Chinesische kunst
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Wände inspirieren, Dächer inspirieren, chinesische Kunst wird niemals ermüden

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Chinesische Kunst (ISBN: 9781783106585), von Stephen W. Bushell herausgegeben von Parkstone International.

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Im Verlauf der langen Geschichte Chinas hat sich der architektonische Stil seiner Bauten, gleich ob profaner oder sakraler, privater oder öffentlicher Natur, erstaunlich wenig verändert. Selbst wenn unter der Einwirkung des Westens oder von Seiten des Buddhismus oder des Islams neue Formen ihren Weg nach China fanden, so wurden sie und ihre Linien durch die chinesischen Baumeister doch sehr bald so weit angepasst und modifiziert, dass sie dem chinesischen Stilempfinden entsprachen. Eine der Hauptregeln der chinesischen Geomantik verlangt die Ausrichtung jedes wichtigen Gebäudes nach Süden. Daraus ergibt sich deren – nach unserem Empfinden aber auch eine gewisse Monotonie erzeugende – einheitliche Orientierung.

Das am weitesten verbreitete architektonische Modell in China ist das t’ing, das im Wesentlichen aus einem massiven, überhängenden Dach mit seinen charakteristisch aufwärts geschwungenen Rändern besteht und auf kurzen Pfeilern ruht. Die geschwungene Form der Dachecken wird von manchen für ein Überbleibsel aus einer Zeit gehalten, in der die Chinesen ihre Zelttücher an den Ecken mit Speeren befestigten. Eine solche Vermutung ist sehr weit hergeholt, sind doch die Chinesen, seit wir Kenntnis von ihnen haben, immer schon recht sesshaft gewesen, sie waren ein Bauernvolk und keine Nomaden.

Mufu (Residenz der Familie Mu), 13. - 14. Jhd, Chinesische Kunst
Mufu (Residenz der Familie Mu), 13. – 14. Jhd. Lijiang, Altstadt, Lijiang.

Wie dem auch sei, das charakteristisch geschwungene Dach ist typisch für die chinesische Architektur, ja ihr eigentliches Hauptmerkmal. Je nach Ausführung verleiht es einem Tempel, einem Wohnhaus oder einer Pagode prachtvolle Monumentalität oder aber große Schlichtheit. Immer jedoch wirkt es elegant und dynamisch. Um für eine gewisse Abwechslung zu sorgen, gibt es auch mehrschichtige, also doppelte und dreifache Dächer. Diese starke Betonung eines in der westlichen Architektur eher vernachlässigten Bauelements lässt sich durch die relativ geringe Höhe der Bauten rechtfertigen. Der Architekt widmet seine ganze Aufmerksamkeit der Gestaltung und Ausschmückung des Daches, sei es durch Hinzufügen eines Antefixums (einer ornamentalen Aufbiegung der untersten Deckziegel) oder durch Abdecken mit glasierten Ziegeln in leuchtenden Farben.

Die Drachen und Phönixe auf dem Dachfirst, die grotesken, in der Dachtraufe aufgereihten Tiere und die blauen, gelben und grünen Ziegel sind niemals willkürlich platziert, sondern gehorchen einem strengen Kanon. Die prächtigen Farben und ihre Anordnung zeigen beispielsweise den Rang des Hausbesitzers an oder sind ein Hinweis darauf, dass ein Tempel im Auftrag des Kaisers errichtet wurde.

Das große Gewicht des Daches erfordert den – gelegentlich noch durch stufenweise angebrachte Tragstützen – verstärkten Einsatz von Pfeilern, denen damit eine überaus wichtige Funktion zukommt. Sie sind aus Holz gefertigt, der Schaft hat in der Regel eine zylindrische – gelegentlich auch vielflächige – Form, ist jedoch niemals kanneliert. Das Kapitell ist lediglich eine Art Konsole mit eckigem Abschluss oder mit einem Drachenkopf; der Sockel ist ein Quader aus Stein, der oben zur Aufnahme des Schaftes zu einer Rundbasis gemeißelt ist. Der Sockel darf den Vorschriften gemäß nicht höher als die Breite der Säule sein, und der Schaft nicht mehr als zehn Mal länger als sein Durchmesser.

Die imperiale Bibliothek (Wenyuange), 1420, Chinesische Kunst
Die imperiale Bibliothek (Wenyuange), 1420. Kaiserlicher Palast (Verbotene Stadt), Peking.

Große Stämme von Persea nanmu-Bäumen aus der Provinz Szechuan werden den Fluss Jangtse bis nach Peking hinunter geschwemmt, um dort als Pfeiler für die großen Tempel und die Paläste eingesetzt zu werden. Der Nanmu ist der größte Baum Chinas und wegen seines kerzengeraden Wuchses beliebt. Seine Maserung verschönert sich mit zunehmendem Alter: Das Holz nimmt allmählich die braune Färbung eines toten Blattes an, behält aber seine aromatischen Qualitäten bei. Dies erklärt, weshalb von den wunderbaren Säulen des Opfertempels des Kaisers Yung Lo, die aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts stammen, noch immer ein schwaches Parfüm ausströmt.

Die Säulen werden mit Gold und Zinnober zum Glänzen gebracht, und dennoch ist es immer das tiefe, überhängende Dach, welches das Auge des Betrachters auf sich zieht, und zwar nicht nur von außen, sondern auch von innen. Hier sind die Balken oft mit herrlichen farbigen Einlegearbeiten verziert. Die Deckenabschnitte sind geometrisch in vertiefte, reliefplastisch bearbeitete Paneele unterteilt, bemalt mit lackierten Drachen und ähnlichen Motiven.

Die Stabilität der Struktur hängt von dem hölzernen Baugerüst ab; die später mit Mauerwerk oder Steinblöcken gefüllten Wände sind nicht als tragende Elemente konzipiert; in der Tat werden sie oft völlig von Türen und Fenstern eingenommen, die häufig aus zierlichem, hauchdünnem Maßwerk bestehen, also keineswegs robust sind.

Putuozongcheng Miao, Chengde, um 1771, Chinesische Kunst
Putuozongcheng Miao, Chengde, um 1771. Chengde (Rehe), China.

Die Chinesen scheinen die Schlichtheit ihrer Architektur und die einfachen Linien durch eine Fülle an dekorativen Details wettmachen zu wollen. Die Dachsparren und die Ecken der Dächer sind mit Finialen in Drachenform und langen Serien von Fabeltieren bedeckt, die den Regeln der nur den Eingeweihten bekannten chinesischen Symbolik folgen, die Dachtraufen sind von aufwändigen, glänzend lackierten Holzschnitzereien ausgefüllt, die Wände mit Terrakotta-Reliefs aus Blumen und Figuren ausgekleidet. Und trotzdem lässt sich eine Monotonie des Bauwerks nicht verleugnen.

Chinesische Gebäude sind in der Regel einstöckig. Betont wird immer die Horizontale; anders als im Westen erfolgt keinerlei Akzentuierung der Vertikalen. Wenn ein Haus vergrößert wird, dann geschieht auch dies durch Anbauten, niemals durch Aufstocken. Das Prinzip des Grundrisses ist die Symmetrie. Die Hauptgebäude und die Flügel, die Nebengebäude, die Zugangswege, die Innenhöfe, die Pavillons, die Motive der Dekoration und sämtliche Details sind symmetrisch angelegt. Die einzige Ausnahme zu dieser architektonischen Grundregel bilden die Gärten und Sommerresidenzen, bei denen der Architekt in völligem Widerspruch zu dieser Strenge seine kapriziösesten Einfälle verwirklichen kann. Hier wimmelt es dann plötzlich von unvermittelt auftauchenden Kiosken und Pagoden, hier gibt es verträumte Gebäude, verspielte Häuschen in ländlichem Stil, asymmetrische Pavillons, eingebettet in komplizierte, künstliche Landschaften, bestehend aus Bächen, Teichen mit bizarren Brücken, Steingärten und Wasserfällen und Überraschungen an jeder Ecke.

Die gern von Touristen besuchte Stadt Lijiang, deren Altstadt noch gut erhalten ist, war in der Provinz Yunnan eine bedeutende Stadt und schon immer ein wahrer Schmelztiegel der Kulturen: Noch heute gibt es hier 26 offiziell anerkannte Minderheiten, die über die Hälfte der Gesamtbevölkerung der Provinz ausmachen. Vor allem die Naxi waren hier mächtig und hinterließen im Stadtbild zahlreiche Spuren. Als hoch entwickeltes Kulturvolk besaßen die Naxi nicht nur eine eigene Bilderschrift und Mythologie sowie ausgefeilte Anbaumethoden und eine außergewöhnliche Sozialstruktur, sondern auch eine einzigartige Architektur. Hier in Lijiang, wo so viele Völker und Kulturen aufeinander trafen, trägt die lokale Architektur die besten Züge der architektonischen Merkmale der Han, der Bai und der aus dem Grenzgebiet zu Tibet stammenden Naxi. Die Standorte der Tempel wurden strikt nach den Regeln des Feng Shui ausgewählt, dem in allen Bevölkerungsschichten Chinas eine wichtige Rolle spielenden geomantischen System. Das Dach ist auch hier das architektonisch dominante Element. Es ist gewöhnlich mit gelben oder grünen Ziegeln bedeckt und fällt steil ab. Der Firstbalken ist mit Porzellanfiguren von Gottheiten und Glückssymbolen wie Drachen und Karpfen verziert.

Halle des Erntegebets (Qinian dian), 1420, Chinesische Kunst
Halle des Erntegebets (Qinian dian), 1420. Peking.

Ruinen sind in China äußerst selten. Deshalb muss man sich in alten Büchern umsehen, wenn man eine Vorstellung von der Architektur vergangener Zeiten gewinnen will. Die ersten größeren Gebäude, die in den ältesten kanonischen Werken beschrieben werden, sind die hohen Türme, genannt tai. Sie waren meist quadratisch, aus Stein erbaut und erreichten eine Höhe von bis zu 9 Metern. In den Augen der Chinesen gelten sie als kapriziöse Torheiten der alten Herrscher. Es gab drei Arten von tai; die eine diente als Lagerhaus für wertvolle Waren, die zweite war ein Aussichtsturm für Zuschauer bei militärischen Übungen und bei Jagdveranstaltungen. Die dritte, die kuan ksiang tai, waren Türme für astronomische Beobachtungen.

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