Gotische kunst
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Gotische Kunst und Architektur: Ein spirituelles Erbe in Stein und Licht

Quelle des Einführungsvideos: Video „Untersichtaufnahme einer Kirche“ von Pixabay.

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Gotische Kunst (ISBN: 9781783103362), von Victoria Charles und Klaus H. Carl herausgegeben von Parkstone International.

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Der Beginn der Gotik lässt sich nicht genau datieren, er liegt etwa in der Mitte des 12. Jahrhunderts und löste allmählich die Romanik ab. Genauso wenig lässt sich auch ihr Ende definieren, es fällt zusammen mit dem Beginn des 15. Jahrhunderts. „Gotisch“, in der Übersetzung so viel wie „barbarisch“, nannte später der italienische Maler, Baumeister und Schriftsteller Giorgio Vasari jene neue Bauweise, die über die Alpen nach Italien gekommen war und die, so sehr sich die Italiener auch dagegen wehrten, bald ihren aus der Antike entwickelten romanischen Stil zumindest äußerlich verdrängen sollte. Überwiegend deutsche Steinmetze und Werkmeister waren die Verbreiter dieses neuen Stils, und dass „deutsch“ und „gotisch“ dasselbe bedeutete, war den Italienern aus den Einfällen und Plünderungszügen der Ost- und Westgoten und der langen Zeit ihrer Herrschaft in Italien in allzu lebendiger Erinnerung geblieben. So wie aber der romanische Stil eigentlich ein deutscher Stil ist, so ist der gotische Stil schließlich französischen Ursprungs, denn die Grundlagen der gotischen Baukunst haben sich zuerst im nördlichen Teil Frankreichs, etwa in der Gegend um Paris, entwickelt.

Hauptschiff, von Westen aus gesehen, Kathedrale Notre-Dame, gotische kunst
Hauptschiff, von Westen aus gesehen, Kathedrale Notre-Dame, Straßburg (Frankreich), 1176 begonnen. In situ.

Mit ihrer letzten Ausbildung und Kraftentfaltung hat die Gotik in den Domen und Münstern von Köln, Ulm, Freiburg, Straßburg, Regensburg und Wien allerdings das höchste Maß an künstlerischer Gestaltung erreicht, deren die gotische Baukunst fähig war. Auf dieser Stufe angekommen, war es mit ihrer Antriebskraft aber auch zu Ende. Nach einem zur höchsten Vollendung gebrachten System lassen sich da, wo Mittel und Neigung vorhanden sind, so viele gotische Kirchen herstellen, wie man zu benötigen meint. Aber neue Gebilde können aus diesem fest gefügten, lückenlosen, keinen Ansatz zur Weiterentwicklung bietenden System nicht mehr entstehen. Während der romanische Stil noch in den letzten Zeiten seiner Herrschaft eine große Frische und Wandlungsfähigkeit offenbarte, hatte sich der gotische Stil bis zu greisenhaftem Verfall überlebt. An den Werken aus der Zeit seiner höchsten Vollendung ist die vollkommen harmonische Verbindung zwischen der Kühnheit der vor keinem Hindernis zurückschreckenden Phantasie und der klugen Berechnung des praktisch abwägenden Verstandes zu loben. Das künstlerische Empfinden wird aber mehr durch die Schöpfungen der Frühgotik angeregt, in denen der Mut der Entdecker und Erfinder seine ersten stürmischen Versuche machte. Auch in der darauf folgenden Zeit erweckt das Unregelmäßige, das rein Malerische an gotischen Bauten, insbesondere der Reichtum plastischen Dekors, wie ihn viele Bauwerke in Frankreich, England, Spanien und Italien zeigen, ein lebhafteres Interesse als die perfekte, aber kalte Regelmäßigkeit jener die höchste Vollkommenheit der gotischen Baukunst darstellenden Bauten.

Die flammende Begeisterung, mit der der junge Dichter und Naturforscher Johann Wolfgang von Goethe in Straßburg und nach ihm die Romantiker zu den majestätischen, als die höchsten des Kunstgeists gefeierten Schöpfungen der Gotik aufblickten, ist einer kühleren Betrachtungsweise gewichen, seitdem die Forschung den Ursprung der Gotik in Frankreich nachgewiesen und urkundliche Zeugnisse dafür vorgelegt hat. Es erwies sich, dass nicht nur französische Baumeister ins Ausland berufen wurden, um dort die neue Bauweise einzuführen, sondern dass deutsche Baumeister und Steinmetze auch nach Frankreich und insbesondere nach Paris gingen, als sich dort seit dem Ende des 11. Jahrhunderts dieselben Kulturbedingungen herausbildeten, denen der gotische Baustil in Frankreich seine Entstehung und Ausbildung zum größten Teil verdankt.

Giovanni Pisano, Westfassade, Duomo, Siena (Italien), 1284-1299, gotische kunst
Giovanni Pisano, Westfassade, Duomo, Siena (Italien), 1284-1299, nach 1357 vollendet. In situ.

Die wichtigste dieser neuen Kulturbedingungen war das Erstarken des Bürgertums und das damit verbundene Aufblühen der Städte. Das Bürgertum suchte nach einem Ausdruck seiner Wohlhabenheit und seiner darauf gegründeten Machtfülle und fand ihn in dem Bau hochragender Gotteshäuser, die von der Blüte und Größe einer Stadt weithin zeugen sollten. Wie das französische Wesen in höfischer Sitte und ritterlicher Galanterie, in der Tracht wie in der Sprache und selbst in der Dichtung allmählich die gesamte Kultur Europas durchdrang, kam auch die gotische Baukunst in allen Ländern zur Entfaltung, in denen die französische Kultur Eingang gefunden hatte. Sie entsprach einerseits dem Drang nach jener Machtentfaltung der Städte, andererseits aber auch dem praktischen Bedürfnis, das bei ihrem ständigen Wachstum nach hellen, möglichst geräumigen Kirchen verlangte. Dazu kam noch ein religiöser Grund: die tiefe, die sittliche Grundlage des mittelalterlichen Menschen bildende Frömmigkeit und die Sehnsucht nach den Seligkeiten des Himmels, die sich äußerlich in den zum Himmel strebenden Türmen und in den die Deckengewölbe des Inneren zu einer Schwindel erregenden Höhe hebenden Pfeilergebilden kundtat.

Dieser „Höhendrang“, diese „Himmelssehnsucht“ ist gewiss, wenn auch nicht die einzige, so doch eine der bestimmenden Triebfedern gewesen, die die vertikale Tendenz der gotischen Baukunst im Gegensatz zu der mehr horizontalen des romanischen Baustils zur Entwicklung gebracht hat. Doch darf man aber diesem geistigen Element keinen übergroßen Einfluss auf die Ausbildung der Gotik beimessen. Im Vordergrund des handwerklichen Betriebs standen immer rein technische, nicht ästhetische Erwägungen. Wie die Bautechnik aus rein praktischen Gründen zuerst in Frankreich ein neues System der Deckenwölbung erfand, so ist sie auch auf diesem Weg des praktischen Bedenkens weiter vorwärts geschritten. Schon die mittelalterlichen Baukünstler haben gewusst, dass jedes Bauwerk sich nur von innen heraus zu einem organischen Kunstwerk gestalten kann. Darum war die Ausbildung des Äußeren, so weit nicht durch konstruktive Notwendigkeit bedingt, ihre letzte Sorge oder doch nur die Aufgabe der Steinmetzen gewesen, die nach den Plänen des obersten Kirchenwerkmeisters, des Architekten im modernen Sinn, zu arbeiten hatten. Darauf ist zurückzuführen, dass während der Herrschaft dieses Stils die hohen Spitztürme, die jeder gotischen Kirche eigentlich erst ihre ästhetische Vollendung geben, häufig nur bei kleineren Bauten vollendet worden sind.

Kreuzgangportal, südlicher Querhaus, Kathedrale von Burgos, gotische kunst
Kreuzgangportal, südlicher Querhaus, Kathedrale von Burgos, Burgos (Spanien), 1221 begonnen. In situ.

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