Die Erotik in Musik & Eros
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Musik & Eros (ISBN: 9781783106639), von Hans-Jürgen Döpp, herausgegeben von Parkstone International.
Der listenreiche Odysseus musste seine Schiffsgefährten dadurch vor dem verlockenden Gesang der Sirenen bewahren, dass er ihnen die Ohren mit Wachs verklebte. Er selbst will auf die Augen- und Ohrenweide, die ihm der Anblick und die Stimmen dieser gefährlichen Geschöpfe bereiten, nicht verzichten. So lässt er sich vorsichtigerweise an den Mast des Schiffes binden, um dem gefährlichen Gesang nicht zu verfallen.
Wie kann, was reiner Klang ist, sich in mächtiges Liebessehnen verwandeln? Wie ist es möglich, allein durch das Gehör Sinnlichkeit anzusprechen? Warum spielt Musik in der Liebe eine so hervorragende Rolle? Wir fragen nach dem Ursprung der tiefen erotischen Wirkung von Gesang, Tanz und Musik. Was erklärt den Zauber musikalischer Töne und Rhythmen?
Arnold Schönberg sprach einmal vom „Triebleben der Klänge“. In welchem Verhältnis steht dieses zum Triebleben des Menschen?

In Ovids Metamorphosen werden Ursprung und Gehalt der Musik dargestellt. Schon in diesem Ursprungsmythos gehen Musik und Eros eine Verbindung ein: Der Klang der Panflöte soll die verlorene Geliebte erreichen. Ernst Bloch, dessen Darstellung wir seiner sprachlichen Schönheit wegen hier folgen, bezeichnet diesen Mythos als eines der schönsten Märchen der Antike.
„Pan jagte sich mit Nymphen, stellte einer dieser, der Baumnymphe Syrinx, nach. Sie flieht vor ihm, sieht sich durch einen Fluss gehemmt, fleht die Wellen an, ihre ,liquidas sorores‘, sie zu verwandeln. Pan greift nach ihr, da hält er nur Schilfrohr in Händen. Während seiner Klagen um die verlorene Geliebte erzeugt der Windhauch im Röhricht Töne, deren Wohlklang den Gott ergreift. Pan bricht das Schilf, hier längere, dort kürzere Rohre, verbindet die wohlabgestuften mit Wachs und spielt die ersten Töne, gleich dem Windhauch, doch mit lebendigem Atem und als Klage. Die Panflöte ist so entstanden, das Spiel schafft Pan den Trost einer Vereinigung mit der Nymphe, die verschwunden und doch auch nicht verschwunden, die als Flötenklang in seinen Händen blieb.“
So steht am Ursprung der Musik eine Sehnsucht nach dem Unerreichbaren. Im Flötenspiel wird das Abwesende zum Anwesenden; das Instrument, die Syrinx und die Nymphe sind eine Einheit. Die Nymphe ist entschwunden, und doch hält Pan sie in Gestalt der Syrinx in seinen Händen.

In den ersten Kapiteln wird die enge Verknüpfung von Musik und Geschlechtslust am Bespiel der künstlerischen „Prostitution“ skizziert, aufgezeigt an unterschiedlichen Kulturen; das Sinnlich- Körperliche wird insbesondere durch den Tanz und seine Rhythmen betont.
Dass Musik eine ungeheure Kraft ausübt, dokumentiert sich in all den Versuchen, sie zu reglementieren und ihren Einfluss einzuschränken.
Mit Philosophen wie Schopenhauer, Nietzsche und Kierkegaard versuchen wir, die Luftwurzeln der Musik nachzuzeichnen, die in eine andere Welt als die uns gewohnte reichen.
Kompositorisches Schaffen als Möglichkeit, den unerfüllt gebliebenen Liebeswunsch in Beglückung zu verwandeln: Diesem Thema gehen wir am Beispiel Beethovens und Hugo Wolfs nach.
Literarische Beispiele (Tolstoi, Thomas Mann, Arthur Schnitzler) zeigen uns die zum Teil fatale Macht der Musik.
Dass diese immer auch ein Echo früherer Erfahrungen ist, zeigt uns das psychoanalytisch orientierte Kapitel: Musik evoziert die Anwesenheit eines Abwesenden.
Nicht nur das Zusammenspiel mit anderen kann beglückend sein. Auch das Verhältnis zum Instrument selbst kann für den Musizierenden zum Liebesverhältnis werden.

Stets bleibt das Körperliche die Basis der Erotik. Doch wurde dies Element in einem mit der Kulturentwicklung fortschreitenden Sublimationsprozess zunehmend zugunsten eines „Geistig- Seelischen“ zurückgedrängt. In den letzten Kapiteln, die sich der Musik und dem Tanz der Gegenwart widmen, entsteht der Eindruck einer Rückkehr des Körperlichen, die zugleich als „Befreiung der Sexualität“ gefeiert wird.
Doch schon die Suche nach der Erotik in der romantischen Musik führte zu der Entdeckung, dass sie auch Echo ist auf körpereigene Vorgänge: das Echo des eigenen Herzschlags, des eigenen Atems, des eigenen Begehrens.
Das Verhältnis von Erotik und Musik im Medium der Sprache zu beschreiben, kann nur als Versuch einer Annäherung bezeichnet werden. Wer versucht, eine schillernde Seifenblase in seinen Besitz zu bringen, wird sie zum Platzen bringen und hat statt ihrer eine kleine klebrige Pfütze an seinem Finger kleben. So kann es mit unserem Thema ergehen: Wir spannen das Gitter der Sprache aus, und was bleibt, sind einige Wort-Pfützen auf dem Papier, in denen das Geheimnis des Wechselverhältnisses nicht mehr zu finden ist. Aufgrund der Inkompatibilität der beiden Sprachen, der Sprache der Musik und der des Wortes, ist der Erkundung des Themas damit von vornherein eine methodologische Grenze gesetzt.
So lassen wir die schillernde Kugel dahinschweben. Was wir versuchen, ist, sie bei unterschiedlichem Lichteinfall und aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten.

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