Bikini Story
Art,  Deutsch

Der Bikini: Eine Kulturrevolution in zwei Stücken

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Bikini Story (ISBN: 9781783106226), von Patrik Alac, herausgegeben von Parkstone International.

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Der Fall und nachfolgende Abbruch der Berliner Mauer, der die achtziger Jahre und fast vier Jahrzehnte des Kalten Krieges beendete, veränderte auch die Voraussetzungen und Gewohnheiten der westlichen Gesellschaften. Der Zusammenbruch des Kommunismus wurde von den meisten als Aufbruch in eine neue Freiheit erlebt, die die Epoche der Ideologien beenden sollte. Jenseits der Wertetabellen, die das Nachkriegsbewusstsein bestimmt hatten, begannen die technisch hochentwickelten Gesellschaften, sich vermehrt für die rein vergnüglichen kapitalistischen Möglichkeiten zu interessieren, die ihnen ihr technischer Entwicklungsstand bot. Der Rüstungssektor verschlang nicht mehr den Großteil des Staatsbudgets und das Wettrüsten wurde durch einen wirtschaftlichen Wettlauf ersetzt. Auch der Bikini erhält zu Beginn der neunziger Jahre endgültig einen neuen Status: Gesellschaftsfähig geworden, schockiert er nicht mehr und symbolisiert auch nicht eine sittenlose Nacktheit der Haut. Das Schlüpfrige, das ihm noch die Gesellschaft der fünfziger und sechziger Jahre nachsagte, hat sich in den Bereich der Pornografie verschoben, die sich ihrerseits „gesellschaftsfähig” zu machen beginnt.

Ebenso ist der Bikini-Terror verschwunden: Man muss nicht mehr einen Bikini tragen, um „sexy” zu sein; Einteiler erfüllen diese Funktion genauso gut. Die Frau der neunziger Jahre trägt sowohl Bikini als auch Einteiler – je nach Lust und Laune, und vor allem je nachdem, ob sie sich sportlich betätigen oder sonnen will. Auch stilistisch ist das letzte Jahrzehnt des zwanzigsten Jahrhunderts eine Zeit der Freiheit: Alles, was den Modemachern einfällt, ist erlaubt. Jenseits klarer Bewegungen und Richtungen bedient sich die Mode sowohl historischer Zitate, die einen „Retro”-Stil aufleben lassen, als auch individueller Ideen, die einzelne Modehäuser weiter verfolgen. Das Prinzip scheint zu sein: je bunter, durcheinandergewürfelter und unsystematischer, desto besser.

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Model von Lenny. Foto: Marcia Fasoli.

Interessant ist jedoch der Versuch verschiedener Modemacher, ihren Status zu ändern: Die Mode, zusammen mit dem Sport das letzte Massenphänomen nach den Ideologien, will sich als Kunst verstehen, und der einzelne Modemacher als Künstler. Seine Arbeit beschränkt sich nicht darauf, einen Körper einzukleiden, er verschafft ihm einen Ausdruck; er enthebt ihn seiner Stummheit und lässt ihn in einem offenen Feld von Zeichen und Symbolen mit anderen Körpern kommunizieren. Kritiker bemerkten, dass die Mode als Kunst sehr gut zum gedanken-losen Raum der neunziger Jahre passte: Ohne politische Aussage, harmloser Selbstausdruck par excellence, kann sie mühelos mit allen Herrschaftsformen der postkommunistischen Weltordnung kombiniert werden. Der Modemacher als Künstler, der sich in einem System mit klar vorbestimmter Aussage bewegt: das ist ein schöner Körper, dies ein schönes Kleid, das ihn noch mehr zur Geltung bringt – den Körper kann man formen, das Kleid in meinem Laden kaufen – kann laut diesen Kritikern nur eine Parodie des Künstlers sein, wie ihn die abendländische Kultur erfunden hat. So sehen sie in ihm das ausschließliche Geschöpf eines allmählich größenwahnsinnig werdenden Kapitalismus, der von Weltherrschaft träumt und sich in seiner Aussagenlosigkeit nicht zufällig das Universum der Mode zum Ausdruck gewählt hat: ein reines Außen, eine perfekte Hülle, eine vollkommen arrangierte Leere der seltenen Gegenstände, des designten Mobiliars und der aus teuren Stoffen hergestellten Einzelkleidung.

Das Haute-Couture-Prinzip wäre also der Ersatz der klassischen Individualisierung des Einzelnen, die bisher über Bildung und Persönlichkeitsformung verfuhr, und die jetzt mit einem Einzelstück Kleidung gewährleistet wird. Die märchenhafte Summe, die für ein Original- Modedesigner-Abendkleid ausgegeben wird, garantiert der Käuferin, dass sie einzig und einzigartig ist: nicht nur bei jenem Gala-Dinner, an dem sie das teure Kleidungsstück tragen wird, sondern auch danach und ihr ganzes Leben lang. Der Modemacher ist somit zum Künstler dieser Gesellschaft geworden: Seine Aufgabe besteht darin, den Vergnügungen der Reichen den passenden glanzvollen Hintergrund, die berückenden Kostüme und die originellen Gebrauchsgegenstände zu verschaffen. Er ist der Zeremonienmeister einer sich selbst inszenierenden Schönheit, die keine andere Lebensaufgabe anerkennt als die Inszenierung ihrer selbst.

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Chanel. Stella Tenant in einem schwarzen Bikini. Kollektion PAP Frühling/Sommer 1996. Model: Stella Tenant. Foto: Wolf Schuffner.

Er lässt sich durchaus mit den „Fest- und Feuerwerksmeistern” am Hofe Ludwigs XIV. vergleichen, die, dem Selbstbild der Reichen und Mächtigen immer zu Diensten, in einer ephemeren theatralischen Darstellung das Selbstbildnis des Hofes zu verewigen versuchten. Seine Wasser-, Fontänenund Beleuchtungskünste verwandelten die Welt in jenes Accessoire und Dekor, das eine besonders schöne Robe eindrücklich zur Geltung bringt. Die Welt ist nur da, um einer Modenschau die richtige Atmosphäre zu verleihen. Diese Reduzierung der Wirklichkeit auf das Leben als eine Modenschau und die Welt als das dazu passende Dekor ist der blinde Punkt unserer Zeit, dessen Erhellung niemanden interessiert. Die wichtigste Veränderung im Bereich der Bademode ereignete sich in den neunziger Jahren jedoch viel mehr in ihrer Repräsentation als in den Techniken ihrer Entwürfe und der Herstellung. Die computergestützte Bildverarbeitung eröffnet eine Vielzahl neuer Möglichkeiten, die die Fotografie zu einem ungeahnten Perfektionsgrad führen: Retuschen, Verbesserungen und Veränderungen sind nicht mehr in mühsamer Kleinarbeit am Negativ auszuführen; die Originalaufnahme ist eigentlich nur noch eine Arbeitsgrundlage, die mit grafischen Programmen am Computer manipuliert wird.

Christie Turlington in einem schwarzen Bikini von Chanel, mode
Christie Turlington in einem schwarzen Bikini von Chanel, Pret-a-porter Frühjahr/Sommer 1994. Die Träger um den Hals sind aus Perlen gearbeitet, das Unterteil des Bikinis wird über den Hüften geschnürt. Sie hält ein großes weißes Badetuch.

Wer mehr über Bikini erfahren möchte und gerade in Deutschland ist, sollte sich einen Besuch im Bikini-Kunstmuseum nicht entgehen lassen. Dort erwartet Sie eine Ausstellung zur Bikini– und Badekultur.

Um einen besseren Einblick in Bikini Story zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:

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