Russische Malerei
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Pinselstriche über Bomben – Russland durch seine Kunst neu entdecken

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Russische Malerei (ISBN: 9781783106455), von Peter Leek, herausgegeben von Parkstone International.

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Die Gesellschaft für Wanderausstellungen hatte sich bis zu den 1890er Jahren so gut etabliert, dass drei ihrer Mitglieder (Repin, Polenow und Bogoljubow) eingeladen wurden, für die Akademie ein neues Statut zu entwerfen. Später wurden Repin, Schischkin, Kuindschi und Makowski zu Professoren ernannt. Aber genau in dem Moment des Erfolgs, in dem die Wanderer die akademischen Höhen erklommen hatten, begann die Gesellschaft auseinander zu fallen. Obwohl sie noch weiterhin bis in die 1920er Jahre Ausstellungen veranstaltete, gab es nun interne Streitereien, wer in Ausstellungen mitwirken und aufgenommen werden sollte, und aufstrebende Künstler fingen an, die Gesellschaft als rückständig und nicht länger als Motor des Fortschritts zu betrachten. Zusätzlich breiteten sich neue künstlerische Ideen aus. Der Realismus und die Volkstümlichkeit kamen aus der Mode und wurden durch die Konzentration auf die Kunst um der Kunst willen ersetzt. Dies kam in vielerlei Formen zum Ausdruck, vom Impressionismus und der russischen Art Nouveau bis hin zur abstrakten Kunst der 20er und 30er Jahre. Wie auch andernorts (zum Beispiel in Frankreich und Deutschland) führten die verschiedenen Bewegungen zur Bildung einer Fülle von Verbänden, Gruppierungen, Ausstellungen und Zeitschriften. Die als Welt der Kunst bekannte Bewegung gehörte zu den einflussreichsten dieser Zusammenschlüsse.

Wladimir Tatlin, Matrose, 1911, Russischen Malerei
Wladimir Tatlin, Matrose, 1911. Tempera auf Leinwand, 71,5 x 71,5 cm, Russisches Museum, St. Petersburg.

Die Welt der Kunst (Mir Iskusstva) wurde von einer Gruppe junger Künstler, Schriftsteller und Musiker in St. Petersburg gegründet, unter ihnen Léon Bakst, Alexander Benois, Konstantin Somow, Jewgeni Lanceray, der Schriftsteller Dimitri Filosow und der zukünftige Theaterdirektor Sergej Diaghilew, der bestrebt war, “… den Rang der russischen Kunst im Westen zu heben”. Diaghilew stellte sich rasch als ein motivierter Förderer heraus, der die ungewöhnliche Fähigkeit besaß, künstlerisches Potenzial zu erkennen. Er organisierte 1898 im Alter von 29 Jahren eine Ausstellung russischer und finnischer Künstler und überredete eine Reihe bekannter Moskauer Maler zur Teilnahme – unter ihnen Korowin, Lewitan, Nesterow, Rjabuschkin, Serow und Wrubel. Im folgenden Jahr hob er eine Monatszeitschrift, ebenfalls Mir Iskusstva genannt, mit bemerkenswert hochrangigen Hauptmitarbeitern aus der Taufe, zu denen Bakst, Benois und Igor Grabar zählten. Die Zeitschrift erschien nur sechs Jahre lang, bis 1904. Aber sie hatte – zum Teil auf Grund ihrer Begeisterung für den style moderne (wie die Art Nouveau in Russland genannt wurde) – einen immensen Einfluss nicht nur auf die Malerei, sondern auf eine ganze Reihe von Kunstformen. Als die Gesellschaft Welt der Kunst im Jahr 1910 (nach der Periode der Unruhe, die auf den Russisch- Japanischen Krieg und die Revolution von 1905 folgte) wieder belebt wurde, zog sie eine neue Welle von Anhängern an. Unter ihnen waren Roerich, Sarjan, Kusnezow, Sapunow, Kustodijew, Kontschalowski und Serebrjakowa, die eine Skizze eines ihrer Treffen als eine Vorstudie für eine Komposition großen Stils anfertigten, die gleichzeitig “… dekorativ und realistisch sowie monumental und lebensecht” sein sollte. Trotz dieser hochtrabenden Absichten wurde dieses Projekt nie realisiert. An den von der Gesellschaft organisierten Ausstellungen, von denen die letzte 1924 gezeigt wurde, nahmen so unterschiedliche Künstler wie Chagall, Tatlin, Maljawin und Dobuschinski teil,.

Aber die Bewegung Welt der Kunst hatte weitere Verästelungen. Diaghilew vergab Aufträge für Bühnenbilder und Kostümentwürfe für seine Opern- und Ballettaufführungen an viele Mitglieder dieser Gruppe, was diesen wiederum die Möglichkeit eröffnete, im großen Stil zu arbeiten und die Analogien zwischen den Rhythmen der Malerei, des Tanzes und der Musik zu erkunden. Dazu verschaffte es ihnen internationale Bekanntheit, da Diaghilews Inszenierungen auch auf Tourneen durch Europa gingen. Darüber hinaus konnten sich die Künstler, die mit der Welt der Kunst in Verbindung standen, glücklich schätzen, über einen phantasievollen Mäzen zu verfügen, den – von Serow und Wrubel in bemerkenswerter Weise porträtierten – millionenschweren Kaufmann Sawwa Mamontow, dessen Gastfreundschaft keine Grenzen kannte. Er ermutigte die Künstler, auf Abramtsewo, seinem Landsitz in der Nähe von Moskau, zu bleiben, wo er ihnen eine kreative Umgebung zum Arbeiten bot. Er richtete dort nicht nur Werkstätten für Kunsthandwerk ein, sondern lud darüber hinaus bekannte Künstler ein, sich am Bau und der Dekoration einer neuen Dorfkirche zu beteiligen, er drängte sie, Töpferwaren und andere kunsthandwerkliche Produkte aus seinen Werkstätten zu verzieren und bewog sie, für sein privates Opernhaus Bühnenbilder zu entwerfen und zu malen.

Leonid Bakst, Der blaue Gott, 1912, Russischen Malerei
Leonid Bakst, Der blaue Gott, 1912. Aquarell auf Papier, Nationalbibliothek, Opernmuseum, Paris.

Ein weiterer großzügiger Mäzen war die Fürstin Maria Tenischewa, die auf ihrem Gut in Talaschkino in der Nähe von Smolensk Handwerksateliers einrichtete und sich darüber hinaus an der Finanzierung von Diaghilews Zeitschrift beteiligte. Leider trug der Bruch mit der Fürstin, zu dem neben Diaghilews Überheblichkeit auch interne Meinungsverschiedenheiten führten, zur Einstellung der Zeitschrift bei. Als Folge dessen wandten sich viele Künstler, die zur Gesellschaft Welt der Kunst gehört hatten, dem Verband der russischen Künstler zu, der im Vorjahr (1903) von unzufriedenen Mitgliedern der Welt der Kunst gegründet worden war. Allein schon der Umstand, dass er seinen Sitz in Moskau hatte. Die 1832 gegründete Moskauer Schule für Malerei, Bildhauerei und Architektur hatte schon seit langem eine flexiblere und fortschrittlichere Alternative zur St. Petersburger Kaiserlichen Akademie der Künste dargestellt. Mehrere der einflussreichsten Wanderaussteller hatten dort studiert oder gelehrt und die allesamt mehr oder weniger vom Impressionismus beeinflussten Moskauer Maler wie Grabar, Juon, Archipow, Korowin, Maljawin, Nesterow und Rjabuschkin bildeten eine eigenständige Gruppe.

Die Welt der Kunst und der Verband der russischen Künstler waren dann schließlich die Vorläufer der innovativsten Phase der russischen Kunst, die eine verwirrende Vielzahl von Künstlergruppen und Bewegungen mit häufig bizarren Namen wie Das Kettenglied, Das Dreieck, Der Kranz und Verband der Jugend hervorbrachte. Eine der fruchtbarsten Gruppen war Die Blaue Rose, die eine äußerst einflussreiche Zeitschrift gründete: Das Goldene Vlies. In einer Besprechung ihrer ersten Ausstellung vom März 1907 erklärte der symbolistische Dichter Sergej Makowski, dass die Gruppe “… verliebt in die Musik der Farbe und der Zeichenlinie” sei und beschrieb sie als die “… Vorboten eines neuen Primitivismus”. Herausragende Aussteller waren Larionow und Gontscharowa (seine lebenslange Gefährtin und Partnerin), Kusnezow, die Miliuti-Brüder, Sarjan, Sapunow und Sudeikin. Zu den Malern, die die Gruppe beeinflussten, gehörten Michail Wrubel und Victor Borissow- Mussatow, dessen symbolistische Gemälde großen Eindruck machten, als Diaghilew 1907 eine Retrospektive seiner Arbeit organisierte. Die 1908 und 1909 vom Goldenen Vlies arrangierten Ausstellungen fielen durch die Teilnahme bedeutender französischer Künstler auf, unter ihnen Impressionisten und Post-Impressionisten, die Fauves und die Nabis.

Iwan Pougny, Entwurf zur Ausgestaltung des Litejny-Prospekts, 1918, Russischen Malerei
Iwan Pougny, Entwurf zur Ausgestaltung des Litejny-Prospekts, 1918, Aquarell und Tusche auf Papier. 38,3 x 34,4 cm.

Obwohl Michail Larionow und Natalia Gontscharowa sich der Blauen Rose angeschlossen und sich aktiv an den Ausstellungen des Goldenen Vlies beteiligt hatten, waren ihre Vorstellungen einer ständigen Entwicklung unterworfen. Hinzu kam, dass Larionow ein Organisator mit ungeheurer Energie war. Zusammen mit Gontscharowa und David Burliuk gründete er 1909 die Gruppe Karobube, die 1910 ihre erste Ausstellung organisierte. Aber es dauerte nicht lange, bis Larionow und Gontscharowa das Verlangen verspürten, weiter zu ziehen, so dass sie weitere Ausstellungen (wie auch Diskussionen über Fragen der Kunst und andere Veranstaltungen) anregten, darunter Der Eselsschwanz (1912), Die Zielscheibe (1913) und Nr. 4. Futuristen, Rayonisten, Primitives (1914). Die meisten der russischen avantgardistischen Maler beteiligten sich an der einen oder anderen Ausstellung, unter anderem Falk, Exter, Chagall, Burliuk, Kuprin, Maschkow, Tatlin, Jawlenski, Kandinsky, Lentulow, Lissitzky, Malewitsch und Kontschalowski. Ein Ableger von Karobube war die als Moskauer Maler bekannte Gruppe (1924-1926), die wiederum von der Gesellschaft Moskauer Maler (1927-1932) abgelöst wurde. Vor allem die Letztgenannte wurde von Cézannisten beherrscht und hatte eine ausgeprägte Vorliebe für Landschaften und Stillleben. Falk, Grabar, Krymow, Kuprin und Maschkow waren in beiden Organisationen Mitglied, so wie auch Aristarch Lentulow, ein einzigartiger Innovator, der gleichzeitig ein energischer Organisator und Propagandist war. Eine phantasielosere Vereinigung war der in St. Petersburg beheimatete Verband der Jugend (1910-1914), der Cézannisten, Kubisten, Futuristen und ungegenständliche Maler vereinigte. Seine 1913 gegründete Schriftstellerabteilung Hylaela bildete jedoch eine wichtige Verbindung zwischen Schriftstellern und Künstlern.

Kasimir Malewitsch, Bauern, 1928-1932, Russischen Malerei
Kasimir Malewitsch, Bauern, 1928-1932. Öl auf Leinwand, 53,5 x 70 cm, Russisches Museum, St. Petersburg.

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