Russische Wassermaler
Art,  Deutsch

Wasser in der russischen Malerei: Symbol, Geist und Spiegelung

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Russische Wassermaler (ISBN: 9798899561214), von Sutherland Lyall, herausgegeben von Parkstone International.

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Die Gewalt des Wassers hat mit ihrer Erosionskraft über Millionen Jahre hinweg die Topographie unserer Erde gestaltet. Überall dort, wo Wasser an die Erdoberfläche tritt, hat der Mensch sich angesiedelt. In der Vorstellung vieler Religionen wurde die Welt einst von Wasser überflutet, um der Menschheit einen neuen Anfang zu ermöglichen. Wasser ist eines der vier Elemente, aus denen nach früheren Weltanschauungen die ganze Welt entstanden ist. Es trennt die Kontinente und markiert ihre Grenzen. Religionsgemeinschaften symbolisieren die Aufnahme von Novizen mit der Wassertaufe. Wasser sorgt für das Wachstum der Feldfrüchte. Eine einzige riesige Flutwelle vermag erbarmungslos Tausende von Menschen und Tieren auszulöschen. Als Schnee besiegt es ganze Armeen, und als Nebel lehrt es selbst mutigen Seeleuten das Fürchten. Ohne Wasser kann der Mensch nur wenige Tage überleben. Wasser umfaßt die ganze Palette der Gegensätze: von Klar- und Reinheit bis hin zu zerstörerischer Gewalt. Als Spender des Lebens bringt Wasser zugleich auch den Tod.

Wasser ist daher schon immer eines der entscheidenden Elemente in Kunst, Architektur und Landschaftsgestaltung gewesen.

Wasser steht als Synonym für die Quelle und die Erhaltung des Lebens. Deshalb wird es oft eingesetzt, um die Geheimnisse der Natur zu symbolisieren, um als landschaftliches Hindernis und Grenze zu dienen oder auch als glitzernde Dekoration. Sein Fließen und seine Flüchtigkeit, seine Fähigkeit, die Umgebung zu spiegeln wie auch seine ‘Begabung’, die verschiedenartigsten Gefühle zu verstärken und manchmal sogar darzustellen, hat auf Maler stets eine große Faszination ausgeübt.

Valentin Serow, Baden des Pferdes, 1905, Russische Wasser maler
Valentin Serow, Baden des Pferdes, 1905. Öl auf Leinwand, 72 x 99 cm. Russisches Museum, St. Petersburg.

Sei es als See und Sumpfland, Nebel und Schnee, Pfütze und Ozean, Wasserfall und Sturzregen, als tödlich reißende Flut oder langsam dahinfließender Strom mit bemoosten Ufern, Wasser hat viele Gesichter. Aber es kann niemals allein für sich bestehen, denn Wasser wird stets auch getragen und in seinem Lauf bestimmt von eben dem Land, das es selbst mitgeformt hat. Wasser bedarf immer eines physikalischen oder metaphorischen ‘Gefäßes’: nur im Wechselspiel mit anderen Naturkräften kann es existieren und als Sinnbild eingesetzt werden.

Verständlicherweise wird Wasser daher als Naturelement häufig in Gemälden dargestellt und dies vor allem in der Landschaftsmalerei.

Wasser wird allerdings auch symbolisch verwendet. In Botticellis Geburt der Venus zum Beispiel verlangt die Ikonographie, die korrekte bildliche Darstellung des Mythos, unbedingt nach der Darstellung des Meeres, dem Venus ja entstiegen ist – selbst wenn man das Meer in der Komposition nur als Hintergrund eines Wappens auffassen würde. In Curradis Narziß an der Quelle 6 bildet Wasser zwar nur einen unscheinbaren Teil des gesamten Gemäldes – aber jeder weiß, daß die dramatische Metamorphose des Jünglings von menschlicher Existenz zu pflanzlichem Vegetieren eben vom Wasser ausgeht.

In Curradis Kunstwerk unterstützt jedoch nicht nur das Wasser, sondern insbesondere die Landschaft die Gestaltung der Hauptfigur. Am ausdruckskräftigsten wird Wasser in der Naturmalerei eingesetzt – sei es in Landschaften oder in Seestücken. Auf der einen Seite stehen hier die lichtdurchfluteten Landschaften des Franzosen Claude Lorrain, auf der anderen finden sich Gemälde wie Der Birkenhain von Archip Kuindschi: Hier ist der Fluß kaum von der Wiese, die er durchfließt, zu unterscheiden und wird als kompositorischer Kunstgriff benutzt, um das Auge des Betrachters genau in den Mittelpunkt des Bildes zu lenken. Dadurch entsteht jenes erstaunliche Gefühl von Tiefe, das seine Kritiker so überrascht hat. Deutlich wird dies in der Vielzahl von Seestücken des überaus schaffensfrohen Iwan Aiwasowski, der das Meer als Bühne verwendet, um seine nahezu gegenstandsfreie Erschaffung der Welt anschaulich zu machen. Hier brodelt geheimnisvolles rotes Magma in der Mitte einer bedrohlichen schwarzen Wolke über der Oberfläche des Wassers, aus dem Dunstschwaden aufsteigen; eine kraftlose fiebrige Sonne scheint durch die Wolke, um ein trübes Licht auf die aufgewühlten Wasser zu werfen. Der Geist Gottes schwebt über den Wassern.

Jean Auguste Dominique Ingres, Die Quelle, 1856, Russische Wasser maler
Jean Auguste Dominique Ingres, Die Quelle, 1856. Öl auf Leinwand, 163 x 80 cm. Louvre, Paris.

Isaak Lewitans Gemälde Vorfrühling umfaßt in den Gestalten der Wolke, des Flusses und des Schnees alle drei Aggregatzustände des Wassers; abgesehen von den braunen Zweigen sind sie alle eben erst von ihrer eisigen Umhüllung befreit worden und bilden so die einzigen Bestandteile des Bildes, die offenkundig etwas mit ‘Frühlingserwachen’ zu tun haben. Wie wir noch sehen werden, haben die Maler viele Variationen für die Verwendung des Wassers in ihren Gemälden entwickelt.

Lewitan, Kuindschi und auf seine Art und Weise auch Aiwasowski malten Wasser aus ihrer eigenartigen, unverkennbar russischen Perspektive. Sie gehörten zu den Malern der zweiten Hälfte des 19. und des frühen 20. Jahrhunderts. Russische Gemälde von russischen Wasserstücken und Landschaften entstehen erst verhältnismäßig spät, weil Peter der Große und nahezu alle seine Nachfolger im 17. Jahrhundert in Rußland die westliche Denkweise propagierten.

Die russische Kunst war zu dieser Zeit kaum mehr als ein Ableger der westeuropäischen Kunst, denn sie war überwiegend durch die preußische Sichtweise eingeengt. Peter der Große ließ Künstler aus Deutschland kommen, die die hoffnungsvollen russischen Talente auf den westlichen Weg bringen sollten. Die Künstler seines Volkes sollten ermutigt werden, sich selbst als Bestandteil der europäischen Hauptströmung zu fühlen; sie erhielten Stipendien, um für längere Zeiträume im Ausland leben, malen und durch Beobachten lernen zu können. Als zu Beginn des 19. Jahrhunderts im Westen ein neues Interesse an der Landschaft und an der Landschaftsmalerei aufkam, begannen auch die russischen Künstler das Malen der Natur, der Berge und des Wassers neu zu schätzen und voranzutreiben. Zunächst nahmen sie die Landschaft noch mit den Scheuklappen des westlich geschulten Blicks wahr, was vor allem die westeuropäische Vorliebe für die beliebte ‘idyllische Szenerie’ bedeutete. Gegen Ende des Jahrhunderts allerdings hatten sie sowohl die russische Landschaft als Motiv entdeckt als auch einen einzigartigen eigenständigen russischen Stil entwickelt.

Welche Ursache läßt sich im damaligen Rußland dafür finden, daß so viele Künstler ihre Aufmerksamkeit dem Wasser zuwandten?

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts ist Rußland an fast allen Grenzen von Wasser umgeben: Im Fernen Osten liegt der Pazifik, im Westen liegt die Ostsee mit St. Petersburg als Tor zum Westen und der Flottenstützpunkt Kronstadt. Im Süden locken das warme Schwarze Meer mit seinen Ferienorten und Handelshäfen sowie das Kaspische Meer, das von dem breiten, mächtigen Strom der Wolga gespeist wird, die den Westen des Reiches vom Osten trennt. Weit im Norden, jenseits der großen Ödnis der sibirischen Tundra, dräut das meist zugefrorene Nordpolarmeer. Napoleon und Hitler mußten feststellen, daß der größte Teil Rußlands während des langen Winters nahezu völlig zugefroren ist.

Francesco Curradi, Narziß an der Quelle, 1666-1667, Russische Wasser maler
Francesco Curradi, Narziß an der Quelle, 1666-1667. Öl auf Leinwand, 180 x 207 cm. Pittigalerie, Florenz.

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