Henri Rousseau, Der Krieg oder Die reitende Zwietracht, 1894, Naive Kunst, Nathalia Brodskaya
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Naive Kunst: „Nachfolger“ der primitiven Künste am Ende des 19. Jahrhunderts

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Naive Kunst (ASIN: B00KHLOX3C), von Nathalia Brodskaya herausgegeben von Parkstone International.

Die „naiven Maler” wurden in Europa am Anfang des 20. Jahrhunderts bekannt. Woher kamen sie und wer waren sie eigentlich? Die Antwort muss man in der Vergangenheit suchen. Dabei ist aber oft genug das Interesse an den Menschen, die naive Maler entdeckt haben, größer als das Interesse an den Künstlern selbst. Und das ist durchaus natürlich, denn hätte sich die junge Avantgarde der europäischen Kultur, die mittlerweile ein Bestandteil der Kunstgeschichte ist, diesem Phänomen nicht zugewandt, wäre es der Welt wohl auch für immer verborgen geblieben. Diese Avantgarde bestand aus Künstlern, deren Schaffen bereits am Ende des 20. Jahrhunderts als Kunstgeschichte galt. Es ist kaum möglich, André Bauchant, Henri Rousseau, Louis Vivin, Niko Pirosmani oder Ivan Generalić losgelöst von Max Ernst, Joan Miró, Pablo Picasso, Henri Matisse oder Michail Larionow zu betrachten.

Die Werke der Naiven haben eine Unmenge von Problemen ausgelöst, deren Bewältigung die Forscher noch lange in Anspruch nehmen wird, weil in erster Linie die Quellen ihrer Kunst und die Beziehungen der Naiven zur offiziellen, akademischen Kunst herauszufinden sind. Aber möglicherweise gibt es auf diese Fragen nicht nur eine Antwort oder Meinung. Die Forschung wird zudem dadurch erschwert, dass immer noch neue Künstler entdeckt werden, deren Werke die Vorstellung von der Naiven Malerei zwar nicht verändern, sie jedoch sicherlich erweitern.

Anonym, Elands mit Menschen, Naive Kunst, Nathalia Brodskaya
Anonym, Elands mit Menschen. Region von Kamberg, Afrika.

Deswegen ist es uns zum einen auch absolut unmöglich, ein einigermaßen genaues oder gar ausführliches Bild der Naiven Kunst zu entwerfen, und nur deswegen müssen wir uns zum anderen damit begnügen, verschiedenartige, besonders herausragende Gemälde zu präsentieren, die in ihrer Gesamtheit eine gewisse Vorstellung von dieser so wenig bekannten Kunstströmung geben. Und womöglich ist dies vorerst nur eine Skizze des Bildes, dessen Vollendung künftigen Generationen vorbehalten bleibt.

Es ist schwierig, ja fast unmöglich, einen direkten Einfluss der Malerei von Henri Rousseau, Niko Pirosmani oder Ivan Generalić auf die professionelle Kunst zu erkennen. Der Grund dafür liegt auf der Hand: diese Maler hatten keine gemeinsame Schule und keiner von ihnen hat sich im Grunde genommen für ein eindeutiges, nur ihm eigenes System entschieden. Deshalb wird die Kunst der Naiven auch von vielen Kunsthistorikern nicht untersucht. Denn das, was es erlauben würde, ihre Kunst als eine Erscheinung mit klaren Umrissen zu sehen, ist äußerst schwer zu finden.

Aristide Caillaud, Der Verrückte, 1942, Naive Kunst, Nathalia Brodskaya
Aristide Caillaud, Der Verrückte, 1942. 81 x 43 cm. Musée d’Art moderne de la Ville de Paris, Paris.

Die Probleme beginnen bereits mit der Benennung dieser Kunst. Es gibt keinen Terminus, der ihr Wesen erschöpfend beschreiben könnte. Bei der Frage nach dem Namen greifen die Kunsthistoriker gewöhnlich nach Definitionswörterbüchern, in denen der auf die Kunst angewandte Terminus „primitiv” erklärt wird mit: „Maler und Bildhauer, die den Künstlern der Renaissance vorangingen”. Diese Definition, die im 19. Jahrhundert entstand, ist veraltet, denn in den Begriff „primitive” Kunst gingen im 20. Jahrhundert sowohl die Kunst der außereuropäischen Zivilisationen als auch die Kunst der Naiven Maler ein; dieser Begriff war derart breit angelegt, dass er diese so unterschiedlichen Kunsterscheinungen in sich vereinen konnte. Somit ist der Terminus „primitiv”, um die Kunst der Autodidakten zu kennzeichnen, nicht konkret genug. Das Wort „naiv”, das – emotional gesehen – über solche Synonyme wie: arglos, natürlich, zutraulich, unerfahren, ungekünstelt und vertrauensselig verfügt, entspricht durchaus dem Geiste dieser Maler. Aber mit den Worten von Louis Aragon kann man sagen, „… dass es naiv wäre, diese Malerei für naiv zu halten.”

Nicht ohne Grund tauchten immer wieder neue Termini auf, deren Urheber versuchten, in ihren Definitionen der „naiven” Maler nichts außer Acht zu lassen. „Maler des heiligen Herzens” nannte der Kunstschriftsteller Wilhelm Uhde die Künstler der Pariser Ausstellung von 1928, und dadurch unterstrich er ihre Unverdorbenheit, die Reinheit ihrer Seele. Der Name, den der französische Kunstexperte René Huyghe wiederum diesen Malern gab, war überwiegend mit deren Schaffensmethode verknüpft. Er nannte sie „Maler des Instinkts”. Als Versuch, diese Künstler von denen zu trennen, die im 19. Jahrhundert als „primitive” Maler bezeichnet wurden, entstand durch andere der Terminus „Neo-Primitive”, und wiederum ein anderer hatte den Terminus „Sonntagsmaler” in Umlauf gebracht, der alles über die soziale Lage der Leute aussagte, die während der Woche arbeiten mussten und ihre künstlerische Leidenschaft nur am Sonntag ausleben konnten.

Séraphine Louis, Kirschen, Naive Kunst, Nathalia Brodskaya
Séraphine Louis, genannt Séraphine de Senlis, Kirschen. Öl auf Leinwand, 117 x 89 cm. Museum Charlotte Zander, Bönnigheim.

Die Tatsache, dass bei dieser großen Auswahl letztendlich doch der Terminus „Naive Maler” den Sieg davontrug (seine Anwendung auf den Titelseiten von Büchern und in den Namen der zahlreich entstandenen Museen dient als Beweis), zeugt davon, dass in ihm sowohl der moralische als auch der ästhetische Aspekt im Schaffen dieser Maler berücksichtigt waren. Gerd Claußnitzer meint, dass der Begriff „Naive Maler” den Standpunkt des im 19. Jahrhundert herrschenden Realismus widerspiegelt, der diese Malweise als unbeholfen und unprofessionell empfand. Aber für einen unerfahrenen Leser oder Betrachter verbarg sich hinter dem Terminus „Naive Maler” vor allem ein malender Mensch.

Der natürliche Wunsch eines jeden Kunsthistorikers ist es, die Naiven Maler aufgrund gewisser Gemeinsamkeiten klassifizieren zu wollen. Die völlige Unabhängigkeit der Naiven von jeglichen Schulen und Programmen macht dies aber unmöglich. Für die professionellen Maler aber war gerade das bemerkenswert. Maurice Vlaminck schrieb am Ende seines Lebens: „Ich schien ein Fauvist, dann Cézanne-Anhänger gewesen zu sein. Alles, was Sie wollen, ich bin einverstanden, aber nur, wenn ich vor allem Vlaminck war.” Diese Unabhängigkeit zeichnete die Naiven von Anfang an aus, sie war ihr gemeinsames Erkennungszeichen. Und, so paradox es auch scheinen mag, gerade sie war der Grund für eine gewisse Ähnlichkeit. Das Instinktive in ihrem künstlerischen Schaffen hatte nicht nur gemeinsame Sujets und gemeinsame Motive zur Folge, sondern bedingte auch eine ähnliche Auffassung vom Modell und im Ergebnis eine ähnliche Malweise. Außerdem existierten solche Kunstbereiche, mit denen fast alle Naiven Maler mehr oder weniger verbunden waren. Allen voran ist hier die Volkskunst zu nennen…

Entdecken Sie mehr auf:

Croatian Museum of Naïve Art

Museum of Naïve and Marginal Art (MNMA)

Museum of Naïve and Marginal Art, Jagodina, Serbia

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