Die Wunder der Tataren in Marco Polos legendärem Buch
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Das Buch der Wunder (ISBN: 9781783106950), von Marco Polo, herausgegeben von Parkstone International.
Beim Beginn der Beschreibung der Länder, welche Marco Polo in Asien besuchte, und der der Beachtung würdigen Dinge, die er darin gesehen hat, ist es nötig zu bemerken, dass wir zwei Armenien unterscheiden, Groß- und Kleinarmenien. Der König Kleinarmeniens wohnt in einer Stadt, Sebastoz genannt, und hält gut Regiment und Gerechtigkeit.
Das Land hat viele Städte, Festungen und Schlösser, und es mangelt nichts, was der Mensch zur Nahrung und Bequemlichkeit braucht. Wildbret an Vögeln und vierfüßigen Tieren ist genug da. Bemerkt muss aber werden, dass die Luft des Landes nicht besonders gesund ist. In früheren Zeiten wurden seine Bewohner als gar tapfere und erfahrene Kriegsleute erachtet, aber gegenwärtig sind sie weibisch und weichlich und lieben Essen und Trinken, Müßiggang und Üppigkeit. An der Seeküste liegt eine Stadt, Namens Giazza, ein bedeutender Handelsplatz. Ihr Hafen wird von vielen Kaufleuten aus mancherlei Ländern besucht, auch aus Venedig und Genua, die Gewürze und Spezereien, Seiden- und Wollwaren, samt anderen köstlichen Dingen einhandeln, und wer in das Innere der Levante ziehen will, muss gewöhnlich zuerst in diesen Hafen Giazza kommen. Die Grenzen des Landes nach Mittag sind das Land der Verheißung, welches jetzt die Sarazenen inne haben, nach Mitternacht Karamanien, welches von den Turkomanen bewohnt wird, gegen Nordosten liegen die Städte Kaisariah, Sevasta und viele andere, die den Tartaren unterworfen sind, und gegen Westen wird es vom Meere bespült, darauf man gegen die Christenheit fährt.
Die Einwohner Turkomanien sind in drei Klassen zu scheiden. Die Turkomanen, die Mahomet verehren und seinem Gesetz folgen, sind ein rohes Volk und aller Bildung bar. Sie wohnen in den Bergen und in schwer zugänglichen Plätzen, wo sie gute Weiden für ihr Vieh finden, von dem allein sie leben. Es gibt hier eine ganz vortreffliche Zucht von Pferden, welche Turki genannt werden, und schöne Maulesel, die zu hohen Preisen verkauft werden. Die anderen Klassen sind Griechen und Armenier, die in Städten und festen Plätzen wohnen und von Handel und Gewerbe leben. Die besten und schönsten Teppiche werden hier gewirkt und Seidenstoffe von Karmoisin und anderen reichen Farben. Zu den vornehmsten Städten gehören Kogni, Kaisariah und Sevasta, in welcher letzteren St. Blasius die glorreiche Krone des Märtyrertums errang. Sie sind alle dem großen Khan unterworfen, dem Kaiser der orientalischen Tartaren, welcher ihnen Statthalter setzt.

Großarmenien ist eine ausgedehnte Provinz, an derem Eingange die Stadt Arzingan liegt, wo sich eine Manufaktur von feinem Baumwolltuch befindet, welches ÙBombazin genannt wird, wie noch eine Menge anderer merkwürdiger Fabriken, die aufzuzählen zu weitläufig sein würde. Es gibt hier die schönsten warmen Quellen und die heilsamsten Bäder. Seine Einwohner sind größtenteils Armenier, aber unter der Herrschaft der Tartaren. In diesem Land gibt es viele Städte, aber Arzingan ist die vorzüglichste und der Sitz eines Großbischofs. Die wichtigsten nach ihr sind Argiron und Darziz. Im Sommer kommt ein Teil des Heeres der östlichen Tartaren in das Land mit ihrem Vieh wegen der guten Weiden, die hier sind, aber beim Herannahen des Winters ziehen sie hinweg, weil der Schnee dann so hoch fällt, dass die Pferde keine Nahrung finden würden. Darum ziehen die Tartaren wegen der Wärme mit ihrem Vieh mittagwärts. Es ist allda ein Schloss, das Paipurth heißt, an welchem man vorüber muss, wenn man von Trapezunt nach Tauris reist, und es befindet sich eine reiche Silbermine darin. In dem mittleren Teil Armeniens befindet sich ein sehr großer und hoher Berg, auf welchem, wie man sagt, die Arche Noah nach der Sündfall stehen geblieben sei. An seinem Fuß kann man ihn in nicht weniger als in zwei Tagen umgehen. Hinaufsteigen kann man nicht wegen des Schnees, der oben liegt und nie schmilzt, sondern nach jedem Schneefall noch zunimmt. In der niederen Gegend jedoch, nach der Ebene zu, wird der Boden durch das Schmelzen des Schnees fruchtbarer gemacht, und es besteht ein so üppiges Pflanzenleben, dass alles Vieh, welches aus den benachbarten Gegenden dahin zusammengetrieben wird, das reichste Futter findet. An Armenien nach Endwesten grenzen die Länder Mosul und Maredin, die nachher beschrieben werden sollen, und viele andere, die zu zahlreich sind, als dass man ausführlich darüber reden könnte. Nach Mitternacht zu liegt Zorzania; dort findet man an der Grenze einen großen Brunnen mit Öl, dass man viele Kamele damit beladen kann. Nicht zur Speise braucht man dieses Öl, sondern als eine Salbe zur Heilung von Hautkrankheiten an Menschen und Vieh, so wie für andere Übel; auch kann man es gut zum Brennen benutzen. In der benachbarten Gegend wird kein anderes für die Lampen gebraucht, und die Leute kommen von weit her, um es sich zu holen.
In Zorzania wird der König gewöhnlich David Melik genannt, was in unserer Sprache ıDavid der König„ bedeutet. Ein Teil des Landes ist den Tartaren unterworfen, und der andere Teil ist, in Folge der Kraft seiner Festungen, im Besitz seiner eingeborenen Fürsten geblieben. Es liegt zwischen zwei Meeren, von denen das eine nach der Nord- (West-)Seite das Große Meer (Euxinus) und das andere auf der Ostseite der See Abaku (Kaspisches Meer) genannt wird. Das Letztere hat 2 300 Meilen im Umfang und die Beschaffenheit eines Sees, denn es steht mit keinem anderen Meer in Verbindung. Es hat verschiedene Inseln mit schönen Städten und Schlössern. Einige von ihnen werden von einem Volk bewohnt, welches vor dem großen Tartarenkhan, als er das Königreich oder das Land verwüstete, floh und Schutz auf diesen Inseln oder in der Wildnis der Gebirge suchte; andere von den Inseln sind unbewohnt. Das Kaspische Meer hat an der Mündung der Flüsse Überfluss an Fischen, vorzüglich an Stören und Lachsen. In diesem Lande sind alle Wälder voll Bucksbäume. Man hat mir gesagt, dass in alten Zeiten die Könige des Landes mit dem Zeichen eines Adlers auf der rechten Schulter geboren worden waren. Die Bewohner sind wohlgebildet, kühne Schiffer ausgezeichnete Bogenschützen und tapfere Kämpfer in der Schlacht. Sie sind Christen, die sich nach der Weise der griechischen Kirche halten, und tragen ihr Haar kurz, nach Art der westlichen Geistlichen. Dies ist dasselbe Land, in welches Alexander der Große nordwärts vordringen wollte aber nicht weit kommen konnte wegen der Enge und Schwierigkeit eines gewissen Passes, der auf der einen Seite vom Meere bespült und auf der anderen von hohen Bergen und Wäldern in der Länge von vier (italienischen) Meilen begrenzt wird, so dass wenige Leute im Stande wären, ihn gegen die ganze Welt zu verteidigen. Als Alexander dem Großen der Versuch misslungen war, ließ er eine große Mauer am Eingang des Passes aufführen und befestigte sie mit Türmen, um die, welche jenseits wohnten, abzuhalten, ihm Schaden zuzufügen. Wegen seiner außerordentlichen Festigkeit hat der Pass den Namen des eisernen Tores erhalten, und es heißt gewöhnlich, dass Alexander die Tartaren zwischen zwei Berge eingeschlossen habe.

Es ist jedoch nicht richtig, dieses Volk Tartaren zu nennen, denn das waren sie in jenen Tagen nicht, sondern Kumani mit einer Mischung von anderen Nationen. Viele Städte und Schlosser gibt es in diesem Land; was zum Leben gehört, findet sich im Überfluss dort; es wird viel Seide erzeugt und werden daselbst seidene Stoffe mit eingewobenem Gold verfertigt. Man findet hier auch Geier von außerordentlicher Größe und zwar von einer Gattung, die man Avigi nennt. Die Einwohner gewinnen im Allgemeinen ihren Lebensunterhalt durch Handel und Handarbeit. Die gebirgige Beschaffenheit des Landes mit seinen engen und festen Passwegen hat die Tartaren daran gehindert, die vollkommene Eroberung desselben zuwege zu bringen. Bei einem Mönchkloster, das dem Heiligen Leonhard gewidmet ist, sollen folgende wunderbare Dinge stattfinden. In einem Salzwassersee, der vier Tagereisen im Umfang hat und an dessen Ufer die Kirche liegt, erscheinen die Fische nicht eher als am ersten Frühlingstage, und von dieser Zeit bis zum Osterabend werden sie in ungeheurer Menge gefunden; aber von Ostern an werden sie nicht mehr gesehen und auch nicht während der ganzen übrigen Zeit des Jahres. Der See heißt Geluchalat. In den vorher erwähnten See Abaku, der von Bergen eingeschlossen ist, fallen die großen Flüsse Herdil, Geihon, Kur und Aras mit noch vielen anderen. Die genuesischen Kaufleute haben angefangen ihn zu beschiffen, und holen von dorther eine Art Seidenzeug, das ıGhellie„ genannt wird. Es liegt eine schöne Stadt in diesem Land, welche Teflis genannt wird, um welche Vorstädte und viele befestigte Plätze sind. Sie wird von armenischen und georgischen Christen, wie auch von einigen Mahometanern und Juden bewohnt, doch ist die Anzahl der Letzteren nicht groß. Es werden daselbst Seidenzeug und viele andere Stoffe gefertigt. Die Einwohner sind dem großen Könige der Tartaren untertan. Obgleich wir nur von wenigen der Hauptstädte sprechen, muss man doch wissen, dass noch viele andere da sind, die einzeln zu erwähnen unnötig ist, wenn sie nicht irgend merkwürdige Dinge enthalten; sollte sich eine Gelegenheit dazu zeigen, so sollen diese nachher noch beschrieben werden.

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