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Gustave Courbet, der Maler des Skandals: die Vendôme-Säule, der Fall der Frau mit dem Papagei und der Ursprung der Welt.

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Buch Gustave Courbet von Georges Riat (Autor), Caroline Eydam (Übersetzerin), herausgegeben von Parkstone International.

Die Vendôme-Säule

Einschmelzung der Säule. Derartige Entschlüsse mussten den Bürgermeistern der 19 Bezirke, ihren Rüstungskommissionen und anschließend der Regierung der nationalen Verteidigung und dem Oberbefehlshaber der Armee von Paris mitgeteilt werden. Es wurde folgendermaßen verfahren: am nächsten Tag ließ der Bürger und spätere Ministerpräsident Jules Ferry den Beschluss durch alle Bürgermeisterämter von Paris annehmen. Er ließ unter der Toreinfahrt des Bürgermeisteramtes eine Gerüstbühne errichten und hielt eine leidenschaftliche Rede über die Provokation und Zustimmung zur Demolierung der Säule. Nach dem Beschluss der Rüstungskommission des VI. Bezirks entschied Jules Simon, dass das Bildwerk Napoleons auf der Säule eingeschmolzen und die Bronze für die Statue von Straßburg verwendet werden sollte, die anschließend an der Place de la Concorde neben den Statuen der anderen französischen Städte stehen sollte. In einem am 5. Oktober verfassten Brief, den er der Regierung der nationalen Verteidigung zukommen ließ und der noch an selbigen Tag im Das Erwachen veröffentlicht wurde, empörte sich Courbet über dieses Vorhaben:

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Die Vendôme-Säule

„Nun tritt also ein, was ich befürchtet hatte: eine Bronzestatue! Sie würde, so sagt ihr, für alle Zeiten an den Ruhm Straßburgs erinnern. Ist die Geschichte denn so pflichtvergessen und haben wir die Erinnerung unserer Herzen verloren? […] Die Steinstatue existiert, wird respektiert und von allen verehrt. Lassen Sie sie dort, wo sie ist, mit ihren Fahnen und Kronen und ihrem düsteren Trauerflor. Schließlich hat Straßburg nur seine Pflicht erfüllt. Es hat sich daran erinnert, dass es fester Bestandteil Frankreichs und als wahrer Franzose untergegangen ist. Errichten sie ihm eine Statue, das akzeptiere ich! Aber dann seien sie konsequent und gerecht: gießen sie auch Statuen für Metz, Toul, Laon, Bitche, Phalsbourg, für jede Stadt, die dem unerbittlichen Vordringen Preußens erlegen ist…”

Er zog es vor, eine Marmorplatte mit einer kurzen Inschrift in den Sockel der jetzigen Statue einzulassen und die Bronze der Napoleonskulptur zu behalten, um dringend benötigte neue Kanonen daraus zu gießen.

Er ärgerte sich über die Törichten, die seine Worte bezüglich der Säule nicht verstanden hatten. Gewiss hatte er nie gewollt, dass man sie einreiße. Er wollte lediglich, dass „… man aus einer Straße, genannt Straße des Friedens, diesen Block geschmolzener Kanonen entferne, welcher die Tradition der Eroberung verewige.“

Am 1. Dezember kündigten Courbet und Burty ihre Mitgliedschaft bei der Commission des Archives. Die Arbeit dieser Kommission hatte nahezu sechs Wochen in Anspruch genommen. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Ehrenhaftigkeit der Beamten nicht in Frage gestellt werden konnte. Die beiden Dissidenten erhoben keine Einwände, doch sie trennten sich von ihren Kollegen, um nicht dem Minister zustimmen zu müssen, der an den Posten dieser Männer, die sich als treue Diener in den Dienst eines „… unsäglichen Regimes” gestellt hatten, fest hielt.

Der Fall der Frau mit dem Papagei

Die Frau mit Papagei weist in vielerlei Hinsicht Parallelen zu Venus und Psyche auf. Das Modell nimmt fast exakt dieselbe Pose ein, es ist dasselbe Bett mit Schlangensäulen zu sehen, und ein Fenster links gibt den Blick frei auf eine entfernte Landschaft. Eine attraktive junge Frau ist dargestellt, üppig und nervös, mit Hüften und Beinen von vollendeter Rundung, mit feiner und zugleich fester Brust, den Kopf nach hinten geneigt und ihre rote Haarpracht auf dem weißen Laken ausbreitend, das sie mit ihrer rechten Hand auf ihren Schenkel drückt. Ihren linken Arm streckt sie graziös nach oben und hält darauf einen türkisfarbenen Ara-Papagei mit gespreizten Flügeln. Es ist ein wundervoll koloriertes Ensemble, in dem das gegensätzliche Hell und Dunkel dennoch harmonisiert und das Auge zur Ruhe bringt. Der Blick gleitet mühelos vom weißen Laken zum blassen Körper, zu den roten Haaren und der braunen Draperie. Es ist eine smaragdfarbene Landschaft in einer mehrschichtigen Symphonie, in einer Meisterschaft ausgeführt, die mit Tizian und den größten Koloristen vergleichbar ist.

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Gustave Courbet (1819–1877) Die Frau mit dem Papagei, 1866.
The Metropolitan Museum of Art, New York Postkarte

Mit seiner warmen und berauschenden Sinnlichkeit kontrastiert das Werk mit dem kühlen und geruhsamen Charme der Rast der Rehe am Bach Plaisir-Fontaine. Hier ist der Der schattige Bach an einem schönen sonnigen Tag dargestellt. Das Blätterdach der Bäume öffnet sich hier und da und gibt den blauen Himmel frei. Zwischen den weißen oder grauen Felsen mit vertikalen Graten fließt kristallklares Wasser und sprudelt auf den kaum freiliegenden Steinen. Rechts ist ein kleiner Rehbock zu sehen, der sich tränkt, während ein zweiter den Bach durchschreitet, den Kopf wachsam nach oben gestreckt. Links steht ein Reh unter einer großen Eiche, das am Boden einige Efeublätter frisst. Daneben liegt eine Hirschkuh am Boden und ruht sich mit ausgestreckten Beinen aus. Diejenigen, die diesen Ort kennen, werden diese Interpretation nicht ohne Emotionen betrachten können, so aufrichtig, schön und poetisch ist sie. Das Werk tanzt aus der Reihe und gehört zu den unbestreitbaren Meisterwerken Courbets.

Die Bemühungen Courbets waren von immensem Erfolg gekrönt: „Sie sind endlich vernichtet!“ rief er. „Alle Maler, die Malerei insgesamt steht Kopf. Der Graf von Nieuwerkerque hat mir seine Begeisterung mitgeteilt und mir versichert, dass ich zwei Meisterwerke vollbracht habe. Die ganze Jury hat mich durchgängig beglückwünscht. Ohne Zweifel waren meine Werke der Höhepunkt der Ausstellung. Man spricht von der Ehrenmedaille […]. Die Landschaftsmaler sind höchst erstaunt. Cabanel hat mir Komplimente zu der Dame gemacht, ebenso Pils und Baudry. Schon vor langer Zeit sagte ich dir, dass ich ihnen eins auswischen möchte.

Nun habe ich es getan.” Doch auch einige misstönende Stimmen wurden laut. So läutete Lagrange vom Correspondant beispielsweise das Ende des Realismus ein. Er sagte, der Realismus sei „… herabgestiegen aus den Höhen, in die ihn unvorsichtige Freunde hatten erheben wollen […], und reduziert sich nunmehr auf ein Palettensystem. Statt der öffentlichen Vernunft unmögliche Themen anzubieten, hat er diesmal vorgefertigte Themen aus der historischen, akademischen  oder malerischen Tradition gewählt. Und nur durch seine Interpretation gibt er vor, zu erneuern.“

Papagei und den Ursprung der Welt

Im August war Courbet sehr beschäftigt. Er schrieb seinen Eltern am 6. August, dass es nichts „… Ermüdenderes gibt, als Geld zu verdienen.” Er müsse erst nach Trouville fahren, anschließend zu Lepel-Cointet in die Abbaye de Jumièges, und schließlich wieder zurück nach Paris, um das Gemälde für Khalil-Bey zu beenden. Bei Letzterem handelte es sich um das Gemälde Der Ursprung der Welt.

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Der Ursprung der Welt, 1866. Öl auf Leinwand, 46 x 55 cm. Musée d’Orsay, Paris.

Wenig aufrichtig beschrieb der Entdecker und Photograph Maxime du Camp Der Ursprung der Welt in folgenden Worten: „Eine nackte Frau, von vorne gesehen, außerordentlich erregt und verkrampft, in bemerkenswerter Malweise ausgeführt, „mit Liebe” wie die Italiener sagen. Aber durch einen unglücklichen Zufall hat es der Maler, der sich für das Modell nach der Natur entschieden hat, unterlassen Füße, Beine, Schenkel, Bauch, Brust, Hände, Arme, Schultern, Hals und Kopf darzustellen.”

Wenn er schon die Grenze des Verbotenen überschritt, vergaß Courbet nicht, die buschige Scham der Frau in aller Treue wiederzugeben. In einer Zeit, in der die Beine der Frau mysteriöserweise unter üppig ausschweifenden Kleidern verhüllt waren, die auf einem Reifrock auflagen, war die Existenz der Schambehaarung ein dunkles und verwerfliches Geheimnis, das vermutlich oft genug selbst verheirateten Männern verborgen blieb.

So wurde das Bild lange Zeit von den privaten Sammlungen ferngehalten. Sein letzter Besitzer, der Philosoph Jacques Lacan, der Schwager des surrealistischen Malers André Masson, bat Letzteren darum, das Gemälde in einem Rahmen mit doppeltem Boden zu verstecken und ein anderes Gemälde darauf zu malen. Also wurde eine Schneelandschaft konzipiert, als surrealistische, nur angedeutete Version des Der Ursprung der Welt. Und als das Original im Jahre 1995 endlich zum ersten Mal in der Öffentlichkeit präsentiert wurde, im Musée d’Orsay, löste es noch immer Entsetzen und heftige Kontroversen aus.

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