Die provokante Welt von Egon Schiele: Emotion, Erotik und Ausdruck
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Egon Schiele (ISBN: 9781783102747), von Esther Selsdon und Jeanette Zwingenberger, herausgegeben von Parkstone International.
Schiele, der Schmerzensmensch
Erstaunlich ist die Diskrepanz von Schieles äußerer Erscheinung und seinen abstoßend hässlichen Selbstporträts. So beschreibt Gütersloh Schiele als „ausnehmend hübsch, von gepflegtem Aussehen, der nie auch nur einen ein Tag alten Bart hatte, ein eleganter junger Mann, dessen gute Manieren seltsam […] von seiner angeblich schlechten Malmanier abstachen“. Schiele hingegen malt sich mit langer hoher Stirn, weit aufgerissenen Augen in tiefen Augenhöhlen und gequältem Ausdruck, mit abgemagertem Körper, den er manchmal bis zum Rumpf verstümmelt und mit spinnenartigen Gliedmaßen versieht. Die knochenartigen Hände verraten den Tod am Werk. Sein Körper reflektiert die fahlen Farben der Verwesung. Vielerorts malt er sich mit schädelartigem Antlitz. Schiele bekennt in einem Vers: „Alles ist lebend tot.“ Wie Kokoschka pflegt Schiele das Selbstgespräch mit dem Tod, seinem Doppelgänger. „Und umschmeichelt vom Verfalle senkt er die entzündeten Lider.“ (Trakl).

Gleichzeitig versteht sich Schiele als Schmerzensmann: „Dass ich wahr bin, besage ich nur deshalb, weil ich mich … opfere und ein märtyrerähnliches Leben führen muss.“ Verbannte die zeitgenössische Malerei religiöse Themen aus ihrem Blickfeld, so inkarniert der Künstler diese nunmehr selbst. Noch deutlicher wird die scheinbare Christusähnlichkeit in einem Brief an Roessler: „Ich brachte Opfer anderen, denen, die mich erbarmten, denen, die weit weg waren oder mich Sehenden nicht sahen.“ Sein Schicksal als Außenseiter mündet in dem Selbstverständnis des Künstlers als Welterlöser. Im Programm der Neukünstler erklärt er: „Die Mitmenschen fühlen ihre Erlebnisse nach, heute in Ausstellungen. Die Ausstellung ist heute unentbehrlich… das große Erlebnis im Sein der Künstlerindividualität.“ Es geht ihm aber nicht mehr um das erzählende Abbilden, sondern um die Darstellung seines inneren Seelenlebens. Das Aktbild ist ein Offenbarungsakt. Das Werk in seiner expressiven Selbstinszenierung wird dabei zum performativen Akt seines Lebens selbst.
Faszination des Todes
Der Wiener der Jahrhundertwende lebt in der Todessehnsucht und schwärmt von der ,schönen Leich’. „Wie scheint doch alles werdende so krank“, schreibt Trakl, der 1914 an der Front den Tod findet. Schiele teilt mit Osen, der sich in Steinhof in die Irrenanstalt einsperren lässt, um die Mimik der Kranken zu studieren, das Interesse für pathologische Krankheitsbilder. In der Klinik des Gynäkologen Erwin von Graf studiert und zeichnet er kranke und schwangere Frauen und Bilder von neu- und totgeborenen Kindern. Schiele „fasziniert die Verwüstung der schmutzigen Leiden, denen diese an sich Unschuldigen ausgesetzt sind. Staunend sah er die seltsamen Veränderungen der Haut, in deren schlaffen Gefäßen dünnes, wässriges Blut und verdorbene Säfte träge rieseln; staunend sah er auch die lichtscheuen grünen Augen hinter rot entzündeten Lidern, die schleimigen Mäuler – und die Seele in diesen schlechten Gefäßen.“ berichtet Roessler. Darin ähnelt er Oskar Kokoschka, „Seelenschlitzer“ genannt und von dem gesagt wurde „…er lege Hand und Kopf malend, in einer gespenstischen Weise das geistige Skelett der von ihm Portraitierten bloß.“ Die Farblithografie zu dem Drama Mörder, Hoffnung der Frauen kommentiert er: „Der Mann ist blutig rot, das ist die Lebensfarbe, aber tot liegt er im Schoß einer Frau, die weiß ist, das ist die Todesfarbe. Mann und Frau bilden den Reigen des Lebens und des Todes.“

Körperperspektive
Schiele ignoriert die den Körper modellierende Licht- und Schattengebung, verzichtet auf Schlagschatten und enthebt die Figur jeglicher räumlicher Eingebundenheit. In seinem Atelier arbeitet er oftmals auf einer Leiter, von der er, aus der Vogelperspektive, seine Modelle im extremen Blickwinkel in einer Unter- und Aufsicht erfasst. Dies erinnert an einen seiner Verse: „Im Blätterbaum ist ein inniger Vogel, der ist dumpffarbig, er rührt sich kaum und singt nicht, tausend Grüne spiegeln sich in seinen Augen.“ Er isoliert seine Geschöpfe in seinem Blick, platziert sie in eine ort- und zeitlose Welt. Die Körper bilden den Raum. Exemplarisch für die räumliche Orientierungslosigkeit seiner Figuren ist das Auftragsbild Friederike Maria Beer, eine modebewusste Tochter eines berühmten Kabarettbesitzers, die das Wiener Kunstgeschehen aktiv mitverfolgte. Auf Schieles Vorschlag hin lässt sie ihr ganzfiguriges Bildnis an der Decke anbringen. Es zeigt sie in einem buntgescheckten Kleid, die Haltung ist pantomimenhaft, ihr Körper seltsam schwebend, losgelöst von jeglicher Schwerkraft. Die erhobenen Arme mit der unerklärbaren Handgeste erinnern wiederum an Schieles Selbstporträts.

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