Die Linse als Zeitzeuge

Nackt, das Gesicht verzerrt von Schmerz, voller Todesangst: wohl kaum ein anderes Bild verdeutlicht die Schrecken des Vietnamkrieges so eindrucksvoll wie das Foto, das die neunjährige Phan Thi Kim Phúc zeigt, wie sie 1972 in Trang Bang, einem Dorf unweit von Saigon, vor einem Napalm-Luftangriff flieht. Die Fotografie verbreitete sich rasch um die ganze Welt und machte das Mädchen zur Ikone des Vietnamkrieges.

Nick Ut, 1972, World Press Photo of the Year.
Nick Ut, 1972, World Press Photo of the Year.

Rund zehn Jahre zuvor ging Malcolm Brownes schockierende Aufnahme eines brennenden vietnamesischen Mönchs ins kollektive Bildgedächtnis der Menschheit ein – als Manifest für die Auflehnung gegen die Unterdrückung eines Volkes und als Symbol gegen die Instrumentalisierung von Individuen zugunsten der Erreichung eines höheren Ziels. Selbst der damalige US-Präsident John F. Kennedy bekannte, „kein Pressefoto hat weltweit mehr Gefühle ausgelöst als dieses hier“.

Malcom Browne, 1963.
Malcom Browne, 1963.

Beide Fotos wurden mit dem Pulitzerpreis bedacht bzw. als World Press Foto ausgezeichnet. Ob sie als zeithistorische Dokumente zu interpretieren sind oder als Kunstobjekte gelten sollten, hängt von der Perspektive ab. Unbestritten zeugen sie von Tod, Grausamkeitund Zerstörung, die sie mit einem gewissen ästhetischen Anspruch und unter Anwendung perfektionierter Arbeitstechniken abbilden. Doch darüber hinaus reflektieren sie auch die propagandistische Macht des Bildes. Der Betrachter sollte sich aber stets daran erinnern, dass eine Fotografie immer nur einen limitierten Ausschnitt des wahren Geschehens abbildet und dadurch weniger ein Spiegel der Wirklichkeit, sondern vielmehr ein Konstrukt einer Subrealität ist.

Dieser Aspekt wird vor allem von einem weiteren ikonischen Foto des Vietnamkrieges beleuchtet: es zeigt den südvietnamesischen General Nguyen Ngoc Loan bei der Exekutierung eines Viet Cong-Offiziers. Die Abbildung wurde erneut zu einem Symbol für den Wandel der öffentlichen Meinung über den Krieg und sollte General Loan bis an sein Lebensende verfolgen.

Eddie Adams, 1965.
Eddie Adams, 1965.

Später wurde jedoch bekannt, dass der Hingerichtete allein an diesem Tag für die Ermordung von acht Zivilisten verantwortlich war, darunter die Familie von Loans Freund. Der Fotograf Eddie Adams schrieb später im „Time Magazine“: „Der General tötete den Vietcong, ich tötete den General mit meiner Kamera.“ Allen, die vom Medium Kriegsfotografie und seiner kontroversen Bedeutung fasziniert sind, sei die Ausstellung Photography and the American Civil War, die noch bis zum 2. September 2013 im Metropolitan Museum of Art in New York zu besichtigen ist, zu empfehlen.

Als Vorgeschmack dazu bietet sich die Neuerscheinung des im Verlag Parkstone International erschienenen Titels Der Krieg in der Kunst an, der neben den bedeutendsten globalen Konflikten auch einige der denkwürdigsten Gefechte im deutschsprachigen Raum portraitiert: vom Sieg des germanischen Heeres über die römischen Truppen im Teutoburger Wald über die Schlachten im Zuge des Dreißigjährigen Kriegs und den Wiener Türkenbelagerungen bishin zur Erbarmungslosigkeit der beiden Weltkriege.

Author: Parkstone International

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