Ilja Repin
Art,  Deutsch

Ilja Repin: Die Seele Russlands auf Leinwand eingefangen

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Ilja Repin (ISBN: 9781783102730), von Grigori Sternin und Jelena Kirillina, herausgegeben von Parkstone International.

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Auch in Repins ganz anders gearteten frühen Werken, zu denen ihn das Leben selbst mit seinen sozialen Problemen anregte, zeigt sich sein Talent, Ausdrucksmöglichkeiten zu finden, die eine originelle Lösung sowohl eines bildnerischen Problems als auch eines gegebenen Sujets darstellen. Seine langjährige Arbeit an den Wolgatreidlern (1870-1873) ist ein anschauliches Beispiel dafür. Dieses Bild war Repins erstes Gemälde nach dem Abschluss des Studiums an der Akademie.

Obwohl er oft in den turbulenten Jahrhunderten der russischen Geschichte nach einem malerischen Motiv suchen würde, ähnlich seinen Kollegen Wasnetsow und Surikow, suchte er nach seinen Lehrlingstagen nie wieder ein Thema aus, das nicht vollständig „Moskowitisch“ war. Man mag Repins Kunst alle möglichen Prädikate zuweisen, aber im Grunde war sie im Laufe seiner Karriere immer patriotisch geprägt, sowohl in ihrem Anspruch als auch in ihrer Ausrichtung. Sich der Entfaltung von Repins darstellerischer Kraft auszusetzen, indem man ihr von einer Leinwand zur nächsten folgt, ist eine fesselnde Unternehmung. Seine Arbeitsmethode ist das genaue Gegenteil des Impressionismus. Seine Hauptwerke sind nicht das Resultat einer einzelnen, schnellen „Niederschrift“ eines intensiven, lebendigen Eindrucks oder eines spontanen Gedankens. Sie sind das Produkt von umfangreichen Studien und Anpassungen. Ilja Repin fertigte mehr als hundert Skizzen für Die Saporoger Kosaken schreiben dem türkischen Sultan einen Brief und malte im Laufe eines Jahrzehnts drei verschiedene Versionen des Gemäldes. Dieses Motiv verfolgte ihn tatsächlich in einer ähnlichen Weise wie der große symbolistische Maler Arnold Böcklin von seiner Toteninsel verfolgt wurde. Ilja Repin war nie zufrieden mit den Ergebnissen seiner Mühen. Unermüdlich bemühte er sich darum, seine Kompositionen und Charakteranordnungen effektiver zu gestalten und eine ausdrucksstärkere Farbsprache zu finden. Obwohl all seine größeren, realistischeren, auf historischen Ereignissen beruhenden Kompositionen auf einer Umsetzung direkter Beobachtung beruhten, scheint das Endprodukt immer eine Antwort auf einen inneren visuellen Drang Repins zu sein.

Eskorte. Auf schmutzigem Weg, 1876, Ilja Repin
Eskorte. Auf schmutzigem Weg, 1876. Öl auf Leinwand, 26,5 x 53 cm. Staatliche Tretjakow-Galerie, Moskau.

Es fand sogleich bei vielen Zeitgenossen Anerkennung, darunter auch bei Fjodor Dostojewski und Wladimir Stassow. In dieser Tatsache manifestierte sich das Bewusstsein der fortschrittlichen russischen Intelligenz, nämlich die persönliche Verantwortung für das schwere Los des Volkes und für die historischen Geschicke des Landes. Diese künstlerische und gesellschaftliche Position bestimmte den spezifischen Charakter der Repinschen Schöpfungen auf viele Jahre hinaus und kam sowohl in den monumentalen figurenreichen Gemälden als auch in bescheidenen Studien und in Arbeitsskizzen zum Ausdruck.

Was diese Arbeit Repins anbelangt, so ist es eigentlich richtiger, nicht von einem einzigen Gemälde zu sprechen, sondern von einer ganzen Reihe malerischer und grafischer Werke. Während der jahrelangen Arbeit an dem Bild reiste der junge Maler mehrmals an die Wolga und betrachtete aufmerksam die Menschen, die aus allen Teilen Russlands gekommen waren, um das harte Metier der Treidler auszuüben. Dabei zogen ihn auch Nebenmotive an, denen ein Hauch von Romantik anhaftete, wie zum Beispiel der Kampf der mutigen Flößer gegen die Wasserfluten.

Die Skizzen und Studien zu den Wolgatreidlern brachten eine interessante Besonderheit in Repins Schaffensprozess zum Vorschein, die später zu einem charakteristischen Prinzip beim Malen eines Bildes wurde. Die Anregung zu einem Gemälde erhielt Ilja Repin manchmal durch unmittelbare Eindrücke des Gesehenen, wie zum Beispiel bei den Wolgatreidlern. Es kam aber auch vor, dass die Bildidee als Ergebnis des Nachdenkens über die historischen Geschicke Russlands oder die soziale und religiöse Vorherbestimmung des Menschen entstand. Die Logik der Sujetentwicklung einerseits und die Logik der menschlichen Charaktere andererseits, die in allen Fällen die plastische Grundkonzeption des Werkes bildeten, brachten den Künstler mitunter zu verschiedenen inhaltlichen und malerischen Lösungsvarianten des Themas. Diese Eigenart der Schaffensmethode Repins kam in den Wolgatreidlern, die mit jugendlicher Direktheit gemalt sind, zum Vorschein. Das Gemälde entstand an der Wende zwischen zwei Jahrzehnten in der Geschichte der russischen Malerei, die sich in ihren sozialen und ästhetischen Auffassungen wesentlich voneinander unterschieden.

Rote Beerdigung oder Beerdigung der Revolutionäre, 1905-1906, Ilja Repin
Rote Beerdigung oder Beerdigung der Revolutionäre, 1905-1906. Öl auf Leinwand, 45 x 64 cm. Staatliches Historisches Museum, Moskau.

Die endgültige Variante des Bildes, die sich von der ursprünglichen Idee, dem bloßen Mitleid mit dem Elend der Treidler, weit entfernt hatte, verkündete wichtige Merkmale des russischen Realismus der 70er und 80er Jahre des 19. Jahrhunderts. Die Fronarbeit der dargestellten Menschen verwischte deren individuelle Charakterzüge nicht, sondern hob sie eher noch krasser hervor. In dem Treidler Kanin, dem Anführer dieser Schar, glaubte Ilja Repin einen Philosophen der Antike zu erkennen, den man als Sklaven verkauft hatte. So hoch achtete der Maler das innere Weltbild dieser Menschen und so fest glaubte er an die geschwächten, aber nicht gebrochenen menschlichen seelischen Kräfte. Nicht ohne Grund probierte Ilja Repin viele verschiedene Varianten des Hauptmotivs – der schwerfalligen, stockenden Bewegung einer Menschengruppe – aus, bis er schließlich eine Lösung fand, bei der die sich am Sandufer entlangschleppenden Treidler die unendliche Weite der Wolgalandschaft beherrschen. Zwar benutzte der Künstler zu diesem Zweck noch etwas allzu geradlinige Kompositionsmittel, doch sein Hauptziel ist klar, und es weist ihm bereits seinen Platz unter den Malern zu, die bei der Behandlung von Themen aus dem Volksleben neue Wege beschritten.

Die Familie Delarow, 1906, Ilja Repin
Die Familie Delarow, 1906. Öl auf Leinwand, 123 x 195 cm. Museum für Bildende Künste, Archangelsk.

Um einen besseren Einblick in Ilja Repin zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:

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