Das goldene Zeitalter der russischen Malerei: Tradition und Innovation
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Russische Malerei (ISBN: 9781783106455), von Peter Leek, herausgegeben von Parkstone International.
Die erhabene Metaphorik der großen Ikonenmaler, die Porträtmalerei des 18. und des 19. Jahrhunderts, die Bilder der See, des Schnees und der Wälder, die Darstellungen des bäuerlichen Lebens und die historischen Gemälde der Wanderer, die Eleganz der Bewegung Welt der Kunst, die kühnen Experimente der Künstler des frühen 20. Jahrhunderts … Wer mit der russischen Malerei nicht vertraut ist, wird ihren Reichtum und ihre Vielseitigkeit als eine Überraschung oder zumindest als eine aufregende Entdeckung empfinden. In der Tat ist die Kreativität der russischen Künstler der letzten zweieinhalb Jahrhunderte so ausgeprägt gewesen, dass ein Buch wie das vorliegende hoffnungslos überfordert wäre, wollte es einen erschöpfenden Überblick über ihr Schaffen geben. Sein Ziel ist es eher, eine repräsentative Auswahl der russischen Malerei vom 18. Jahrhundert bis zum Beginn der nachrevolutionären Epoche (sowie einige Ausblicke auf jüngere Arbeiten) zu bieten. In diesem Rahmen werden lediglich einige Bemerkungen zu Russlands reichem Erbe der Ikonenmalerei möglich sein. Ebenso wenig kann die Kunst der sowjetischen Ära ausführlich berücksichtigt werden.

Obwohl die Ikonenmalerei sich rasch zu einem genuinen Bestandteil der russischen Kultur entwickelte, handelte es sich zunächst um eine importierte Kunstform, die von Konstantinopel aus nach Russland gelangt war. Der Begriff Ikone, eine Übertragung des griechischen Wortes für Abbildung oder Bild, verweist auf seinen byzantinischen Ursprung. Nachdem der Großfürst Wladimir der Heilige des Kiewer Reiches (des ersten russischen Staatsgebildes) Gesandte ausgeschickt hatte, die ihm über die unterschiedlichen existierenden Religionen berichten sollten, nahm er im Jahr 988, und zwar sowohl für sich selbst wie auch für seine gesamten Untertanen, den christlichen Glauben an und veranstaltete im Dnjepr eine Massentaufe. Er lud byzantinische Künstler und Baumeister nach Kiew ein, um christliche Kultstätten zu bauen und zu schmücken. Auf diese Weise wurden die Steinkirchen Kiews mit großartigen Fresken und Mosaiken ausgestattet. Wandmalereien waren unzweckmäßig, weil viele der frühen Kirchen in Kiew aus Holz errichtet worden waren, stattdessen wurden religiöse Bilder auf hölzerne Tafeln gemalt. Diese wiederum zierten häufig einen Wandschirm, der den Altarraum vom Hauptteil der Kirche trennte und sich schließlich zur Ikonostase entwickelte, einer mit gestuft angeordneten Ikonen kunstvoll dekorierten Trennwand.

Man nimmt an, dass die berühmteste dieser frühen Ikonen, Die Gottesmutter von Wladimir (heute in der Tretjakow-Galerie in Moskau), während des ersten Viertels des 12. Jahrhunderts in Konstantinopel gemalt wurde. Zwischen dieser Zeit und der des Simon Uschakow (1626-1686), vermutlich der letzte bedeutsame Ikonenmaler, bildete sich eine große Vielfalt an Schulen und Stilen der Ikonenmalerei heraus, unter denen die von Wladimir-Suzdal, Jaroslawl, Pskow, Nowgorod und Moskau herausragten.
Die ersten Ikonenmaler sind biographisch nicht fassbar, man weiß jedoch, dass es sich nicht ausnahmslos um Mönche handelte, und bald schon waren Werkstätten, die sich auf Ikonen und andere Formen des Kirchenschmucks spezialisiert hatten, in vielen Teilen Russlands verbreitet.

Theophanes der Grieche (ca. 1340-1405), einer der großen Meister der Ikonenmalerei, kam aus Konstantinopel nach Russland und übte großen Einfluss sowohl auf die Nowgoroder wie auch auf die Moskauer Schule aus. Weitere bekannte Meister sind Andrej Rubljow, dessen berühmtestes Werk, die Alttestamentliche Trinität, sich in der Tretjakow-Galerie befindet, und sein Freund und Partner Daniil Tschorny (wie Rubljow ein Mönch) sowie Dionysius, einer der ersten Laien unter den führenden Ikonenmalern. Als Dionysius (ca. 1440-1508) und seine Söhne ihre Werke schufen, verbreitete sich zunehmend der Besitz von Ikonen. Zunächst hatten Adlige und Kaufleute sie an einem besonderen Ehrenplatz in ihren Häusern ausgestellt, zuweilen sogar in einem eigens für diesen Zweck vorgesehenen Raum. Aber dann begannen auch vermögende Bauernfamilien, Ikonen in einer “schönen Ecke” (krasny ugol) aufzuhängen.
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