Die Ukrainischen Ikone: Bewahrung der Tradition in der religiösen Kunst
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Ukrainischen Ikonen (ISBN: 9781639198993) von Liudmila Miliayeva, herausgegeben von Parkstone International.
Der Georgs-Kult in Kiew hängt damit zusammen, daß Jaroslaw der Weise bei der Taufe den Namen Georg erhielt. Deshalb wurde dem Heiligen Georg auch in der Kathedrale der Heiligen Sophia eine Seitenkapelle gewidmet, im Jahre 1036 wurde der Grundstein für die «Kirche des Heiligen Georg» gelegt und ein ihm geweihter Festtag eingeführt. Das Heiligenbild «Gottesmutter – Große Panhagia» vom Ende des 11./Anfang des 12. Jahrhunderts wird oft der Hand des legendären Kiewer Malers Alimpij zugeschrieben, einem Mönch aus dem Kiewer Petschersky-Kloster, der im letzten Viertel des 11./zu Beginn des 12. Jahrhunderts lebte. Er wurde heiliggesprochen. Die ausgezeichnete Darstellung Mariens – in Gebetshaltung mit dem Retter («Spas-Immanuel» genannt) auf dem Schoß – verbindet poetische Weiblichkeit mit feierlicher Würde. Hier erscheint jene monumentale Verallgemeinerung der plastischen Sprache, die nur den Mosaiken eigen ist. In den Proportionen und der Behandlung der goldenen Strahlen auf dem Maforium ist sie den Mosaiken der Kiewer Michailowskij-Slatowerchij- Kathedrale (1108-1113) eng verwandt.

In der Kiewer Rus gab es nur in Kiew Mosaiken. Deshalb können Heiligenbilder, auf denen der Meister ihren Stil nachbildet, vermutlich nur hier entstanden sein. Zu ihnen gehört auch das Heiligenbild «Erzengel Gabriel» («Goldhaar-Engel» genannt) vom 12. Jh. Die Überlieferung verbindet mit Kiew auch das Heiligenbild «Mutter Gottes Swenskaja», das im Jahre 1288 aus dem Kiewer Petschersky-Kloster in das Swensky-Kloster bei Brjansk gebracht wurde. Die Gottesmutter ist auf dem Thron sitzend dargestellt, neben ihr befinden sich die Begründer des Klosters, der Heilige Antonij und der Heilige Feodosij. Dieser Typ der Gottesmutter hat den Namen «Petscherskaja» bekommen. Intuitiv hat eine Reihe der Forscher diese Ikone der Zeit von Alimpij Petscherskij zugeschrieben und entsprechend in das Ende des 11./Anfang des 12. Jahrhunderts datiert, andere ordnen sie auf der Grundlage der Legende von der Überführung des Bildes dem Ende des 13. Jh.zu. Die jüngsten paläographischen Untersuchungen der Texte auf den Schriftrollen und die Röntgenbilder haben gezeigt, daß diese Ikone wirklich an der Schwelle des 11. und 12. Jahrhunderts entstand, im 13. Jh. wurde sie jedoch teilweise übermalt. Im Unterschied zu anderen Ikonen verbindet sich hier die Monumentalität der Komposition mit der fast porträthaften Konkretisierung der Gestalten der Heiligen Antonij und Feodosij.
Anfang des 12. Jahrhunderts wurde aus Konstantinopel eine Ikone nach Kiew gebracht – ein Meisterwerk der byzantinischen Heiligenmalerei vom Ende des 11./Anfang des 12. Jahrhunderts: «Gottesmutter Wladimirskaja». Weil sie sich in der Residenz der Kiewer Großfürsten in Wyschgorod befand, wird sie manchmal Wyschgorodsko Wladimirskaja genannt. Schon in Kiew wurde dieses Denkmal größter Meisterschaft sehr berühmt und besonders verehrt. Andrej Bogoljubskij, der Sohn Jurij Dolgorukijs, der zu dieser Zeit schon Kiewer Fürst war, hatte dieses Heiligenbild im Jahre 1155 – anläßlich der Bestätigung der Souveränität im Wladimir- Susdaler Fürstentum – nach Wladimir an der Kljasma gebracht. Diese Ikone wurde zunächst das Heiligtum seines Fürstentums und später ganz Rußlands. Ein unbekannter Autor hat in diesem Heiligenbild die vielleicht lyrischste und tragischste Gestalt der Maria in der Geschichte der Kunst gestaltet.

Die Periode der feudalen Zersplitterung (zweite Hälfte des 11./erste Hälfte des 12. Jahrhunderts) hat zur Bildung großer und kleiner souveräner Fürstentümer geführt, die zumeist nicht über stabile Grenzen verfügten. Die Kiewer Rus verlor ihre Macht, aber Kiew blieb, wie früher, das bedeutendste religiöse und kulturelle Zentrum der Ostslawen. Im Nordosten der Rus, in Nowgorod und Pskow, formierte sich, ungeachtet der manchmal komplizierten Beziehungen unter den Fürstentümern, die Großrussische Nation. Die Ukrainische Nation konsolidierte sich in den Ländern von Pridnjestrowje und in solchen geographisch-ethnischen Territorien wie Wolhynien (im Nordwesten mit dem Flußgebiet des Pripjet), Galizien (das Vorland der Karpaten, das Flußgebiet des Dnjestr, des Strij und des Westlichen Bug), Podolien (südliches Pridnjestrowje) und der Bukowina, die im Südwesten liegt. Unter den Fürstentümern gewann Galizien ab den 30er Jahren des 12. Jahrhunderts immer größere Bedeutung, ab den 70er Jahren desselben Jahrhunderts Wolhynien. Beide wurden unter Roman Galizkij (gest. 1205) zum Galizisch-Wolhynischen Fürstentum vereinigt. Die Kontakte der Fürsten Galiziens mit Byzanz wurden äußerst eng: Fürst Jaroslaw Osmomysl (gest. 1187), über den der Autor des Werkes «Das Wort über das Regiment Igors» entzückt berichtet, war mit Andronik Komnin (1113-1185), dem Gegner des byzantinischen Kaisers Manuel I. (1143-1180), eng befreundet. Im Jahre 1164 besuchte Andronik die Stadt Galitsch, wo er sogar in der fürstlichen Duma mit den Bojaren saß.

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