Das Holz in der chinesischen Kunst: Geschichte, Symbolik und Handwerkskunst
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Chinesische Kunst (ISBN: 9781783106585), von Stephen W. Bushell herausgegeben von Parkstone International.
Die Holzschnitzerei gilt als einer der wichtigsten Zweige des Kunstgewerbes in China. Verweise darauf finden sich schon in den frühesten schriftlichen Aufzeichnungen. Ein traditionelles und bis heute erhaltenes Charakteristikum der chinesischen Architektur ist die Verwendung eines Baugerüstes aus Holz mit Pfeilern und Querbalken. Selbst heute, wo die Wände aus Stein und Mauerwerk bestehen, ist es nach wie vor üblich, das Innere der Räume einem Holzschnitzer zu überlassen. Er füllt das Skelett aus hölzernen Balken und Pfeilern mit delikatem Maßwerk, fertigt bewegliche Trennwände aus wundervoll geschnitztem Holz, legt Wände und Decken mit ornamentalen Paneelen aus und schmückt Türen und Fenster mit dem charakteristischen Gitterwerk.
Je nach der Art des Gebäudes kommen unterschiedliche Motive zum Einsatz, doch in der Hauptsache sind es der Natur nachempfundene Blumenranken. In imperialen Gebäuden sind die Blumenranken zusätzlich mit Dekorbändern und Paneelen mit Drachen und Wolken, mit fliegenden Phönixpaaren und anderen Fabeltieren verziert. Die Schnitzereien sind in dem dunklen, schweren tuz-tan-Holz ausgeführt, das von verschiedenen Arten des Pterocarpus stammt, dem nach dem Gesetz vorgeschriebenen Holz. Für den normalen Gebrauch gab es eine ganze Reihe von stark gefaserten Hölzern von fast ebensolcher Schönheit, etwa das hua-li, das Rosenholz der Portugiesen, das tieh-li, eine Art Ebenholz, das hung-mu oder Rotholz usw., die aus den südwestlichen Provinzen des Reiches stammten und außerdem aus Indochina importiert wurden. Die vorwiegend mit floralem Dekor geschmückten Grundflächen wurden mit Paneelen mit figürlichen Szenen aus der Geschichte und der romantischen Tradition gefüllt, mit Vögeln und Tieren, Schmetterlingen und Insekten, Emblemen des Wohlstands und des Glücks sowie mit vielen anderen Motiven aus dem reichhaltigen Repertoire der chinesischen Kunst.

In den buddhistischen und den taoistischen Tempeln ist das Holzwerk mit legendären religiösen Szenen und Heiligen geschmückt, verziert von floralen Schnörkeln und kombiniert mit Reihen von konventionellen Emblemen, wie sie für die jeweilige Religion typisch sind. Die Einführung des Buddhismus kurz nach der christlichen Epoche übte in China auf die Glyptik einen starken und nachhaltigen Einfluss aus. Die frühesten buddhistischen Pilger, die auf dem Landweg von Indien her in das chinesische Reich kamen, brachten Bilder des Buddha und daneben auch Bilder von Heiligen sowie in Sanskrit verfasste Manuskripte mit nach China. Diese Bilder wurden als Modelle herangezogen und mit Skizzen nach den Maßgaben des alten Kanons kombiniert. Die frühen buddhistischen Missionare aus Indien brachten die als Gandhara-Stil bekannte Bildhauerkunst mit sich, die persische und hellenistische Einflüsse vereint. Bis heute weisen die chinesischen buddhistischen Figuren eine stark arische Physiognomie auf, und auch der Faltenwurf ihrer Gewänder lässt ihren Ursprung deutlich erkennen.
Die verwendeten Werkstoffe waren Gold, vergoldete Bronze, Jade, Rubin, Koralle und andere kostbare Materialien. Doch das erste buddhistische Bildwerk soll aus weißem Sandelholz gefertigt worden sein, und noch heute wird das wohlriechende Holz des Santalum album eigens zu diesem Zweck aus Indien eingeführt. Sein alter chinesischer Name, chatan, leitet sich vom Sanskrit chandana ab. Heute ist es als tan xiang, d.h. „Sandalparfüm“, bekannt und wird als ein Haufen aromatischer Späne auf buddhistischen Altären dargebracht, als Räucherwerk verbrannt oder zu Staub zerstoßen und zu parfümierten Räucherstäbchen verarbeitet, die dann in den heiligen Schreinen angezündet werden. Die chinesische Bildhauerkunst verdankt ihre Entstehung, Entwicklung und Pflege der Religion, in deren Dienst sie stand. Sowohl die buddhistischen als auch die taoistischen Schreine sind mit reichhaltigen Dekorationen verziert. Die starke Nachfrage nach Idolen und Bildwerken sowohl für den Hausgebrauch als auch für die Tempel sorgte für eine ganze Klasse von Handwerkern im chinesischen Reich für Vollbeschäftigung.
China besitzt eine üppige und vielfältige Flora, deren wilde und kultivierte Arten den Schnitzkünstlern ihre beliebtesten Motive lieferten. Manche Blumen wurden wegen ihrer religiös-ikonografischen Bedeutung ausgewählt. So gilt beispielsweise die Lotusblume lien hua, eine rosafarbene Art der Nelumbium speciosum, im Buddhismus als heilig. Als eines der ältesten und tiefsinnigsten Symbole der Welt steht sie für Reinheit des Herzens, für langes Leben, für Ehre und Glück. Sie wächst in schlammigen Gewässern und entwickelt dort ihre jadeweißen Rhizome, wächst dann über die Oberfläche hinaus und erblüht in außergewöhnlicher Schönheit. Der Glückselige nimmt nach seiner Aufnahme ins Paradies im Lotuskelch Platz, der übrigens auch dem Buddha als Ruheplatz dient. Bei Regen bleiben die perligen, glitzernden Regentropfen an den Lotusblättern haften. Den frommen Buddhisten gelten sie als symbolische Edelsteine der Erleuchtung. Anders sieht dies ein japanischer Dichter:
„Oh! Lotusblatt. Mir träumte, auf der ganzen Erde gäbe es nichts Reineres als dich, und nichts Wahrhaftigeres: Wie kannst du vorgeben, die Tautropfen wären Edelsteine von unschätzbarem Wert?“
HEUZEN, 835 bis 856.

Die Taoisten, die im Einklang mit der Natur zu leben versuchen, kennen eine Fülle von heiligen Pflanzen. Diese dienen aufgrund ihrer spezifischen Eigenschaften als Symbole für eben diese Eigenschaften, also etwa für ein langes Leben, Reinheit, Fruchtbarkeit usw. Die prominenteste Stellung kommt dabei dem Pfirsichbaum zu, dem Lebensbaum des taoistischen Kun-lun-Paradieses, dessen Frucht nur alle 3000 Jahre einmal reift und der den Sterblichen die begehrte Gabe der Unsterblichkeit verleiht. Ein weiteres, immer wiederkehrendes Symbol ist der heilige Lingzhi-Pilz mit dem botanischen Namen Polyporus lucidus, der sich durch seine bunten, wie Lack glänzenden Farben und seine Langlebigkeit auszeichnet. Danach folgt die Dreiergruppe Sung, Zhu und Mei – Pinie, Bambus und Pflaume. Die ersten beiden wohl, weil es immergrüne Pflanzen sind, die auch durch den Winter hindurch blühen und folglich für Alter und Standhaftigkeit stehen, die Pflaume, weil der Baum von seinem nackten Stamm bis ins hohe Alter noch Zweige mit rosafarbenen Blüten hervorbringt und daher Glück, neues Leben und Erneuerung symbolisiert.
Dieser prachtvolle Wandschirm hätte in der Empfangshalle einer chinesischen Villa die Augen jedes Besuchers auf sich gezogen. Je nach Anlass konnte man ihn in verschiedenen Positionen aufstellen, denn er ist beidseitig verziert. Solche wunderbaren Schaustücke waren gern gesehene Ehrengeschenke.
Das hier gezeigte Thema ist die populäre Szene der Geburtstagsfeier der „Königlichen Mutter des Westens“ (Xi Wang Mu), welche die Pfirsiche des immer währenden Lebens durch die acht Unsterblichen in Empfang nimmt.
Die Kunsthandwerktechnik der Schnitzlackarbeiten ist typisch für das China des 17. Jahrhunderts. Mit dem Sturz der Ming-Dynastie verfiel diese Kunst jedoch sehr schnell und wurde später nur noch selten praktiziert. Auf einen Trägerkörper wurden besonders viele Lagen dunklen Lacks aufgetragen, so dass die Schicht insgesamt eine Dicke von mehr als einem Zentimeter erreichte. Oft wurden verschiedenfarbige Lackschichten aufgebracht und dann Teile der oberen Lagen abgekratzt oder gestichelt, so dass ein polychromer Effekt entstand. Dann erfolgte die Bearbeitung mit scharfen Schnitzmessern. So entstanden plastische, reliefartige Muster. Zum Schluss wurde der Lack mit Bambus geschliffen und mit Öl eingerieben.

Die wilde Pflaume, Prunus mumei, ist das traditionelle Blumenemblem des Winters, die Päonie (Pfingstrose), Poeonia mutan, das des Frühlings, die Lotusblume, Nelumbium speciosum, das des Sommers und die Chrysantheme, C. indicum, das des Winters. Diese Blumen stehen in engster Verbindung mit der dekorativen Kunst und tragen den Namen Ssu Chi Hua, „Blumen der vier Jahreszeiten“. Daneben gibt es auch die „Blumen der Zwölf Monate“, doch variiert diese Gruppe in den verschiedenen Regionen des chinesischen Reiches.
Eine Serie dieser Monatsembleme finden wir in den floralen Motiven, die den unteren Rand des lackierten Wandschirms verzieren. In chinesischer Reihenfolge, von rechts nach links, sind dies:
1. Februar. Pfirsichblüten. Tao hua. Amygdalus persica.
2. März. Strauchpfingstrose. Mu tan. Pæonia mutan.
3. April. Falsche Weichsel. Ying tao. Prunus pseudocerasus.
4. Mai. Magnolie. Yü lan. Magnolia yulan.
5. Juni. Zwerg-Granatapfel. Shih liu. Punica granatum.
6. Juli. Lotus. Lien hua. Nelumbium speciosum.
7. August. Birne. Hai tang. Pyrus spectabilis.
8. September. Quirl- oder Gemüsemalve. Chiu kuei. Malva verticillata.
9. Oktober. Chrysantheme. Ckü hua. C. indicum.
10. November. Gardenia. Chih hua. Gardenia florida.
11. Dezember. Mohn. Ying su. Papaver somniferum.
12. Januar. Pflaume. Mei hua. Prunus mumei.
Eine zweite Serie solcher Blumenembleme wird auf der Rückseite des Wandschirms dargestellt.
Wir kennen zwei wunderbare Beispiele von Wandschirmen (Paravents) dieser Art, die typisch für die dekorative chinesische Kunst des 18. Jahrhunderts sind. Beide sind aus lackiertem Holz geschaffen und bestehen aus zwölf Paneelen, deren schwarz glänzender Grund beidseitig mit eingeritzten und relifierten Details dekoriert ist. Sie sind mit farbigem und vergoldetem Lack bemalt.

Der Rest der breiten Bordüre ist mit Vasen und Körben mit Blumen und Früchten gefüllt. Dazwischen erkennen wir Glocken, Weihrauch- und andere Opfergefäße in der Form antiker Bronzemodelle. Der Rand des Wandschirms ist durch einen umlaufenden Steg eingerahmt, gefolgt von einem schmalen, mit floralen Motiven verzierten Fries. Im Inneren folgt eine Art Spaliergitter, unterbrochen von Medaillons, die abwechselnd mit Phönixen und Langlebigkeitsfiguren (shou) ausgeschmückt sind. Die letzte Bordüre lässt vermuten, dass der Wandschirm für eine Kaiserin der damaligen Zeit bestimmt war. Er dient als Rahmen für das zentrale Bild, das eine Darstellung des beliebten taostischen Themas Chu Xien Citing Shou, „Die taostischen Genien verehren den Gott der Langlebigkeit“ zeigt.
Die beiden mittleren Paneele zeigen Shou Lao mit seinen stark hervortretenden Augenbrauen. Als eine göttliche Inkarnation von Lao-Tzu, dem Begründer des Taoismus, hält er ein Zepter (jui) in der Hand, dessen Spitze mit einem strahlenden Edelstein bestückt ist. Er ist von drei jugendlichen Gefährten umgeben, die seinen Pilgerstab, ein Buch und ein Handtuch halten. In Reichweite steht eine Handmühle zum Mahlen des Lebenselixiers, eine Schüssel voller Pfirsiche und eine Vase mit verästelten Korallen. Auf einem Stein wächst der Pilz Polyporus lucidus, und im Vordergrund stehen ein Hirsch und ein Reh sowie ein Storchenpaar, Tiere, die häufig mit Lao-Tzu in Verbindung gebracht werden. Die beiden in ein freundliches Gespräch vertieften Figuren in der Mitte repräsentieren die bekannten Arcades ambo des Kults, die „Beiden Genien der Einheit und Harmonie“, von denen einer einen an seinem Gürtel festgeschnallten Palmwedel hält, der andere trägt eine Schriftrolle und einen Reisigbesen. Unter ihnen steht der Schafhirte und Einsiedler Huang Chu-ping. Er verwandelt mithilfe seines Zauberstabs Steine in Schafe – zum Ergötzen seines Bruders, der, auf seinen Hirtenstab gestützt, hinter ihm steht.
Bei der Gruppe im oberen Bereich der rechten Tafel dürfte es sich um Lao-Tzu mit seinem Pilgerstab, Buddha mit einem Buch und Konfuzius (vorne) handeln. Seitlich steht noch eine weitere Figur, vielleicht ein Bittsteller. Darunter erkennen wir die überall verehrte volkstümliche Gruppe der acht unsterblichen Genien, der Pa Xien, die man leicht an ihren Attributen erkennt. Deutlich zu sehen sind der Federfächer des Chungli Chuan, das Schwert des Lü Tung-pin, die Kalebasse des Li „mit der eisernen Krücke“ und der Blumenkorb des Lan Tsai-ho.
Die Rückwand des Paravents ist im gleichen künstlerischen Stil dekoriert, mit einer Folge von länglichen Paneelen, die Landschaften, Szenen mit Figuren, Bilder von Vögeln, Blumen und Früchten darstellen; ferner die vier freien Künste – Malen, Musik, Schreiben und Schachspiel; heilige Reliquien und Embleme der taostischen und buddhistischen Religionen.

Um einen besseren Einblick in Chinesische Kunst zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:
Entdecken wir unsere Sammlung asiatischer Kunst:



Darüber hinaus können Sie chinesische und asiatische Kunstwerke in den folgenden Ausstellungen betrachten:
- „Realms of the Dharma: Buddhistische Kunst aus ganz Asien“ im Los Angeles County Museum of Art (11 Mai – 12. Juli 2026)
- Chinesische Galerien im Philadelphia Museum of Art (laufend)
- Mythisch, göttlich, dämonisch: Tierdarstellungen in der südasiatischen Kunst im Philadelphia Museum of Art (laufend)
- Galerien für asiatische Kunst im Denver Art Museum (laufend)
- Das Versprechen des Paradieses: Antike chinesische buddhistische Skulpturen, Kunst und Industrie: Chinas antike Gießerei in Houma: Chinesische Bronzen, Das Zentrum der Welt: China und die Seidenstraße im Smithsonian Institution (laufend)
- Asiatische Laterne: Elementar im Art Gallery of New South Wales (laufend)



