Die verborgene Welt der Homosexualität in der italienischen Renaissance
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Homosexualität in der Kunst (ISBN: 9781783106233), von James Smalls, herausgegeben von Parkstone International.
Das Wort „Renaissance“ bedeutet Wiedergeburt. Es bezeichnet insbesondere die Wiedergeburt der griechischen und römischen Kunst, Literatur, Philosophie und Wissenschaft und, weiter gefasst, das Streben nach weltlichem und empirischem Wissen. Die Renaissance ist insofern eine gewisse Umkehrung der mittelalterlichen Ziele, als sich die Künstler nun stärker auf die natürliche denn auf die übernatürliche Welt konzentrierten. Das Individuum und seine Erfahrungen wurden wichtiger als die Kultivierung eines rein spirituellen Lebens angesehen. Dieser Wandel ging auf die Auswirkungen des Humanismus im späten 14. Jahrhundert in Europa zurück. Der Humanismus begann mit den klassisch geschulten Autoren Francesco Petrarca und Giovanni Boccaccio , die sich beide für die menschliche Existenz interessierten und in der klassischen Vergangenheit nach Inspiration suchten. Dabei entwickelten sie auch ein Interesse an der Homosexualität, weil sie in heidnischen Mythen, Chroniken, Gebräuchen und Kunstwerken eine wichtige Rolle spielte. Die Humanisten bestanden darauf, klassische Formen und Gegenstände wieder mit ihrer ursprünglichen Bedeutung der Päderastie zu vereinigen. Keineswegs war jeder Humanist ein Homosexueller, aber viele von ihnen brachten Sympathie für das Verlangen auf, homoerotische Neigungen zu artikulieren und verkehrten mit Mitgliedern einer immer sichtbarer werdenden intellektuellen und homosexuellen Subkultur. Die privaten und öffentlichen Bekenntnisse zu homoerotischen Neigungen solcher Künstler wie Michelangelo und Sodoma in Zentren künstlerischer und homosexueller Aktivitäten wie Florenz und Venedig belegen eine „frühmoderne“ individuelle und kollektive homosexuelle Identität in der Renaissance. Saslow schreibt, dass in dieser Zeit „…einige Männer verstanden zu haben scheinen, dass sie eine ganz eigene Persönlichkeit besaßen – oder sie wussten zumindest, dass andere dies dachten“

Die Blütezeit der italienischen Renaissance reicht von den späten 90er Jahren des 15. bis in die 30er Jahre des folgenden Jahrhunderts. Der klassische Humanismus verbreitete sich überall und der Hedonismus, der mit ihm einherging und u.a. auch die Bisexualität umfasste, wurde zunehmend toleriert. Das zentrale Spannungsverhältnis in dieser Zeit bestand in dem Versuch, einen starken Katholizismus mit dem Wissen und den Werten aus heidnischen Traditionen und Wissenschaft in Einklang zu bringen. Viele Humanisten beriefen sich auf die klassische Mythologie, um ihre Homosexualität zu rechtfertigen. Allerdings verstärkte sich die staatliche Unterdrückung der Homosexualität durch polizeiliche Maßnahmen in dem Umfang, in dem sie immer sichtbarer hervortrat. Wir wissen aus Gerichtsakten, dass sich die Sodomie in allen Schichten ausbreitete, vom königlichen Hof über Kleriker bis hin zu Schriftstellern und Künstlern. Wie schon im Mittelalter bezeichnete der Begriff Sodomie nicht nur Analverkehr, sondern alle sexuellen Praktiken, die man als wider die Natur empfand. Hierzu gehörten neben der Masturbation und homosexuellen Praktiken der Analverkehr, Sex mit Tieren und die Vergewaltigung von Jungen. Der Analverkehr blieb allerdings das Hauptziel. Obwohl die Sodomie in der Gedankenwelt der Renaissance sehr präsent war, blieb sie ein Tabu, dessen Bruch mit dem Tod auf dem Scheiterhaufen geahndet wurde – was wiederum mit der biblischen Zerstörung von Sodom und Gomorrha assoziiert wurde.
Der Ausbruch der Pest unterstrich die Konnotation der Sodomie als einen destruktiven Akt, der den Zorn Gottes heraufbeschwor. Die Sodomie wurde häufig von einem Paar praktiziert, das aus einem älteren und einem jüngeren Mann bestand, wobei der ältere die aktivere Rolle übernahm. Sowohl in Venedig als auch in Florenz galt die Schuld des aktiven Partners als die größere. Die Unterscheidung zwischen aktiver und passiver Sodomie taucht erstmals in der Mitte der 40er Jahre des 15. Jahrhunderts in den Akten auf. In Venedig wurden im 14. Jahrhundert alle Straftaten von den Signori die Notte und im 15. Jahrhundert vom Rat der Zehn verfolgt. Diese Gremien bestanden aus Männern der mächtigen Familien. Manchen Wissenschaftlern zufolge wurde die Sodomie in der Renaissance als ein schweres, mit Hochverrat und Häresie vergleichbares Verbrechen angesehen.

Sowohl in Venedig als auch in Florenz scheint im 14. und 15. Jahrhundert eine homosexuelle Subkultur existiert zu haben, die im Verlauf der Zeit immer deutlicher zutage trat. Sie umfasste Menschen aus allen Schichten, vom Bauern bis hin zu Aristokraten. Für dieses sich ausdehnende homosexuelle Milieu unter Beteiligung der höheren Schichten war unter Umständen „das Anwachsen humanistischer Studien verantwortlich“ sowie das Bemühen, die Ideen und Taten der antiken Vorbilder nachzuahmen (Ruggiero, 135). Die Unterscheidung zwischen der gesellschaftlichen Einstellung zu gleichgeschlechtlichen Beziehungen im Italien der Renaissance und der literarischen und künstlerischen Darstellung solcher Verhältnisse im 15. und 16. Jahrhundert ist sehr wichtig. Seit dem 13. Jahrhundert galt die Sodomie als Verbrechen und wurde für eine Serie der Westeuropa heimsuchenden Seuchen und Katastrophen verantwortlich gemacht. Im 15. Jahrhundert intensivierten die Behörden in Florenz und Venedig ihre Bemühungen, das Moralverhalten durch polizeiliche Maßnahmen zu überwachen. Die florentinischen Behörden riefen 1432 das Amt der Nacht ins Leben – eine besondere Kommission zur Verfolgung der Sodomie. Zwischen 1424 und 1425 hielt San Bernardino von Siena in Florenz vier berühmte Predigten, in denen er eine erschreckende Beschreibung des Sodomiten als eines Mörders gab, „…dessen Gestank den Himmel erreicht hat“ (Armando Maggi, “Italien Renaissance“, in Haggerty). Er warf aufrührerischen Brüderschaften vor, neben politischem Abfall auch die Sodomie zu propagieren. Als die Anzahl der Fälle von Sodomie nach 1400 in Venedig und Florenz anstieg, bemühte sich die Kirche, den Schaden durch eine aggressivere Rhetorik gegen die Sodomie zu begrenzen.
Florenz war im 15. und 16. Jahrhundert eines der dynamischsten kulturellen Zentren Europas. Es hatte den Ruf, eine Stadt zu sein, die Homosexuelle gewissermaßen willkommen hieß. Der florentinische Hang zur Sodomie war im Europa des 16. Jahrhunderts so sprichwörtlich, dass man sodomistische Praktiken in Deutschland auch „florenzen“ und Sodomiten „Florenzer“ nannte (Michael Rocke, “Florence“, in Haggerty). Florenz war mit seiner fast paranoiden Antwort auf eine immer sichtbarer werdende Homosexualität allerdings nicht allein. Auch im Venedig des 14. und 15. Jahrhunderts machte man sich Sorgen um die angeblich häufige Praktizierung der Sodomie und weiterer homosexueller Gewohnheiten. In Venedig sprach man von der Sodomie als „jener niederträchtigsten Tat“, „dem schlimmsten Verbrechen“, „der berüchtigtsten Sünde“

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