennoch dürfen wir seine Vorgänger nicht vergessen, die ihm in vielerlei Hinsicht den Weg geebnet haben. Von eher düsterem Charakter und mit einem Hang zum Einzelgängertum widmete er all seine Energien seiner Kunst. Er war ein sehr frommer und spirituellen Dingen zugeneigter Mann, dessen geistige Haltung von Savonarola beeinflusst war. Das Jüngste Gericht zeigt die Qualen des Künstlers an seinem Lebensabend. Seine zahlreichen Darstellungen nackter Männer von imposanter Männlichkeit sind Ausdruck seiner Homosexualität, Ursache gravierender innerer Konflikte. Denn obgleich im Florenz der damaligen Zeit die Homosexualität geduldet wurde, verstieß sie doch gegen die religiöse Auffassung, weshalb der Künstler schwer darunter litt. Michelangelo hatte das Glück, in einem reichen und freien Florenz zu leben. Es gab zahlreiche Mäzene, allen voran die Medici und die Päpste, die sich darin gefielen, als Gönner und Beschützer der jungen Künstler aufzutreten, um so ihrer Eigenliebe zu schmeicheln und sich Ruhm und Ehre zu verschaffen. Dies erklärt das Vertrauensverhältnis und die Intimität zwischen Mäzenen und Künstlern. Die Künstler waren ihren Gönnern natürlich zu Dank verpflichtet, da sie auf ihre Aufträge angewiesen waren. Selbst Michelangelo war in diese Abhängigkeitsverhältnisse verstrickt. Allein die Erinnerung an die Schwierigkeiten mit dem Grabmal Julius II., dessen Ausführung sich 40 Jahre lang hinzog, ist Beweis genug. Die Situation gestaltete sich nach dem Tod des Papstes noch schwieriger, weil sich Michelangelo mit den Erben auseinandersetzen musste!

Die Erschaffung Adams (sechstes Feld des Gewölbes), 1508-1512.
Fresko (nach der Restaurierung). Sixtinische Kapelle, Vatikanstaat.

Florenz, Medici und Renaissance sind Namen, die in der Kunstgeschichte für immer aufs Engste miteinander verbunden sein werden. Die Renaissance bewirkte den Durchbruch der Vernunft. Es war die Zeit des Triumphs der Logik, des Geistes, der Schönheit, der Ästhetik. Exakt zu diesem Zeitpunkt betrat Michelangelo die Bühne und revolutionierte die Kunst des Cinquecento. Nach Erreichen ihrer Blüte war es unausweichlich, dass die Kräfte der Renaissance zu erlahmen begannen und eine Zeit des Verfalls einsetzte. Die Gründung von Kunstakademien entsprach dem Bedarf nach einem Regelwerk und nach Autorität, der umso größer wurde, je mehr die schöpferischen Energien nachließen. Es entstand eine Kluft zwischen den alten Handwerkszünften, denen es allein um gewerbliche oder religiöse Interessen ging, und den neuen Akademien, die den Anspruch erhoben, den ästhetischen Geschmack zu reglementieren. Die 1563 gegründete florentinische Zeichenakademie wurde der Leitung von Vasari anvertraut. Allmählich verblasste die Renaissance in Florenz und wurde von einer neuen Kunstform, dem Manierismus, abgelöst, welcher lange Zeit als Verfall der italienischen Kunst der Renaissance gesehen wurde. Tatsächlich kündigt der Manierismus das Ausklingen der Renaissance an und wird synonym mit der Spätrenaissance verwendet. In diesem Zusammenhang sei darauf hingewiesen, dass italienische Künstler den Manierismus nach Frankreich brachten, wo er sich zum Klassizismus französischer Ausprägung entwickelte.

Christus und die Jungfrau Maria, Detail aus dem Jüngsten Gericht, 1536-1541.
Fresko. Sixtinische Kapelle, Vatikanstaat.

Am Ende des Quattrocento kämpfte der Dominikanermönch Savonarola gegen Wollust und Sittenverderbtheit. Er rief die Bevölkerung zu Gottesfurcht und Askese auf. Einige Jahre später, im Jahre 1506, entschied Papst Julius II., die Basilika St. Peter abreißen zu lassen und beauftragte Bramante mit dem Wiederaufbau. Zur Finanzierung dieses riesigen Projekts verwendete der Papst Ablassgelder, womit er den Zorn von Martin Luther auf sich zog. Mit seinem Thesenanschlag im Jahr 1517 provozierte Luther eine unwiderrufliche Krise in der katholischen Kirche: die Reformation. Als Antwort darauf berief Papst Paul III. 1545 das Konzil von Trient ein: Das war der Beginn der katholischen Gegenreformation. Das Konzil tagte bis 1563 und 1564 bestätigte Papst Pius IV. die gefassten Beschlüsse. Dies führte zu einer Verbesserung der Missstände in der Kirche und einer gewissen Beschränkung ihrer Macht. Der zu dieser Zeit im Dienste des Papsttums gegründete Jesuitenorden gab den Anstoß zu einer neuen Kunstform, die im Wesentlichen gefühlsbetont war: Der Barock, die Kunst des Seicento (der Begriff Barock wird erst Anfang des 19. Jahrhunderts verwendet) ist der künstlerische Ausdruck einer mystischen Erfahrung und Schwindel erregender Gefühle. Hier herrschen Einbildungskraft, Überschwang, Delirium, Pomp und Sinnenhaftigkeit – und ein entsprechend reiches Dekor. Michelangelo mit seinen kolossalen, übermenschlichen, Kraft strotzenden Gestalten und seiner Fülle an Stellungen, Formen und Farben hatte diese überschwängliche Kunstform eingeleitet. Er ist der Vater des Barock.

Étienne Dupérac, Projektzeichnung von Michelangelo für das Kapitol, 1568.
Radierung. Bibliothèque Nationale de France, Paris.
Luftansicht des Kapitols. Rom.

Der Barock ist der Stil der Gegenreformation, der seine eigentliche Blüte in Rom mit Bernini und Borromini fand. Trotz des hohen Ansehens von Bernini, welcher nach Frankreich gekommen war, um einen Teil des abgebrannten Louvre wiederaufzubauen, führte Colbert das kostspielige Projekt nicht fort, doch war es vor allem Ludwig XIV., der mit dieser Kunst, die der Verherrlichung des Papsttums diente, nichts zu tun haben wollte. Der „Roi soleil” ertrug Konkurrenz nicht. Dies war ein Grund, weshalb der Barock in Frankreich keine Verbreitung fand; ein weiterer ist wohl darin zu suchen, dass Frankreich zu sehr vom Rationalismus geprägt war, als dass es sich für eine so verspielte, mystische Ästhetik hätte begeistern können.

Das französische 19. Jahrhundert stellte sich gegen die klassische und auch gegen die barocke Kunst. Dennoch wagte sich Géricault bei seiner Rückkehr aus Italien, wo er einen Monat lang in Florenz Michelangelo studiert hatte, an ein großes Gemälde mit dem Titel Das Floß der Medusa (1819). Die ineinander verschlungenen Körper erinnern an manche Werke Michelangelos. Der Bildhauer Rodin schließlich ist der würdige Erbe sowohl der antiken Künstler als auch Michelangelos und Berninis. Schon zu seinen Lebzeiten war er, wie Michelangelo, ein anerkannter Bildhauer. Auch er hatte ein ausgesprochen gutes Erinnerungsvermögen. Die Ähnlichkeit zwischen dem Mann mit gebrochener Nase von Rodin und dem Portrait von Michelangelo von Daniele da Volterra nach der Totenmaske von Michelangelo ist frappierend (beide Skulpturen wurden 1878 in Paris ausgestellt). Rodin orientierte sich in seiner Arbeit, wie Michelangelo, zunehmend an nackten Männern, die besonders viril und robust waren. Auch er bediente sich des Fragmentarischen, des non finito.

Auguste Rodin, Mann mit gebrochener Nase, 1864.
Bronze, 26 x 18 x 23 cm.
Musée Rodin, Paris.

Im Jahre 1875 gab er die Skulptur Das eherne Zeitalter in Brüssel auf, um im darauffolgenden Jahr nach Italien zu reisen. Seine Ankunft in Florenz fiel genau auf den Zeitpunkt der 400- Jahrfeier des Geburtstags von Michelangelo. Die Casa Buonarroti, ein Michelangelo gewidmetes Museum, hatte soeben seine Tore der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Rodin, damals bereits 36, war sehr beeindruckt von den Arbeiten des Florentiners, die dieser schon in sehr jungen Jahren ausgeführt hatte. Er studierte aufmerksam die Grabmäler der Medici, besuchte das Bargello, die Akademie, dann auch Rom und Neapel, um sich dort von der antiken Kunst inspirieren zu lassen. Man kann behaupten, dass Michelangelo der Lehrmeister von Rodin war. Die Bewegungen seiner Statuen und ihre detaillierte Muskulatur drücken auf die gleiche Weise die Leidenschaften der Seele aus. Bei seiner Rückkehr nach Paris machte sich Rodin von Neuem an Das eherne Zeitalter. Man findet bei ihm eine Energie, die mit der terribilità von Michelangelo vergleichbar ist. Das Höllentor, nie beendet, ist unter vielen Gesichtspunkten den Werken Michelangelos ähnlich. Sein Denker (S. 188) ähnelt dem Il Penseroso (S. 66) von Michelangelo. Rodin hat allerdings seinen eigenen Stil und ist nicht bloß ein Imitator des großen Florentiners, dessen Geist in seinem Werk jedoch deutlich spürbar ist. Die beiden Bildhauer haben vieles gemein. Jeder hat auf seine Art eine Revolution in der Skulptur bewirkt; sie sind beide eifrig darum bemüht, die Perfektion des menschlichen Körpers zu erforschen; sie beide gehen mit Ungestüm und überbordender Willenskraft an ihr Werk heran. Sie haben beide zu Lebzeiten Ruhm und Anerkennung von ihresgleichen sowie einen gewissen finanziellen Wohlstand erlebt. Michelangelos Werk fällt in die Zeit der Renaissance im Florenz der Medici und des Barock im Rom der Päpste. Sein außerordentliches Genie und der Mythos, der sich um seinen Namen rankt, machen ihn zu einer unsterblichen Legende. Sein Werk gehört auch heute, 500 Jahre später, noch immer zum Größten, was unsere Zivilisation geschaffen hat.

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