Die Kunst des Vergnügens
Art,  Deutsch,  Erotic

Erotik und sinnliche Kunst in Die Kunst des Vergnügens

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Kunst des Vergnügens (ISBN: 9781639199594), von Hans-Jürgen Döpp herausgegeben von Parkstone International.

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Kunst ermöglicht nicht nur Distanz, sie bedeutet auch die Freiheit mit dem Feuer zu spielen, ohne sich die Finger zu verbrennen. Sie spricht das Auge an, gewährt ein Liebäugeln mit den Verbotenen, ohne dass man sich strafbar macht. Diese Freiheit durch Distanz lässt sich an den unterschiedlichen Reaktionen der Leser pornographischer Zeitschriften und Betrachtern künstlerischer Werke beobachten. Hat man je einen Leser eines solchen Magazins lächeln gesehen? Eine stille Heiterkeit stellt sich aber häufig beim Betrachten von Kunstwerken ein, als würde die Kunst eine Milderung des unmittelbar Sinnlichen bewirken. Wer aber ein Kunstwerk abschätzig als pornographisch bezeichnet und sich vom künstlerischen Inhalt mit Ekel abwendet, bezeugt dadurch nur, dass er keinen Sinn für das Dargestellte hat. Diese Abscheu muss noch nicht einmal Zeichen einer besonderen Moral sein: Ein solcher Mensch hat einfach keine erotische Kultur.

Auch Eduard Fuchs, der Altmeister der erotischen Kunst, dessen Bücher zu seiner Zeit der Pornographie bezichtigt wurden, hält die Erotik für das Fundamentalthema aller Kunst. Sinnlichkeit sei in jeder ihrer Formen präsent. In diesem Sinn läuft es schon fast auf eine Tautologie hinaus, von erotischer Kunst sprechen zu wollen. Auf die Wahlverwandtschaft von Erotik und Ästhetik wies, lange vor Fuchs, schon Lou Andreas-Salomé hin: “Dass aber Kunsttrieb und Geschlechtstrieb so weitgehende Analogien bieten, dass ästhetisches Entzücken so unmerklich in Erotisches übergleitet, die erotische Sehnsucht so unwillkürlich nach dem Ästhetischen als Schmuck greift, das scheint ein Zeichen geschwisterlichen Wachstums aus der gleichen Wurzel.„

Chimot, 1910, erotik
Chimot, 1910.

Als man Picasso an seinem Lebensabend einmal nach dem Unterschied zwischen Kunst und Erotik fragte, antwortete er nachdenklich: “Aber – es gibt keinen Unterschied.„ Wie andere vor der Erotik, so warnte er vor der Kunst: “Kunst ist niemals keusch, man müsste sie von allen unschuldigen Ignoranten fernhalten. Leute, die nicht genügend auf sie vorbereitet sind, dürfte man niemals an sie heranlassen. Ja, Kunst ist gefährlich. Wenn sie keusch ist, ist sie keine Kunst.„ Aus diesem Grunde würden wahrscheinlich die “Tugendwächter„ so gerne Kunst und Literatur grundsätzlich abschaffen. Wenn der Geist der Inbegriff des Menschensein ist, dann sind alle die, die ihn in Gegensatz zum Sinnlichen setzen, Heuchler.

Laszlo Boris, 1921, erotik
Laszlo Boris, 1921.

Sexualität erhält erst, indem sie sich zu Erotik und Kunst entwickelt – manche übersetzen “Erotik„ mit “Liebeskunst„ – eine geistige, menschliche Form. Das vom Zivilisationsprozess Ausgeschlossene fordert ein eigenes, ihm entsprechendes Medium: die Kunst. “Pornographie„ ist ein wertender Begriff derer, die dem Erotischen gegenüber verschlossen sind. Ihre Sinnlichkeit, so ist anzunehmen, erfuhr keinerlei Bildung. Insofern sehen diese kulturell Unterprivilegierten, die gerne als Gutachter und Staatsanwälte auftreten, die Bedrohlichkeit der Sexualität auch dort, wo sie in ästhetisch gemilderten Formen auftritt. Auch die Feststellung, ein Werk verletze die Gefühle anderer Menschen, macht es noch nicht zu Pornographie. Kunst ist nicht nur da, um zu beglücken, es gehört auch zu ihren Aufgaben, zu irritieren und zu stören. Der Begriff der Pornographie ist also nicht mehr zeitgemäss. Künstlerische Darstellungen des Sexuellen gehören fraglos, ob sie irritieren oder erfreuen, zur Kunst, es sei denn, es handelt sich um geistlose und beschränkte Werke. Diese aber sind ungefährlich.

Franz von Bayros, c. 1910, erotik
Franz von Bayros, c. 1910.

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