Gebrochener Körper, unzerbrechlicher Geist – Die Geschichte von Frida Kahlo
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Frida Kahlo (ISBN: 9781783106387), von Gerry Souter, herausgegeben von Parkstone International.
Magdalena Carmen Frida Kahlo y Calderón wurde am 6. Juli 1907 in Coyoacán, Mexiko, geboren. In ihren Mädchenjahren schien es, wo immer sie ging, als ob sie renne, als ob sie wenig Zeit übrig und noch so viel zu tun habe. Und zu dieser Zeit war Rennen, sich Verstecken und schnell herausfinden, welcher bewaffnete Haufen sich gerade ihrem Dorf näherte, alltägliche Überlebensnotwendigkeit der Mexikaner. Frida änderte allmählich die deutsche Buchstabierung ihres Namens, den sie von ihrem jüdischen Vater Wilhelm (der seinen Vornamen in Guillermo änderte) erhalten hatte, einem in Deutschland herangewachsenen Ungarn. Dennoch verwendete sie noch in manchen persönlichen Briefen die deutsche Schreibweise „Frieda“. Ihre Mutter Matilde, geborene Calderón, eine fromme Katholikin und Mestizin von indianisch-europäischer Abstammung, hatte streng konservative und religiöse Ansichten über den Platz einer Frau in der Welt. Auf der anderen Seite stand Fridas Vater, ein Künstler und Photograph mit einem gewissen Bekanntheitsgrad, der sie ermutigte, für sich selbst zu denken. Guillermo war in La Casa Azul (das Blaue Haus), an der Ecke der Londres- und Allende-Straße in Coyoacán, von lauter Töchtern umgeben. Inmitten all dieser traditionellen Häuslichkeit klammerte er sich an Frida wie an einen Ersatzsohn, der in seine Fußstapfen als Künstler treten sollte. Er wurde ihr erster Mentor, der sie aus der traditionellen und von der Mehrheit der mexikanischen Frauen akzeptierten Rolle befreite. Sie wurde seine Assistentin und begann, seinen Beruf zu erlernen, jedoch mit wenig Begeisterung für das Medium der Photographie. Sie reiste zwar mit ihm, aber vor allem, um da zu sein, falls er einen seiner epileptischen Anfälle erlitt.
Guillermo Kahlo war ein stolzer, anspruchsvoller Mann mit geregelten Gewohnheiten und vielen intellektuellen Beschäftigungen, von der Freude an klassischer Musik — er spielte fast täglich auf einem kleinen deutschen Klavier — bis hin zu seiner eigenen Malerei und allgemeinen Wertschätzung der Kunst. Seine Arbeiten in Öl und Aquarell waren zwar nur durchschnittlich, aber Frida war fasziniert von der Art, wie er die dünnen Pinselstriche eines photographischen Retuscheurs verwendete, um auf einer bloßen Leinwand Szenen zu schaffen anstatt nur die Doppelkinne eitler Porträtkunden zu überpinseln. Er behielt unbeugsam seine eigene Dualität: nach außen hin aktiv, aber innerlich gefangen von seiner Epilepsie.

Wenn er, hingestreckt von einem starken Anfall und auf der Straße liegend, sein Bewusstsein wieder erlangte, kniete Frida an seiner Seite, hielt die Ätherflasche und stellte sicher, dass seine Kamera nicht gestohlen wurde. Guillermo musizierte und las in seiner großen Bibliothek, aber innerlich war er wegen der Sorgen über das fehlende, für den Unterhalt seiner Familie notwendige Geld ständig gereizt. Er trug, laut Frida, eine „stille“ Maske. Sie lernte von ihm jene Selbstkontrolle oder wenigstens den Anschein davon. So war sie in den dunkelsten Momenten ihres Lebens niemals gewillt, öffentlich ein Gesicht zu zeigen, das enthüllen würde, was sich tatsächlich hinter dem stoischen Ausdruck verbarg.
Frida Kahlo war verwöhnt, verzogen und leicht zu beeindrucken. Guillermos Erfolg brachte ihm unter Porfirio Díaz eine Stelle bei der Regierung ein, für die er als eine Art Werbung mexikanische Architektur photographierte, um ausländische Investoren zu locken. Seit 1876 war Díaz Präsident von Mexiko und hatte sich eine darwinistische Philosophie zu Eigen gemacht. Dieses Konzept vom „Überleben des Stärkeren“ ging davon aus, dass alle Regierungsgelder und -programme dazu verwendet wurden, die Reichen und Erfolgreichen zu fördern, während man die wenig produktiven Bauern vernachlässigte. Mexiko wurde der ökonomische Liebling jener Länder des internationalen Handels, die seinen Mineralreichtum und die billigen Arbeitskräfte ausnutzten. Europäische Kultur und Bräuche herrschten vor, während mexikanische und indianische Traditionen auf der Strecke blieben. Díaz wählte persönlich Guillermo Kahlo aus, um ausländischen Investoren die beste Seite Mexikos zu präsentieren und katapultierte so den umherreisenden Porträtphotographen in die begehrte Mittelklasse.
Kahlo verschwendete keine Zeit. Er kaufte eine Parzelle im nahe gelegenen Vorort von Coyoacán am Randbezirk von Mexiko Stadt und baute dort ein traditionell mexikanisches Heim mit zum Innenhof geöffneten Räumen, die La Casa Azul, tiefblau bemalt mit roten Zierleisten. Um Frida eine bessere Ausbildung bieten zu können, meldete er sie 1922 an einer freien nationalen höheren Schule in San Ildefonso an, die sie auf ein Hochschulstudium vorbereitete. Sie war eines der aus 2.000 Bewerbern aufgenommenen 35 Mädchen und stieg neben den männlichen Schülern, von denen später einige zu führenden Intellektuellen und Politikern Mexikos werden sollten, zu einer der Klassenbesten auf. Sie genoss ihre neue Freiheit weitab von den stumpfen häuslichen Aufgaben und trieb sich mit einigen Schulcliquen herum. Sie fühlte sich der Cachuchas-Clique zugehörig – benannt nach der Art der von ihnen getragenen Kopfbedeckung, einer Gruppe intellektueller Bohemiens.

Diesen kunterbunten elitären Haufen führte Alejandro Gómez Arias an, der in unzähligen Reden wiederholte, dass eine neue Aufklärung Mexikos „Optimismus, Opfer, Liebe, Freude“ und mutige Führung fordere. Sein gutes Aussehen, sein selbstsicheres Auftreten und seinen beeindruckenden Intellekt fand Frida anziehend. Ihr ganzes Leben lang zog sie Männer dieses Schlages an, und sobald sie von ihr erobert waren, wurde jeder von ihnen in ein leidenschaftliches, besitzergreifendes Netz verstrickt. Aber jede Eroberung verwirrte dieses Mädchen vom Land, wenn es darüber nachdachte, was diese maßgebenden Männer wohl in ihr sahen.
Sie war klein, schlank, dunkel und ein Krüppel. Als dreizehnjährige war Frida an der wachstumshemmenden Kinderlähmung erkrankt, die ihr rechtes Bein verkümmern ließ. Nachbarskinder hänselten sie mit Rufen wie „pata de palo“ („Holzbein/Hinkebein“). Um ihr Gebrechen zu kaschieren, trug sie am dünnen Bein mehrere Strümpfe übereinander und der Absatz ihres Schuhs wurde um zwölf cm erhöht. Betrachtet man die Situation der Medizin im Mexiko der 1920er Jahre — heiße Walnussölbäder und Kalzium-Präparate – so hatte sie Glück, noch am Leben zu sein. Um ihr Lahmen noch mehr zu kompensieren, stürzte sie sich auf den Sport: Rennen, Boxen, Schwimmen und Ringen, d.h. jegliche anstrengende Aktivität, die Mädchen offen stand. Aber ihre größte Betätigung blieb die intellektuelle Debatte, und in Arias fand sie einen wahren Seelenverwandten.

1923 wurden sie ein Liebespaar und verbrachten Stunden in der Ibero-Amerikanischen Bibliothek, vertieften sich in Gogol, Tolstoi, Spengler, Hegel, Kant und andere außerordentliche europäische Philosophen. Aus diesem Beisammensein und ihren eigenen Studien entwickelte sich allmählich eine tiefe Affinität zum Sozialismus und der Erhebung der Massen. Für sie waren in jenem Kreis der auf der sozialen Leiter emporsteigenden Studenten diese beiden Konzepte Lippenbekenntnisse, aber Frida blieb für den Rest ihres Lebens eine bekennende und laut vernehmbare Kommunistin. Sie tauschte sogar als eine Bestätigung ihres Engagements für revolutionäre Ideale das Datum, 1910, des Beginns der mexikanischen Revolution, gegen das Datum ihres eigentlichen Geburtsjahres, 1907, aus. Die Atmosphäre in Mexiko Stadt war durch politische Debatten aufgeheizt und gefährlich. Flüchtige Sprecher traten auf, um jegliches Regime herauszufordern, nur um dann auf der Straße niedergeschossen oder von der Korruption geschluckt zu werden. Díaz wurde von Madero abgelöst, der sich dreizehn Monate hielt, bis ihn eine tödliche Ladung von Gewehrkugeln seines Generals Victoriano Huerta stoppte.
Um einen besseren Einblick in Frida Kahlo zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:
Werfen Sie einen Blick auf unsere weiteren Titel zu Kahlo:



Entdecken Sie die außergewöhnliche Geschichte von Frida Kahlo in der Ausstellung der Tate im Jahr 2026: Frida: The Making of an Icon, vom 25. Juni 2026 bis zum 3. Januar 2027.





