Trommeln des hohen Nordens: Schamanismus und die Schamanen Sibiriens
Der Schamanismus ist eine sehr alte Religion, die auf einer vielseitigen Gesamtheit von Schöpfungsmythen und Mythen aufbaut, die von einer parallel existierenden Welt und einem Pantheon der Gottheiten handelt. Von einer abstrakteren Ebene betrachtet, geht es dabei um ein komplexes System aus verschiedenen Weltbildern und den daraus erwachsenden Reaktionen. Das Phänomen des Schamanismus erwächst aus der Persönlichkeit des Schamanen und seinen Handlungen.
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Völker des Hohen Nordens. Kunst und Kultur Sibiriens (ISBN: 9781639197842) von Valentina Gorbatcheva und Marina Federova, herausgegeben von Parkstone International.
Der Begriff “Schamane” stammt aus der evenkischen Sprache und bezeichnet diejenige Gruppe von Menschen, deren Vorrecht und Pflicht es ist, zwischen den Menschen und den Geistern zu vermitteln. Tatsächlich sind einzig die Schamanen dazu in der Lage, nach Absolvierung eines speziellen Initiationsritus durch die verschiedenen Ebenen des Universums zu reisen und mit den Bewohnern der anderen Welten in Kontakt zu treten. Sie tun dies stets mit einem konkreten Ziel und auf Bitten der Gemeinschaft oder einer einzelnen Person. Meist ruft man den Schamanen, um bestimmte Probleme zu lösen, eine ungünstige Situation zu überwinden oder auch um eine segensreiche Zukunft zu bitten, in die Zukunft zu schauen, die Naturgewalten oder das Wetter zu beeinflussen.
Früher lösten die Schamanen Furcht und einen tiefen Respekt bei den Ureinwohnern Sibiriens aus. Ihre Autorität wurde dabei jedoch proportional am Erfolg ihrer Sitzungen gemessen, und sie genossen keine besonderen Privilegien. Während der Sowjetzeit waren sie massiven Repressalien ausgesetzt und sind dadurch selten geworden. In bestimmten Regionen zum Beispiel erinnern sich nur noch die Alten an sie.
Das Geschlecht spielt für den Schamanen keine Rolle, zumal er sich bei der Ausübung seiner Tätigkeit nicht selten in die Verkleidung des anderen Geschlechts schlüpft. Zu Beginn der Entwicklung des Schamanismus muss das Prinzip bestanden haben, dass der Schamane das entgegengesetzte Geschlecht seines ihn schützenden Geistes haben musste. Die weiblichen Schamanen werden genauso geschätzt wie die männlichen, doch büssen sie ihre besonderen Fähigkeiten bei jeder Schwangerschaft und nach der Niederkunft für einige Jahre ein.

Die für einen Schamanen besonderen Fähigkeiten erhält er auf drei unterschiedliche Weisen: ent-weder durch Vererbung, durch freiwilliges Ersuchen oder durch Wahl.
Bei den Nenzen wird das Vorhandensein eines gedehnten trommelförmigen Mals am Körper eines Neugeborenen häufig als Zeichen einer Vorbestimmung zum Schamanen gewertet. Die Wahl zum künftigen Schamanen hingegen ge-schieht in den meisten Fällen schon im heranwachsenden Alter. Empfindet jemand von sich aus den Wunsch, Schamane zu werden, geht er so lange konzentriert in sich, bis sich ihm sein Schutzgeist zu erkennen gibt. Ob er nun berufen wird oder ob er freiwillig Schamane wird, der erste Schritt hin zum Schamanentum besteht stets in einer Zeit der Einsiedelei. Der werdende Schamane zieht sich auf unbestimmte Zeit in die Wälder oder in ein Haus zurück. In dieser Zeit fastet und singt er oder durchläuft die Initationsprüfungen, die sein Schutzgeist für ihn vorgesehen hat. Hierzu gehören besonders körperliche und sexuelle Enthaltsamkeit.
Auf diese erste Phase des Rückzugs folgt die praktische Einführung des neuen Schamanen unter der Aufsicht eines erfahrenen Lehrers. Dabei kann es sich auch um einen Verwandten handeln. Der Neuling erfährt nun, welche Wege die verschiedenen Welten verbinden, lernt sie zu beschreiten und die Pfade kennen, auf denen die Geister wandeln und wie er mit ihnen kommunizieren kann. Nach dieser Einführungszeit unterzieht der Lehrer den jungen Schamanen schliesslich einer Schamanenweihe.

Der Schamane erhält nun zur Ausübung seines Amtes die dazu notwendige Ausstattung. Dazu gehört ein besonderes Kostüm, eine Trommel, ein Stock, verschiedene Amulette, kurzum, ein ganzes “Set” verschiedener Gegenstände, die zuvor von der gesamten Gemeinschaft unter strenger Beachtung der bestehenden Regeln angefertigt wurden. So dürfen die Kostüme bei den Evenken nur von Jungfrauen angefertigt werden, während ausschliesslich die männlichen Verwandten des Schamanen mit der Herstellung der verschiedenen Behänge für das Kostüm betraut werden. Die Anfertigung der Verzierungen der Trommeln ist Aufgabe der Frauen. Um seine Weihe abzuschliessen, muss der Schamane die von ihm benutzten Gegenstände durch einen besonderen Gesang beleben.

In den Gesangstexten zählt er alle Glaubensvorstellungen und Kenntnisse um diejenigen Tiere auf, aus denen seine Trommel gefertigt wurde. Die Wichtigkeit dieses letzten Rituals rührt daher, dass der Schamane seine Fähigkeiten erst anwenden kann, wenn er tatsächlich auch im Besitz seiner Ausrüstungsgegenstände ist. Erst wenn er sein Kostüm angelegt, sich mit seiner Trommel und seinem Stock ausgestattet hat, erlangt er diejenigen Kräfte, die für die Kontaktaufnahme mit den Geistern vonnöten ist. Die wichtigsten Schutzgeister unter ihnen verleihen ihm schliesslich die Fähigkeit, zwischen den verschiedenen Welten zu reisen.
Um einen besseren Einblick in Die Völker des Hohen Nordens zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:
Schamanen werden auch in unserem Titel „Die Kunst Sibiriens“ erwähnt.
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