Botticellis Venus – Die Schönheit des Makels

Es gibt Dinge, die man, hat man sie erst einmal bemerkt, nie wieder aus dem Kopf bekommt. Plötzlich schaut man auf das gleiche Gemälde, das man schon seit Jahren und Jahrzehnten kennt, und es ist nicht mehr dasselbe.

Venus, 1490. Tempera auf Leinwand. Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.
Venus, 1490.
Tempera auf Leinwand.
Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin.

Sandro Botticellis Gemälde werden oft zitiert, wenn es um die ‚bellezza ideale‘ geht. Dabei ist der florentinische Künstler in Sachen Anatomie nachweislich ein regelrechter Stümper gewesen. Die Proportionen vieler seiner Figuren sind falsch und verzerrt, die Haltungen unnatürlich bis anatomisch unmöglich. Auch seine Venus, personifizierter Zauber des Weiblichen, ist reichlich missgebildet. Sieht man sich den zu langen, krummen Hals, die verrenkte und etwas zu kleine Kopfpartie oder auch die Schultern an, wird schnell klar, dass diese Venus, träte sie aus dem Bild heraus ins wahre Leben, einen guten Orthopäden benötigen würde. Und trotzdem: Sie ist wunderschön, daran gibt es nicht den geringsten Zweifel.

Es ist vielleicht sogar dieser Umstand, der sie so besonders macht unter all den Darstellungen schöner Frauen, die im Laufe der Jahrhunderte entstanden sind: Botticelli lässt den Fehler zu. Die Göttin der optischen Perfektion unvollkommen darzustellen, hat etwas sehr Modernes und braucht Mut. Und zwischen Makel und Ideal entspinnt sich eine einzigartige Spannung, die man mit vollendeter Symmetrie niemals erschaffen kann.

Giuliano de' Medici (1453-1478), um 1478. Tempera auf Holz, 75,5 x 52,5 cm. National Gallery of Art, Washington D.C.
Giuliano de’ Medici (1453-1478), um 1478.
Tempera auf Holz, 75,5 x 52,5 cm. National Gallery of Art, Washington D.C.

Die Venus ist übrigens nicht die einzige seiner Figuren, an denen sich dergleichen beobachten lässt. Die riesige, überhängende Nase des Giuliano de’ Medici  schmückt sein Gesicht auf prächtige Weise; in Botticellis Porträts junger Damen finden sich mal ein fliehendes Kinn, mal eine überhohe Stirn, mal sind es seltsam krumme Hände, ein anderes Mal ein unnatürlich langer Hals. So ist er auch heute noch eine Inspiration für ein Schönheitsideal jenseits der Norm und damit so aktuell wie nie. Das Leitmotiv könnte lauten: Niemand ist perfekt, schön sind wir trotzdem.

Die Modernität und Rezeption Botticellis stehen auch im Mittelpunkt der aktuellen Ausstellung „The Botticelli Renaissance“ der Gemäldegalerie in Berlin. Sie vereint namhafte Kunstwerke, die an Botticelli angelehnt sind, von Hommage bis Replik. Darunter sind Werke von Edgar Degas, Edward Burne-Jones, William Bouguereau, Dante Gabriel Rossetti, William Morris, David LaChapelle, René Magritte, Andy Warhol, Cindy Sherman und Bill Viola.

Porträt einer jungen Frau, um 1475. Tempera auf Tafel, 61 x 40 cm. Galleria Palatina (Palazzo Pitti), Florenz.
Porträt einer jungen Frau, um 1475.
Tempera auf Tafel, 61 x 40 cm.
Galleria Palatina (Palazzo Pitti), Florenz.

Wer mehr über den florentinischen Meister Sandro Botticelli erfahren möchte, dem sei das eBook über Botticelli ans Herz gelegt.

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