Félix Vallotton: Das scharfe Auge der Nabis
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Félix Vallotton (ISBN: 9781783101795), von Nathalia Brodskaïa, herausgegeben von Parkstone International.
,,… Sehr sonderbar, dieser Vallotton„- so beschrieb ihn einer seiner Jugendfreunde, der Herausgeber der Revue blanche, Thaddäus Natanson. Und in der Tat: Sogar seinen engsten Freunden blieb er lange unverständlich. In den Pariser Künstlerkreisen, in denen beide verkehrten, gab es nicht wenige komplizierte Persönlichkeiten, doch selbst dort stand Félix Vallotton ein wenig abseits. Dies lag wahrscheinlich sowohl an dem Überraschenden seines Charakters als auch an seiner Kunstauffassung überhaupt. Die Malerei liebte er, dennoch gab er sie völlig unvermutet ganz zu Beginn seines Weges auf und wurde einer der bedeutendsten Grafiker im Europa der Jahrhundertwende.
Nachdem er sich acht Jahre hindurch ausschließlich mit Grafik befasst hatte, konnte er für sich in Anspruch nehmen, eine weitgehend vergessene grafische Technik, den Holzschnitt, wieder zum Leben erweckt zu haben. Als Anhänger einer erlesenen Kultur schloss er sich den Symbolisten an und schuf nichtsdestoweniger Werke, die auch dem ıMann auf der Straße„ leicht verständlich waren. Auf dem Gebiet der Malerei erwarb er sich den Ruf eines Konservativen und Neoklassikers, verstand es jedoch zugleich, sich auf der Ebene der neuesten Strömungen und des progressivsten Farbverständnisses zu bewegen. Es war nicht im Entferntesten seine Absicht, die Öffentlichkeit zu schockieren, und dennoch zog der Künstler sofort die Aufmerksamkeit der Presse auf sich, als seine Arbeiten erstmals in Pariser Ausstellungen gezeigt wurden.

Dem Schaffen Vallottons konnte sich keiner der bekannten Kritiker und Kunsthistoriker entziehen. Über seine frühen Werke schrieben Claude Roger-Marx (1888- 1977), Arsène Alexandre (1859-1937), Camille Mauclair (1872-1945), Félix Fénéon (1861-1944) und Gustave Geffroy (1855-1926). Bereits 1898 veröffentlichte der Schriftsteller und Kunsthistoriker Julius Meier-Graefe (1867-1935) eine Monografie über den Grafiker Vallotton, während seine Monografie über Auguste Renoir (1841-1919) erst 1912 erschien. Félix Vallotton entging der Aufmerksamkeit der Mitarbeiter der Revue blanche ebenso wenig wie derjenigen der Schweizer Kritiker. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts schrieben Louis Vauxcelles (1870-1945) und Guillaume Apollinaire (1880-1918) über den Künstler. Sogar im fernen Russland, wo bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts großartige Sammlungen von Malern des Impressionismus existierten, erschien 1918 eine Abhandlung von N. Stschekatichin über den Grafiker Vallotton.
Ein ganzes Jahrhundert ist vergangen, aber Félix Vallotton ist nicht in Vergessenheit geraten. An ihn und sein Werk erinnern E. Faure, F. Fels, Ch. Chasse, F. Jourdain, G. Courthion, A. Salmon, G. Jedlicka. Sie räumen ihm in der Kunst des 20. Jahrhunderts einen bedeutenden Platz ein. In verschiedenen Ländern fanden Ausstellungen statt, Monografien wurden ihm gewidmet, darunter die der Gattin des schweizer Vallotton-Sammlers, Hedy Hahnloser-Bühler. Der Neffe des Künstlers, Maxime Vallotton, und der Kunsthistoriker Ch. Goerg veröffentlichten ein Verzeichnis seiner Grafiken und Lithografien. Mit dem von Gilbert Guisan und Doris Jakubec herausgegebenen dreibändigen Werk Dokumente zur Biografie und Werkgeschichte liegt ein Standardwerk über das Leben und Schaffen dieses ,,sehr sonderbaren Vallotton„ vor. Aus den Briefen und Tagebüchern des Künstlers sowie in sehr kenntnisreichen Kommentaren des Alltags sind darin Einzelheiten eines nicht immer einfachen Lebens mit seinen Freundschaften, privaten Beziehungen, Kontakten sowie vor allem zum Prozess der schöpferischen Arbeit und den Verbindungen zu seinen Auftraggebern zusammengetragen. Mit diesem Essay über den Künstler möchten auch wir sein Schaffen würdigen und hoffen, dass er dazu beitragen möge, seine Kunst einem breiteren Publikum bekannt zu machen.

Félix Vallotton wurde am 28. Dezember 1865 in Lausanne am Ufer des Genfer Sees geboren und erlangte in Paris, wo er 60 Jahre lang lebte, ohne jemals seinen Schweizer Charakter zu verleugnen, als Maler und Grafiker Berühmtheit. Wenn der Zug den Tunnel verlässt, fällt der Blick auf einen blauen See, herrlich wie das Meer. Aus dem Nebelschleier zwischen Himmel und Wasser tauchen schneebedeckte Berge auf. Das nahe Ufer ist mit den unregelmäßigen Rechtecken der Weinberge bestanden, die sich unvermittelt in die den Hang emporsteigenden Häuser Lausannes zu verwandeln scheinen. Es fällt schwer, sich einen Ort auf der Welt vorzustellen, der schöner ist als der Genfer See. Im 18. Jahrhundert besuchte der russische Historiker und Schriftsteller Nikolai Karamsin (1766-1826) diese Gegend und widmete dem Genfer See folgende Worte: ,,Ob ich dich noch einmal in meinem Leben wiedersehe, weiß ich nicht; aber wenn Feuer speiende Vulkane deine Schönheit nicht in Schutt und Asche legen, wenn die Erde sich nicht auftut, um dich trockenzulegen oder deine Ufer zu verschlingen, dann wirst du auf immer die Menschen in Entzücken versetzen!„ Der junge Leo Tolstoi (1828-1910) schrieb Mitte des 19. Jahrhunderts an den Ufern des Genfer Sees: ,,Diese Schönheit blendete mich jäh und wirkte mit einer unerwarteten Kraft auf mich. Sogleich war ich verliebt in ihn und wollte ganz lange leben. …„
Für den jedoch, der hier geboren wurde, wohnt der bezaubernden Schönheit dieser Gegend zuweilen auch eine dramatische Nuance inne. Der Lausanner Schriftsteller Charles Ramuz (1878-1947) beschreibt die trügerische Bergwelt, die beständige Anspannung des Menschen in dieser allzu engen und harten Welt. Die Titel seiner Romane sprechen für sich: Das große Grauen in den Bergen (1927, Neuausgabe 2009) und Wenn die Sonne nicht wiederkäme (1938, Neuausgabe 1982). Das Gefühl von Nichtigkeit und Hilflosigkeit allen menschlichen Bemühens durch die ewige Konfrontation mit der großen und erhabenen Natur führt nicht nur zu Melancholie, sondern auch zu Depression und Verzweiflung. Der äußerst empfindsame Dichter Jean-Pierre Schlunegger (1878-1947) aus Vevey stürzte sich von einem Brückenbogen in den See und wich dabei sogar noch elegant den Felsen aus.

In der Natur dieser Gegend scheint etwas Eigenartiges zu liegen. Sie bringt seltsame, tragische und verschlossene Charaktere hervor, die sich jedwedem Versuch widersetzen, dieses Phänomen eingehender begreifen zu können. ,,Zwischen dem Land und seiner Bevölkerung existiert eine Verwandtschaft„, schrieb Juste Olivier (1807-1876), ein Schriftsteller der Romantik, der seinem Land das zweibändige Werk Kanton Waadt widmete (1837/1841). Niemand kannte besser als er die Besonderheiten dieser Landschaft, die ,,ein Volk von Hirten, Winzern und Ackerbauern„ hervorgebracht hatte. ,,Das Leben bei uns ist nicht laut, nicht grell„, schrieb er, ,,es ist daran nichts Geziertes, nichts Mustergültiges oder Vorgetäuschtes – aber diese Lebensart und diese Menschen haben etwas Aufrichtiges und Wahrhaftiges an sich: sie sind mit Kraft, Tapferkeit, Geduld und einer gewissen Zutraulichkeit sowie mit dem Gefühl einer ganz eigenen Würde und Individualität ausgestattet, mit einer starken Abneigung gegen alles Affektierte, sie besitzen eine recht ungezwungene Gestik, einen demokratischen und volkstümlichen Instinkt, halten sich an gegebene Versprechen, führen somit ein Leben in sehr natürlichen Formen, das nichts Erzwungenes hat und das schließlich noch von starker Originalität geprägt ist, einer Grundeigenschaft, die keine Zivilisation auslöschen konnte – eine gewisse Gelassenheit, die aus dem Gefühl der Unabhängigkeit erwächst.”
Kaum ein Maler, Musiker oder Schriftsteller, den sein Schicksal mit dem Genfer See verband, konnte sich dem Einfluss der Natur dieses Landstrichs und seiner Lebensordnung entziehen.
Hier nun, am Ufer des Genfer Sees, wurde der Maler Félix Vallotton geboren.

Um einen besseren Einblick in Félix Vallotton zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:



