Deutschen Malerei: Wie die Kunst das moderne Leben und Licht einfing
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Deutschen Malerei (ISBN: 9781783106936), von Klaus H. Carl, herausgegeben von Parkstone International.
Die Große Internationale Kunstausstellung 1891 führte zusammen mit der damals vorherrschenden Vorliebe für alle nordischen Dinge, vor allem aber in Kunst und Literatur, in Berlin dazu, dass auch Edvard Munch 1892 eingeladen wurde, seine Arbeiten im ältesten deutschen Künstlerverein, dem 1841 gegründeten Verein Berliner Künstler zu zeigen. Der Leiter der Vereinigung unterhielt enge Beziehungen zum kaiserlichen Hof, sodass zunächst durchaus eine Hoffnung auf einflussreiche Förderer bestand. Allerdings bestimmte hier Kaiser Wilhelm II. (1859-1941), was in der Malerei Kunst zu sein hatte, und für ihn war Kunst ausschließlich die Historienmalerei, andere Themen oder gar modernere Kunstrichtungen existierten einfach nicht. Dementsprechend ließ er um die Jahrhundertwende an der Siegesallee als Spiegel der preußischen Geschichte 32 monumentale Skulpturen aufstellen. Aber nicht nur der Kaiser, sondern auch die nicht mit Munchs Arbeiten vertrauten Mitglieder des Komitees des Vereins Berliner Künstler waren von der Deutlichkeit einiger seiner Motive schockiert, einige ältere Maler fassten Munchs Arbeiten sogar als anarchistische Provokation auf. Es herrschte beträchtliche Aufregung, die mit einem succès de scandale endete, dessen politische Auswirkungen natürlich auch den kaiserlichen Hof erreichten. Das Ereignis beherrschte für eine Weile die Schlagzeilen der Zeitungen und war die beste vorstellbare Werbung für Munch.

Bereits 1892 hatten Max Liebermann und Walter Leistikow gemeinsam die Vereinigung der XI, einen Zusammenschluss von elf Künstlern, bewirkt. Nun übernahmen sie auch die Führung der am 2. Mai 1898 gegründeten Berliner Secession. Insgesamt gehörten der Gruppe zu diesem Zeitpunkt neben anderen so herausragende Künstler wie etwa Käthe Kollwitz (1867-1945), Heinrich Rudolf Zille (1858- 1929) sowie Lovis Corinth und Max Slevogt (1868-1932) an.
Käthe Kollwitz
Käthe Kollwitz (1867-1945) war als Bildhauerin und Grafikerin tätig und schuf Werke von großer menschlicher Einfühlungsgabe und sozialer Leidenschaft. Sie stammte aus Königsberg, dem heutigen Kaliningrad, war seit 1919 Mitglied der Preußischen Akademie der Künste, bis auch sie von den Nationalsozialisten als „untragbar” angesehen und ihres Amtes als Professorin enthoben wurde. In ihren dem Realismus zuzuordnenden Arbeiten wandte sie sich bis dahin vernachlässigten sozialen Themen zu und entwickelt einen zeitlosen Stil. Zu ihren wichtigsten Arbeiten zählen der Radierzyklus Ein Weberaufstand (1897/1898), Der Bauernkrieg (1903/1908) und die Folge von Holzschnitten Der Krieg (1922/1923). Käthe Kollwitz starb kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in der Nähe der völlig zerstörten Stadt Dresden. Das Käthe-Kollwitz-Museum Berlin bewahrt ihr Andenken und viele ihrer Arbeiten.
Heinrich Zille
Der Maler, Zeichner und Fotograf Heinrich Rudolf Zille, der seinen Berliner Spitznamen „Pinselheinrich” mit Stolz trug, war mit seinen Schilderungen der unterprivilegierten Menschen in den nicht wenigen Armenvierteln und Mietskasernen Berlins, weithin als „Zille sein Milieu” (oder auch: Milljöh) bekannt, ein ebenso engagierter Sozialkritiker wie Maler. Er machte nicht nur die Bekanntschaft Max Liebermanns, der ihn in die Berliner Secession brachte, sondern lernte neben einigen anderen auch Käthe Kollwitz kennen, mit der ihn dann eine lange Freundschaft verbinden sollte. Seine Arbeiten publizierte Zille in zahlreichen Satirezeitschriften wie Simplicissimus oder Ulk, in Form von Wandmalereien in Berliner Bierkellern und in Mappen wie Mutter Erde (1905) und Zwölf Künstlerdrucke (1909). Durch seine mit weichen Kohle- oder Kreidestrichen gefertigten Zeichnungen war er so bekannt geworden, dass der Komponist Willi Kollo (1904-1988) mit Hans Pflanzer ein Gedicht zu einem berühmten, von Claire Waldoff (1884-1957) und Hildegard Knef (1925-2002) interpretierten Chanson vertonte, dessen vielgesungener Refrain lautete:
Das war sein Milljöh
Das war sein Milljöh.
Jede Kneipe und Destille
Kennt den guten Vater Zille.
Jedes Droschkenpferd
Hat von ihm gehört.
Von N.O. bis J.W.D. –
Das war sein Milljöh.
Max Liebermann
Die Arbeit Menzels, von der rein malerischen Seite her betrachtet, setzte aber schließlich Max Liebermann (1847-1935) fort. Auch wenn man in seinem Lebenswerk gelegentlich die Einflüsse anderer Meister – vor allem in seinen Zeichnungen die Hand Rembrandts – spüren kann, so stellt sich die Gesamtheit seines Schaffens doch als ausgesprochen einheitlich und individuell dar. Er gilt als einer der besonders von Jean-François Millet (1814-1875) beeinflussten Hauptmeister des deutschen Impressionismus.
Liebermanns erstes, Aufsehen erregendes Bild waren die Gänserupferinnen (1872; Berlin, Alte Nationalgalerie), dem dann die Konservenmacherinnen (1879; Leipzig, Museum der bildenden Künste), die Arbeiter im Rübenfeld (1873; Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum) und die Kartoffelbuddler in den Dünen von Zandvoort (1895; Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum) folgten. Er gehörte zu den ersten deutschen Malern, die in die Niederlande gingen, um dort die Kunst von Frans Hals (1580/1585-1666) und die besondere Atmosphäre des Landes kennenzulernen und davon zu profitieren. Wenn ihn anfangs das spezifisch Holländische zu Bildern wie Altmännerhaus in Amsterdam (1880; Stuttgart, Staatsgalerie), Die Netzflickerinnen (1887-1889; Hamburg, Hamburger Kunsthalle) oder Freistunde im Waisenhaus in Amsterdam (1881-1882; Frankfurt a. M., Städel Museum) und ähnlichen Motive reizten, so kam er später, nachdem er auch an der Küste nach solchen Motiven gesucht hatte, dazu, den Bewegungen der Luft und des Lichts erhöhte Aufmerksamkeit zuzuwenden. Aus der Zeit um 1890 stammen Der alte Lotse (1890; Schweinfurt, Sammlung Georg Schäfer) und die Frau mit Ziegen (1890; München, Neue Pinakothek). Liebermanns frühe Werke sind, ganz nach Menzels Vorbild, mit sorgfältiger Detailbehandlung gemalt.

Als Liebermann, Gründungsmitglied der Münchner Secession, später größeren Nachdruck auf die Darstellung immaterieller Faktoren, wie es Luft und Licht nun einmal sind, legte, wurde seine Malweise wesentlich freier, breiter und, als Manet und die französischen Impressionisten bekannt wurden, auch lockerer. In gleichem Maße hellten sich seine anfangs dunklen, aber immer tonschönen Farben auf, bis sie schließlich fast rein und leuchtend wurden. Mit diesen neuen Farben gingen auch neue Motive einher, etwa: Badende Knaben (1896-1898) und ein Gemälde gleichen Titels aus dem Jahr 1900 (beide in einer Privatsammlung), Regenstimmung auf der Elbe (1902; Hamburg, Hamburger Kunsthalle) oder auch die Strandszene in Norwijk (1908; Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum) sowie Hamburger Ansichten, Gärten, Villen und viele andere mehr, wobei er aber stets seiner Linie, der Wiedergabe bewegten Lebens, treu blieb.
Zu Liebermanns zahlreichen Bildnissen gehören vor allem etliche Selbstbildnisse, aber auch die Porträts des Kunsthistorikers Wilhelm von Bode (1845-1929; 1904; Berlin, Alte Nationalgalerie) oder des früheren Reichspräsidenten Paul von Hindenburg (1847-1934; 1927; Hannover, Niedersächsisches Landesmuseum). In seinen Porträts wird der Einfluss Frans Hals’ spürbar, doch war die Psychologie sicherlich nicht seine starke Seite, und eine gewisse schematische Behandlung der malerischen Ausführung mit dem gleichen grauen Hintergrund lassen die Mehrzahl dieser Bildnisse hinter den anderen Arbeiten zurückstehen. An seinen Zeichnungen wird die Fähigkeit des Künstlers deutlich, mit den geringsten Mitteln Stimmung, Bewegung und Situationen malerisch umzusetzen.
Sehen wir uns einige weitere Werke der deutschen Malerei an:



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