Pracht auf Papier, Die Welt der Mogulischen Malerei
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Kunst Indiens (ISBN: 9781783106868) von Vincent A. Smith, herausgegeben von Parkstone International.
Die Geschichte der mogulischen Malerei beginnt mit dem Namen des Malers Mir Sayyid Ali (1. Viertel 16. Jh. bis um 1572). Im Jahr 1525 machte sich Babur auf, Indien zu entdecken, ein Land, das er sich kaum vorstellen konnte. Fünf Jahre später war der trinkfeste und sagenumwobene muslimische Gründer der Mughal-Dynastie tot. Sein Sohn Humayun erlitt gegen Sher Shah 1537 eine bittere Niederlage, musste aus Indien fliehen und konnte erst 1555 zurückkehren. Ein Jahr dieser Zeit verbrachte er am safawidischen Hof in Tabriz, an dem Schah Tahmasp I. (1514 bis 1576) regierte. Der Maler persischer Miniaturen, Kamâl ud-Dîn Behzâd (um 1450 bis um 1535) war schon gestorben, aber die Arbeiten des jungen Malers Mir Sayyid Ali erregten bereits Aufsehen. Sein Vater, Mansur von Badachshan, war ebenfalls Maler und Zeitgenosse von Bihzad. Ein anderer Maler und Kalligraph von gutem Ruf, Khwaja Abdus Samad (16.Jh.) weckte das Interesse des im Exil lebenden Herrschers.
Beide Künstler kamen 1550 an den Hof von Humayuns Sohn Akbar in Kabul. Hier wurde Mir Sayyid Ali damit beauftragt, die Illustrationen des Romans von Amir Hamzah (Dastan-e-Amir Hamza) in zwölf Bänden zu jeweils einhundert Blättern zu beaufsichtigen. Sechzig dieser Illustrationen, die in Tempera-Farben auf präparierter Baumwolle gemalt wurden, befinden sich in Wien und fünfundzwanzig von ihnen in der indischen Abteilung des Victoria and Albert Museum und im British Museum. Sie können wahrscheinlich eher den unter Mir Sayyid Ali arbeitenden Künstlern des kaiserlichen Hofes zugeschrieben werden als dem Maler selbst. Nach Humayuns Tod, der zwei Tage nach einem Treppensturz verstarb, arbeitete Mir Sayyid Ali an Akbars Hof weiter. Später unternahm er eine Pilgerreise nach Mekka, auf der er dann spurlos verscholl.

Der Stil dieser frühen mogulischen Malereien ist natürlich hauptsächlich safawidisch, aber es ist offensichtlich, dass bereits Abänderungen und Entwicklungen stattgefunden hatten. Es wird angenommen, dass Bihzad das Portrait in der Malerei ausarbeitete und es schließlich in der mogulischen Malerei weiterentwickelt wurde. Auch das Relief wurde öfter und mit größerem und auffälligerem Farbspektrum verwendet. Die Darstellung der Blätter und Blumen ist nicht persisch, sondern vollständig indisch. Eine gewisse Einfachheit und die Größe des Entwurfs dominieren den Detailreichtum; die getreue Wiedergabe der Trachten und Ausstattungen, die textilen Wandbehänge und architektonischen Details sind besonders schön und niemals aufdringlich. Diese Bilder auf präpariertem Material sind in Indien sehr beliebt. Es könnte sein, dass Papier recht selten gewesen ist oder zumindest große Blätter schwer zu bekommen waren.
Fasst man die Technik und Qualität der frühen mogulischen Malerei zusammen, so kann festgehalten werden, dass diese Kunst ein Ableger der safawidischen Schule war und dass die Künstler ihr Handwerk in der Schule Bihzads erlernt haben. Wie jedoch bereits gesagt wurde, ist der gezeigte Detailcharakter in der Darstellung der indischen Landschaft mit ihren Blättern und Blumen der Beweis einer vollständigen Eingewöhnung, der eine lebendige Entwicklung verspricht.

Akbar folgte als 13-jähriger Junge, allerdings unter der Regentschaft seines Vormunds Bairam Khan (bis 1561), seinem Vater auf den unsicheren Thron. Während Babur und Humayun Herrscher in einem fremden Land waren, war er in seinem Land geboren. Die Kultur an seinem Hof spiegelte nicht nur von weitem die Pracht von Bukhara und Samarkand wider. Der Bau von Fatehpur-Sikri im Jahr 1569 verkündete eine neue Ära indischer Herrschaft. Nachdem die Architekten, Maurer und Bildhauer ihr Werk getan hatten, wurden Maler beauftragt, die Wände der öffentlichen Räume und privaten Wohnungen zu dekorieren. Dass es sich bei mogulischen Miniaturmalereien um kleine Wandgemälde handelt, ist eine verwirrende Aussage, da keine Richtung der mogulischen Malerei etwas mit den antiken indischen Malereischulen in Ajanta und Gujarat gemeinsam hatte, außer der Neigung zu leuchtenden Farben und feiner Zeichnung, die dem Charakter indischer Maler angeboren zu sein scheint.

In Indien, Persien und auch in China wurde die Kalligrafie als eine genaueste Studien erfordernde Kunstrichtung behandelt, und ihre Meister genossen in ganz Asien den gleichen Ruhm wie die großen Maler in Europa. Sie waren darauf bedacht, ihre von Kennern eifrig gesammelten Werke zu datieren und zu signieren. Abul Fazl (1551 bis 1602), der Wesir Akbars, nennt eine Reihe Experten der Kalligrafie, unter denen zu Akbars Zeiten Mohammed Hussain von Kaschmir der berühmteste war. Viele der Mappen in der Londoner Sammlung enthalten ‘Miniaturen’ mit hunderten von wunderschönen Schriften in verschiedenen Stilen und aus verschiedenen Epochen, die oftmals mehr geschätzt wurden als die eigentlichen Bilder und Zeichnungen.
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