Christus in der Kunst
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Das Christentum: Die Menschheit durch Glauben und Mitgefühl verändern

Videonachweis: Mutter Maria hält die Statue des gestorbenen Jesus im Park, Video von Fr. Joseph Gill von Pexels.

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Christus in der Kunst (ISBN: 9781783106837) von Ernest Renan, herausgegeben von Parkstone International.

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Jesus kam, wie wir gesehen haben, niemals aus dem jüdischen Kreis heraus. Obwohl seine Sympathie für alle von der Orthodoxie Geächteten ihn dazu hinzog, auch die Heiden in das Reich Gottes einzulassen, obwohl er mehrere Male in heidnischen Gegenden gewesen und ein oder zwei Mal wohlwollende Beziehungen zu Ungläubigen gehabt hatte, kann man doch sagen, dass sein ganzes Leben in der kleinen, sehr abgeschlossenen Welt verlief, in der er geboren war. Die Länder der Griechen und Römer hatten nie etwas von ihm gehört; sein Name kommt bei profanen Autoren erst etwa einhundert Jahre später vor und auch da nur auf ganz indirekte Weise: bei den durch seine Lehre entstandenen aufrührerischen Bewegungen, bei denen seine Schüler Gegenstand von Verfolgungen wurden.

Selbst im Schoß des Judentums hinterließ Jesus keinen dauernden Eindruck. Philo, der um das Jahr 50 lebte, weiß nichts von seiner Existenz. Josephus, der bereits im Jahr 37 geboren worden war und in den letzten Jahren des Jahrhunderts schrieb, erwähnt seine Hinrichtung in einigen Zeilen als ein Ereignis von untergeordneter Bedeutung; bei der Aufzählung der Sekten seiner Zeit vergisst er die Christen. Andererseits bietet aber auch die Mischna keine Spuren von der neuen Schule; die Stellen der beiden Gemaren, in denen der Begründer des Christentums genannt ist, gehen nicht über das vierte oder fünfte Jahrhundert zurück.

Das Wesentlichste an der Tätigkeit Jesu war, dass er einen Kreis von Schülern um sich scharte, denen er eine schrankenlose Hingebung einzuflößen wusste und in deren Herz er den Keim seiner Lehre niederlegte. Sich in dem Maße Liebe erworben zu haben, „… dass man noch nach seinem Tode nicht aufhörte, ihn zu lieben,“ das ist die Großtat Jesu, die auch seinen Zeitgenossen am meisten aufgefallen ist. Seine Lehre war etwas so wenig Dogmatisches, dass er niemals daran dachte, sie niederzuschreiben oder niederschreiben zu lassen. Man war sein Schüler, nicht, weil man dies oder jenes glaubte, sondern weil man Anhänglichkeit an seine Person zeigte, weil man ihn liebte.

Michelangelo Buonarroti, Pietà, 1498-1499, Christentum
Michelangelo Buonarroti, Pietà, 1498-1499. Marmor, 174 x 195 cm. Petersdom, Vatikanstadt.

Einige dem Gedächtnis leicht anhaftende Sentenzen und besonders seine moralische Persönlichkeit, der überwältigende Eindruck, den er hinterlassen hatte, das ist das Bleibende an ihm. Jesus ist kein Begründer von Glaubensartikeln, kein Symboliker; er ist ein Mann, der einen neuen Geist über die Welt gebracht. Diejenigen Menschen, die am wenigsten Christen gewesen sind, waren einerseits die Gelehrten der griechischen Kirche, die vom vierten Jahrhundert ab das Christentum in die Bahn kindischer, metaphysischer Erörterungen hineindrängten und andererseits die Scholastiker des lateinischen Mittelalters, die aus dem Evangelium die tausend Spitzfindigkeiten einer kolossalen ‘Summa’ herausklügeln wollten. Zu Anfang aber hieß es, ein Christ zu sein, wenn man hinsichtlich des Reiches Gottes ein Anhänger Jesu war.

Auf diese Weise kann man begreifen, wie durch ein ganz besonderes Geschick das reine Christentum sich noch heute nach zwanzig Jahrhunderten mit dem Charakter einer ewigen und universalen Religion darstellen kann. Die Religion Jesu ist wirklich in mancherlei Hinsicht eine definitive Religion. Die Frucht einer durchaus freiwilligen Regung der Seele, bei ihrem Ursprung von jeder dogmatischen Fessel frei, hat das Christentum drei Jahrhunderte für die Freiheit des Gewissens gekämpft, und trotz aller Katastrophen, die es inzwischen durchgemacht hat, erntet es noch heute den Segen dieses erhabenen Ursprunges.

Um sich zu erneuern, braucht es immer nur auf das Evangelium zurück zu gehen. Das Reich Gottes, wie wir es auffassen, weicht merklich von der übernatürlichen Erscheinung ab, die ersten Christen in den Wolken zu sehen hofften. Aber das Gefühl, das Bewusstsein, das Jesus der Welt einverleibt hat, ist auch heute noch das unsrige. Sein vollendeter Idealismus ist die höchste Vorschrift des in sich selbst gekehrten und tugendhaften Lebens.

Rogier van der Weyden, Die Kreuzabnahme Christi, um 1435, Christentum
Rogier van der Weyden, Die Kreuzabnahme Christi, um 1435. Öl auf Panel, 220 x 262 cm. Museo Nacional del Prado, Madrid.

Jesus hat für die reinen Seelen den Himmel geschaffen, in dem man alles findet, was man auf Erden vergebens sucht: den vollkommenen Adel der Kinder Gottes, die absolute Reinheit, der gänzliche Abstand vom Schmutz der Welt; mit einem Wort: die Freiheit, die die wirkliche Gesellschaft als eine Unmöglichkeit ausschließt, die aber ihre ganze Fülle auf dem Gebiete des Gedankens besitzt. Der Großmeister all derer, die sich in das ideale Reich Gottes hineinflüchten, ist immer noch Jesus. Er hat zuerst die Herrschaft des Geistes proklamiert, dann mindestens durch seine Handlungen gesagt und bestätigt: „… Mein Reich ist nicht von dieser Welt.“ Die Gründung einer wahren Religion ist sein ureigenstes Werk. Nach ihm gibt es nur noch zu entwickeln und fruchtbringend zu machen.

Das ‘Christentum’ ist auf diese Weise mit ‘Religion’ fast synonym geworden. Alles, was außerhalb dieser großen und guten christlichen Tradition geschieht, wird stets unfruchtbar bleiben. Jesus hat in der Menschheit die Religion gestiftet wie Sokrates die Philosophie oder wie Aristoteles die Wissenschaft. Seit Sokrates und Aristoteles haben Philosophie und Wissenschaft ungeheure Fortschritte gemacht, aber alles ist nur auf ihrer Grundlage aufgebaut worden.

Tizian, Abendmahl in Emmaus, um 1530, Christentum
Tizian (Tiziano Vecellio), Abendmahl in Emmaus, um 1530. Öl auf Leinwand, 169 x 244 cm. Musée du Louvre, Paris.

Ebenso hatte der religiöse Gedanke vor Jesus vielerlei Umwälzungen erlebt, nach Jesus hat er große Eroberungen gemacht, aber man ging nie und wird nie über den wesentlichen Begriff hinausgehen, den Jesus geschaffen hat, denn er hat für immer die Idee des reinen Kultus festgestellt. In diesem Sinne ist die Religion Jesu ohne Schranken. Seine Symbole sind keine feststehenden Dogmen, sondern Bilder, die unendlich vieler Auslegungen fähig sind. Man wird vergebens einen theologischen Satz im Evangelium suchen. Alle Glaubensbekenntnisse sind nur Zerrbilder des Gedankens Jesu, ebenso wie die mittelalterliche Scholastik, wenn sie Aristoteles als den ersten Meister der vollendetsten Wissenschaft hinstellte, den Gedanken dieses Meister gefälscht hat.

Hätte Aristoteles diesem Schulgezänk beigewohnt, er hätte diese enge Doktrin von sich gewiesen und sich auf die Seite der fortschreitenden Wissenschaft der Routine gegenübergestellt, die sich auf sein Ansehen zu stützen versuchte; er hätte allen, die Widerspruch einlegten, seinen Beifall gezollt. Ebenso würde Jesus, wenn er uns heute wieder erschiene, nicht diejenigen als seine Schüler anerkennen, die in einigen Katechismusphrasen seine Lehre ganz umfassen zu können meinen, sondern diejenigen, die danach streben, sein Werk fortzusetzen.

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