Fetischismus und Damenwäsche – vom Privatclub zur Modenschau
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Dessous (ISBN: 9781783106400) von Muriel Barbier und Shazia Boucher, herausgegeben von Parkstone International.
Mit dem Fetischismus verbindet man die Vorstellung sexueller Exzentrizität und eine als anormal empfundene Begeisterung für gewisse weibliche Kleidungsstücke wie beispielsweise Slips, Korsetts, Strümpfe, Pfennigabsätze… Die Ausstattung des Fetischisten findet nach und nach Einzug in die alltägliche Mode und in die Kollektionen der Haute Couture. Der Begriff Fetischismus wird zum ersten Mal von Alfred Binet in seinem 1887 erschienenen Der Fetischimus in der Liebe gebraucht und von Richard Krafft-Ebing als „…Assoziierung des sexuellen Lustverlangens mit der Vorstellung bestimmter Körperteile oder bestimmter weiblicher Kleidungsstücke“ definiert. Nach den Worten dieses Autors wird die Pathologie dadurch charakterisiert, dass „…der Fetisch selbst die Person als Lustobjekt ersetzt“ und dass der Koitus durch Manipulationen des Fetischs ersetzt wird. Siegmund Freud schreibt: „Der Fetisch ist der Ersatz für den Phallus des Weibes (der Mutter), an den das Knäblein geglaubt hat und auf den es (…) nicht verzichten will (…), denn wenn die Frau kastriert ist, ist sein eigener Penisbesitz bedroht“.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass der Fetischismus aus einer Abneigung gegen die weiblichen Geschlechtsorgane heraus entsteht, die den Partner dazu führt, die Frau mit Accessoires auszustatten, die sie in ein sexuell erträgliches Lustobjekt verwandeln. Im Fetischismus steht der Teil für das Ganze, in der Gewissheit, dass in einem kleinen Teil die ganze Sinnlichkeit konzentriert ist. Das sexuelle Verlangen des Fetischisten löst sich nach und nach von dem ihm nur mehr selten vorgezeigten Lustobjekt, um sich dem kleinen, es verhüllenden Stück Stoff anzuheften.

Im heutigen Sinne scheint der Fetischismus im 18. Jahrhundert in Europa aufgetaucht zu sein und sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als sexuelles Phänomen ausgezeichnet zu haben. Folglich ist der Fetischismus zu einem Zeitpunkt (18. Jahrhundert) entstanden, zu dem das sexuelle Verhalten sich freier gestaltete und libertinistisches Gedankengut die Leute dazu gebracht hat, sich offener mit der Erotik zu beschäftigen. Man kann bei den männlichen Sexualfantasien eine Vorherrschaft des Visuellen, des Voyeurismus und des Fetischismus feststellen, oft auf Kleidungsstücke fixiert wie beispielsweise schwarze Strümpfe und Strapse, Leder, erotische Reizwäsche oder Krankenschwesternuniformen. Die heutigen Psychoanalytiker werfen den früher unbestrittenen Freud’schen Theorien Unwissenschaftlichkeit vor, sie versuchen, diese Verhaltensweisen mit auf den Menschen beschränkten genetischen, hormonellen oder neurologischen Ursachen zu erklären. Sie kommen zu dem Schluss, dass visuelle Reize bei der Erregungsbildung eine herausragende Rolle spielen und es ist gerade dieser Punkt, auf den sich die Createure fetischistischer Dessous konzentrieren. Tatsächlich ist ein ganzer Bereich der Reizwäsche für die fetischistische Kundschaft bestimmt, die Wäsche beschwört den Augenblick des Entkleidens herauf, die Materialien assoziieren die Haut oder die Schamhaare.
Der Fetischist neigt dazu, sich auf die Materialien zu konzentrieren. Die häufig verwendeten Materialien im Bereich der Unterwäsche sind Seide und Nylon, nachdem aber letztere aus der Mode gekommen sind, haben sich die Designer Leder, Metall und insbesondere Latex zugewandt. Wie die Fotografien von Yva Richard zeigen, werden Leder und Metall schon seit langer Zeit verwendet, Latex erfreut sich heutzutage immer größerer Beliebtheit. In den 1920er Jahren wurde eine ganze Reihe von fetischistischen Kreationen für die Ansichtskarten hergestellt, auf denen Yva Richard als Domina Modell steht. Das sind meistens Ensembles mit dem Korsett als Mittelpunkt – in Anlehnung an die der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts – oder integrale Anzüge aus seidigen, glatten und leuchtenden Stoffen oder aus Leder.

Leder war lange Zeit das bevorzugte Material der Fetischisten, und manche schwören auch heute noch darauf. Vor allem die Marke Atomage mit ihrem Designer John Sutcliffe stellt Produkte aus Leder her. Andererseits gibt es seit Beginn des 20. Jahrhunderts eine eher einer sado-masochistischen Kundschaft vorbehaltene Kleidung aus Metall. Zur Erinnerung sei angemerkt, dass der Begriff Sadismus von Richard von Krafft-Ebing mit Bezug auf den Marquis de Sade geprägt wurde und dass er ein sexuelles Verhalten bezeichnet, bei dem der Orgasmus nur durch die Demütigung des Partners erreicht wird. Der Begriff Masochimus stammt ebenfalls von Krafft-Ebing, er geht auf Leopold von Sacher-Masoch zurück und definiert eine sexuelle Perversion, bei der sexuelle Befriedigung nur im Erleben von Schmerz und Demütigung erfahren wird.
Diese Dessous, die man von Ansichtskarten aus den Jahren 1900 bis 1930 kennt, ähneln echten, durch Ketten zusammengehaltenen Rüstungen aus gehämmertem Metall. Diese Karten, auf denen die “angeketteten Schönen” Modell stehen, machen die Unterwerfung der Prostituierten und die männliche Herrschaft sichtbar – es sind Fotografien von Frauen, die in den Bordellen arbeiteten und sie dienten dazu, die wartenden Männer zu gedulden. Der Reiz, den man für die metallische Kleidung empfand, existiert jedoch seit der Belle Epoque, während der die Schmuckhersteller großen Erfindungsreichtum an den Tag legten und BHs, Strapse und Keuschheitsgürteln ähnelnde Gebilde aus mit Edel- oder Schmucksteinen besetztem Edelmetall anfertigten. Am berühmtesten ist der von dem Haus Boucheron während der Zeit Napoleons hergestellte Strapsgürtel der Belle Otéro. Zur Zeit der Années Folles wird das Metall in Spitzen getrieben, es ist durchbrochen und aggressiver. Auch heute findet man noch Gefallen am Metall: sei es für Detailstücke, wie beispielsweise Ketten oder, den ganzen Körper einkleidend, wie beispielsweise bei den Kreationen von Michel Coulon der neunziger Jahre, in denen die Frau einer surrealistischen Figur aus einem japanischen Manga ähnelt.

Um einen besseren Einblick in Die Dessous zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:


