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Koitieren, cloisonnieren, mal nach Bremen fahren

„So, und jetzt bitte mal husten.“ Woran denkt ihr? Richtig, Militärdienst! Diese hier aus Gründen des Jugendschutzes (es sind Hoden involviert!) nur angedeutete Anekdote wird mit meiner Generation aussterben. Um den Wehrdienst ist es nicht schade. Um den Zivildienst vielleicht schon irgendwie ein ganz kleines bisschen. Zum Ende des 19. Jahrhunderts jedenfalls entschied man in Frankreich per Los, wer eingezogen wurde. Ein gewisser Émile Bernard war 1888 unter den Glücklichen, sodass ihm sein Mentor Vincent van Gogh eines schönen Tages schrieb: „… iss gut, mache den Militärdienst gut, koitiere nicht zu viel.“ Ein Satz, den man gerne einmal selber unter einen Brief setzen würde, und ein Beweis dafür, dass im ausgehenden 19. Jahrhundert Künstler nicht die schlechteste Berufswahl war. Bernard umgab sich also mit ein paar coolen Säuen, zerstritt sich mit Gauguin (kann ja auch nicht jeder von sich behaupten), floh vorm Kriegsdienst, tingelte bis zum näheren Orient und wieder zurück, heiratete ein paar Frauen, die nach seinen Porträts zu urteilen immer ein bisschen schepp aus der Wäsche guckten, und begründete den Cloisonismus. „Was’n das?“, fragt es da verschämt aus den hinteren Reihen. Okay, beginnen wir damit.

Émile Bernard, Eisen-Brücken von Asnières, 1887. Öl auf Leinwand, 45,9 x 54,2 cm. The Museum of Modern Art, New York.
Eisen-Brücken von Asnières, 1887. Öl auf Leinwand, 45,9 x 54,2 cm. The Museum of Modern Art, New York.

‚Cloisonner‘ ist Französisch und bedeutet unterteilen oder trennen. Ein Blick auf das Bild oben und ihr wisst, was gemeint ist. Die Konturen sind hervorgehoben, was die Farbflächen als solche kenntlich macht. Der Künstler hinter dem Bild wird fühlbar, es verliert den Abbildcharakter. 1887 konnte das die Kunstwelt schon nicht mehr schrecken, Monet hatte seine Impression, Sonnenaufgang (1872) längst gemalt und damit die Moderne in der Kunst eingeläutet. Aber seht euch mal van Goghs Bilder an. Eindeutiger Cloisonist!

Als Jugendlicher konnte ich mich für klassische Malerei nicht begeistern. Was mich in Florenz am meisten beeindruckte, waren weder Stadt noch Uffizien, sondern die Tatsache, dass zwei Bällchen Eis 12 Euro kosteten und grob geschätzt ein Kilo wogen. Vielleicht ging es Bernard ja ähnlich. (Man tut sich schwer, sich Bernard mit einer Tüte Eis in der Hand vorzustellen. Ich tippe auf Haselnuss oder Zitrone.) In jugendlichem Elan erfand er noch schnell den Symbolismus mit, im Alter von rund 25 Jahren waren ihm dann plötzlich die klassischen Ideale von Schönheit, Harmonie und Symmetrie das Höchste. Seine Helden waren jetzt Poussin, Raffael und Tizian, er malte Akte und religiöse Motive und schaffte es damit in einige italienische und sogar die Vatikanischen Museen. Avantgardist und Vatikanische Museen, auch das kann nicht jeder von sich behaupten. Genau genommen fiele mir da gar niemand ein. Außer eben dieser Émile Bernard.

Émile Bernard, Christus heilt die Kranken, 1924. Öl auf Leinwand, 265 x 300 cm. Ca' Pesaro Galleria Internazionale d'Arte Moderna, Venedig.
Christus heilt die Kranken, 1924. Öl auf Leinwand, 265 x 300 cm. Ca’ Pesaro Galleria Internazionale d’Arte Moderna, Venedig.

Wer es noch nicht bis nach Paris oder Amsterdam gebracht hat, Bernard aber trotzdem sehen will, der sollte sich auf zur Bremer Kunsthalle machen. Da läuft noch bis 31. Mai die Ausstellung „Émile Bernard – Am Puls der Moderne“, die sich vor allem auf sein Spätwerk konzentriert. Ich verspreche euch ein paar verdammt gute Aktgemälde! Und falls ihr wissen wollt, welches seiner Bilder denn nun eigentlich in der Vatikanstadt hängt, könnt ihr entweder den Rest des Osterwochenendes damit verbringen, auf der Internetseite der Vatikanischen Museen danach zu suchen (glaubt mir, ich weiß, wovon ich rede), oder gemütlich diesen Band hier vorbestellen: Émile Bernard, Kollektion Mega Square, 14,5 x 16,2 cm, 256 Seiten und handgezählte 121 Abbildungen.

Arik