chinesischen Meisterwerken
Art,  Deutsch

Natur und Geist in den Meisterwerken der chinesischen Malerei

Videonachweis: Die Chinesische Mauer ist ein beliebtes Touristenattraktionsvideo von Nitin Khajotia von Pexels.

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Chinesische Kunst (ISBN: 9781783106585), von Stephen W. Bushell herausgegeben von Parkstone International.

Klicken Sie auf das Cover, um Details zum Produkt zu sehen

Beim Studium der chinesischen Malerei muss der westliche Mensch seine eigene Vorstellungswelt, seine künstlerische Bildung und den gesamten ästhetischen Ballast, der sich seit der Renaissance angesammelt hat, vergessen. Er muss vor allem auf jeden Vergleich der Werke chinesischer Maler mit den berühmten Bildern in europäischen Sammlungen verzichten.

Der chinesische Blickwinkel unterscheidet sich von dem abendländischen grundlegend. Diese tiefe Kluft wird von den Erlebnissen der beiden Jesuitenpater Attiret und Castiglione illustriert, die im frühen 18. Jahrhundert als Maler am chinesischen Kaiserhof tätig waren und sich sehr bemühten, die Chinesen mit der europäischen Kunst, ihrer Vorstellung von der Anatomie, ihrer Darstellung von Licht und Schatten und all ihren anderen wichtigen Elementen vertraut zu machen. Der erstaunte Kaiser ließ sie zunächst gewähren, und sie malten Porträts von ihm selbst, der Kaiserin und der Prinzen sowie vieler der hoch stehenden Mandarine am Hof. Darüber hinaus dekorierten sie den Palast mit allegorischen Bildern der vier Jahreszeiten und vollendeten insgesamt mehr als zweihundert Werke. Die Haltung des Kaisers, und deshalb auch die des Hofes, änderte sich aber mehr und mehr.

Porträt des Kaisers Yongzheng bei seinen Vergnügungen durch die zwölf Monate: Fünfter Monat, chinesischen Meisterwerken
Anonym, Porträt des Kaisers Yongzheng bei seinen Vergnügungen durch die zwölf Monate: Fünfter Monat, Frühes 18. Jhd. Rollbild, Malfarbe auf Seide, 187,5 x 102 cm. Palastmuseum, Peking.

Man empfand den Stil der Jesuiten als zu europäisch. Die Fleischtöne, das Chiaroscuro, die Schatten wurden als für chinesische Augen schockierend erklärt. Anschließend erlegte der Kaiser den Missionaren die traditionelle chinesische Malweise auf und wies ihnen sogar chinesische Mitarbeiter zu, bis Attiret am 1. November 1743 nach Paris schrieb:

„Ich war sozusagen gezwungen, all das, was ich gelernt hatte, zu vergessen, und mir eine neue Art (des Malens) zuzulegen, um den Geschmack der Nation zu treffen […] Alles, was wir malen, ist vom Kaiser befohlen. Wir fertigen zunächst die Entwürfe an, er prüft sie, lässt sie überarbeiten und nach seinem Ermessen abändern. Ob gut oder schlecht, wir müssen seine Korrekturen ohne Widerrede akzeptieren.“ (Lettres édifiantes.)

Als Lord McCartney etwa fünfzig Jahre später an den Hof desselben Kaisers kam und mehrere Gemälde als Geschenke seines Königs Georgs III. (1738 bis 1820) mitbrachte, waren die anwesenden Höflinge einmal mehr von den Schatten schockiert und fragten besorgt, ob bei den Modellen der Porträts tatsächlich eine Gesichtshälfte dunkler als die andere sei. Auch die beschattete Nase war in ihren Augen ein großer Makel, und einige meinten sogar, sie sei ein Versehen.

Die Chinesen haben seit jeher eine Tendenz, zur Vision und den Methoden ihrer alten Meister zurückzukehren, ein wenig in der Art der Präraffaeliten. Die edle Einfachheit ihrer Kompositionen, die Subtilität ihrer Farben und die Intensität, mit der die Chinesen sich um die unmittelbarste und aussagekräftigste Darstellung ihres Motivs bemühen, ähneln in vielerlei Hinsicht der japanischen Schule und deshalb auch ein wenig Abbott McNeill Whistler (1834 bis 1909), um einen westlichen Maler zu nennen.

Yun Shouping, Magnolie und Päonie, Spätes 17. Jhd., chinesischen Meisterwerken
Yun Shouping (1633 – 1690), Magnolie und Päonie, Spätes 17. Jhd. Rollbild, Tusche und Malfarbe auf Seide, 116,5 x 54,2 cm. Nationales Palastmuseum, Taipeh.

Durch alle Entwicklungsstufen der chinesischen Malerei hindurch, in all ihren Schulen und Stilrichtungen lässt sich seit frühester Zeit eine bestimmte Einheit und eine bestimmte harmonische Anordnung der Elemente erkennen. Sie ist der Ausfluss einer instinktiven Einigkeit der Künstler hinsichtlich der Interpretation der materiellen Eigenschaften der Dinge und Lebewesen, so dass sie stets die essentiellen Punkte auffassen, um die durch die Vorlagen hervorgerufenen Gefühle und Gedanken zum Ausdruck zu bringen und gewissermaßen in eine idealisierte innere Vision zu übersetzen. Das eindruckvollste und im Verlauf ihrer langen historischen Entwicklung stabilste Charakteristikum der chinesischen Malerei ist die grafische Qualität der Bilder. Chinesische Maler sind zuerst Zeichner und Kalligraphen.

Die chinesische Schrift selbst war ursprünglich ideografisch. Die frühesten Schriftzeichen waren praktisch mehr oder weniger exakte Abbildungen von Gegenständen. Die phonetische Dimension kam erst viel später hinzu, wie es bei vergleichbaren Schriftzeichen in anderen Teilen der Welt ebenfalls der Fall war. Diese Tatsache kommt auch in dem Namen wen, „Bild des Objekts“, für die einfachen Schriftzeichen zum Ausdruck, die ursprünglich von Tsang-xieh erfunden worden sein sollen und an die Stelle der vorher verwendeten verknoteten Bänder und Kerbhölzer, die an ähnliche Hilfsmittel in lateinamerikanischen Hochkulturen erinnern, getreten sein sollen, um Ereignisse aufzuzeichnen.

Wang Gai, Aus dem Handbuch des Senfkorngartens, Jieziyuan Huazhuan, 1701, chinesischen Meisterwerken
Wang Gai (aktiv um 1679 – 1705), Aus dem Handbuch des Senfkorngartens, Jieziyuan Huazhuan, 1701. Farbdruck, 30,5 x 37,3 cm. Victoria and Albert Museum, London.

Der angebliche Erfinder der Malerei in der mythischen Phase des Altertums soll Shih-huang gewesen sein, ein Zeitgenosse von Tsangxieh, und wie dieser ein Titularminister des fabelhaften Huang Ti, des „Gelben Kaisers“ der chinesischen Mythologie. Einige Mythologen meinen, die beiden genannten Figuren seien ein und dieselbe Person, der in der Nachfolge Fuxis als Kaiser geherrscht habe. Aber all die unterschiedlichen Legenden haben den gemeinsamen Ursprung und die essentielle Einheit von Schrift und Malerei zum Inhalt, und diese Einheit wird seither auch von allen chinesischen Gelehrten beider Künste betont.

Die malerische Qualität der chinesischen Schrift, die sich bis heute erhalten hat, macht es erforderlich, dass diejenigen, die es in dieser „Kunst“ zu einer gewissen Meisterschaft bringen möchten, sich einer der des Zeichners ganz ähnlichen Ausbildung unterziehen müssen.

Qin Xuan, Kaiser Minghuang und Yang Guifei vor dem Ausritt
Qin Xuan (1235 – nach 1301), Kaiser Minghuang und Yang Guifei vor dem Ausritt. Kurze Handrolle, Tusche und Malfarbe auf Seide, 29 x 118 cm. Freer Gallery of Art, Washington D.C.

Die Striche der ganz normalen Schriftzeichen weisen leichte und subtile Pinselstriche, plötzliche Unterbrechungen, elegante Bögen, energische Ausbrüche und langsam auslaufende Linien auf, die nur eine lange Lehrzeit am Pinsel ermöglicht. Der chinesische Gelehrte ist fest davon überzeugt, dass die Schriftzeichen eines vollkommenen Schreibers den zum Ausdruck gebrachten Ideen etwas von ihrer grafischen Schönheit und jedem Gedanken feine Bedeutungsnuancen verleihen.

In China werden Schreiben und Zeichnen nach denselben Methoden gelehrt. Jedes Motiv der Komposition wird in eine bestimmte Anzahl von Elementen unterteilt, die der Künstler jeweils getrennt zu behandeln gelehrt wird, so wie der Schreiber lernt, die acht unterschiedlichen Pinselstriche, die bei der Bildung der Schriftzeichen verwendet werden, jeweils einzeln zu malen.

Um einen besseren Einblick in Chinesische Kunst zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:

Parkstone International is an international publishing house specializing in art books. Our books are published in 23 languages and distributed worldwide. In addition to printed material, Parkstone has started distributing its titles in digital format through e-book platforms all over the world as well as through applications for iOS and Android. Our titles include a large range of subjects such as: Religion in Art, Architecture, Asian Art, Fine Arts, Erotic Art, Famous Artists, Fashion, Photography, Art Movements, Art for Children.

Leave your thoughts here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

Discover more from Parkstone Art

Subscribe now to keep reading and get access to the full archive.

Continue reading

Share via
Copy link
Powered by Social Snap