Tod und Jenseits in der Kunst: Erkundung von Wiedergeburt und Erleuchtung
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Tod und Jenseits in der Kunst (ISBN: 9781783106813), von Victoria Charles herausgegeben von Parkstone International.
Im hinduistischen Glauben an das Schicksal der menschlichen Seele sind metaphysischer Feinsinn, imaginative Weite, Intellekt und Fantasie, bedingungslose Tradition und waghalsige Spekulation, berauschtes Ritual und himmelsstürmende Spiritualität auf einer Skala der Herrlichkeit miteinander verbunden, die sonst kaum irgendwo in der Literatur oder dem Glauben der Welt zu finden ist. Der Indien beherrschende Hinduismus mit seinen neunhundert Millionen Anhängern und der in über zwölf Nationen von Japan bis nach Java geheiligte Buddhismus mit seinen knapp vierhundert Millionen Schülern stimmen hinsichtlich ihrer Lehren und Ziele vom Jenseits hinlänglich überein, so dass sie dazu berechtigen, sie hier zusammen zu untersuchen.
Die älteste, in den Veden dargestellte hinduistische Lehre vom zukünftigen Schicksal des Menschen war einfach und unterscheidet sich deutlich von den Formen, in denen sie seitdem überwiegt. Wenn ein Mensch stirbt, fleht man die Erde an, seinen Körper einzuhüllen, so wie eine Mutter ihr Kind in ein Kleid einwickelt. Dem Menschen gibt man folgende Worte mit auf den Weg:
Geh fort, geh auf den alten Pfaden, die unsere Väter in alten Zeiten schon gegangen sind: die beiden Herrscher im Glück, Yama und Varuna, werden euch entdecken.

Varuna verurteilt alle. Er wirft die Bösen in die Dunkelheit und verdammt sie. Man glaubt, dass sie entweder ausgelöscht werden oder als Dämonen in Leid, Sünde und Dunkelheit leben müssen. Die Guten steigen auf in den Himmel und erhalten dort einen glanzvollen, spirituellen Körper, wie die der Götter. Yama, der erste Mensch, Erzeuger der menschlichen Rasse auf Erden und der erste Sterbliche der je den Himmel erspäte, ist der Erstling einer neuen Menschheit in einer anderen Welt und wird als „Sammler der Menschen“ bezeichnet. Es ist eine große und poetische Auffassung, dass der erste, der starb und den Weg zeigte, der Patriarch und Monarch aller sein würde, die dann folgen. Die alten vedischen Hymnen implizieren zwar, dass die verstorbenen Guten in einen Zustand der Glückseligkeit versetzt werden, aber sie definieren nicht die Einzelheiten dieses Paradieses. Die folgende Passage, die sich streng an das Original hält, ist besonders aussagekräftig:
Dort, wo der Glanz niemals nachlässt, dort, wo sich die
Welt des himmlischen Lichts befindet, die Welt der Unsterblichkeit, die Immerwährende, bring mich dorthin!
Dort, wo Yama, Vivasvats Sohn, in der innersten Sphäre des klaren Himmels herrscht.
Dort, wo reichlich Wasser fließt, oh, lass mich dort unsterblich werden!
Dort, wo die Freiheit grenzenlos und das dreifache Gewölbe des Himmels sichtbar ist,
Dort, wo sich die Welten der herrlichsten Pracht befinden, oh, lass mich dort unsterblich werden!
Dort, wo die Freude und das Vergnügen sind, wo das Glück und das Entzücken niemals vergehen,
Dort, wo jedes Verlangen befriedigt wird, oh, lass mich dort unsterblich werden!
Aber diese Form der Lehre verschwand schon vor langer Zeit aus dem hinduistischen Gedächtnis, man verlor sie in den verschiedenen Entwicklungen und Ausprägungen einer mystischen Philosophie und einem von ungezügelter Vorstellung genährten Aberglauben.Sowohl Brahmanen als auch Buddhisten glauben an eine erstaunliche Schöpfung. Der unglaublich hohe Berg Meru erhebt sich vom Zentrum der Erde zu einer Höhe von ungefähr zwei Millionen Meilen. Auf seiner Spitze befindet sich die Stadt Brahma, die eine Fläche von 14 000 Meilen einnimmt und von den staatlichen Städten der Regenten der Sphären umgeben ist. Zwischen Meru und der die äußerste Begrenzung der Erde bildenden Steinmauer gibt es sieben konzentrische Steinkreise. Zwischen diesen steinigen Ringen befinden sich Seen und Kontinente. Die himmlischen Gefilde werden von einer großen Anzahl von Himmeln besetzt, den Devalokas, die mit dem Glück und der Pracht ihrer Vorrechte zunehmen. Die Welten unterhalb der Erde sind die Höllen, die sogenannten Narakas. Die Beschreibung von achtundzwanzig dieser im Vishnu Purana beschriebenen Höllen macht den Leser auf ihre Schrecken gefasst. Die buddhistischen Bücher aus Ceylon sprechen von sechsundzwanzig regelmäßig übereinander angeordneten und mit allen vorstellbaren Freuden ausgestatteten Himmeln. Sie zeigen ebenso im Abgrund unterhalb der Erde acht große Höllen, die jeweils sechzehn kleinere enthalten und somit insgesamt 136 gigantische Höllen bilden. Die acht Haupthöllen sind übereinander angeordnet, wobei jede teilweise die nächste umschließt und überschneidet. Die ihren unglückseligen Bewohnern zugefügten Leiden sind besonders schrecklich. Trotz allem verdeutlichen diese Hinweise des dortigen Systems der Belohnung und Bestrafung nicht das Ziel ihres mythologischen Schemas des Universums.

Die etwa 1,2 Milliarden hinduistischen und buddhistischen Gläubigen sind der Ansicht, dass alle die eine unermessliche Anordnung der Welten bewohnenden Götter, Menschen, Dämonen und verschiedene andere Lebensformen eine kosmische Familie bilden. Die Gesamtheit der lebendigen Wesen, von der bösen Mücke bis zum stürmischen Gott Indra, vom kleinsten Wurm bis zum erhabensten Buddha, besteht aus einer brüderlichen Einheit. Durch die unvermeidlichen Wirkungen des Strafgesetzes ändern sie in Folge der steigenden und sinkenden Existenzen ständig ihre Wohnorte und bewegen sich durch alle Erden, Himmel und Höllen des Universums, gefesselt an die schrecklichen Verbindungen des Verdienstes und der Schuldhaftigkeit in den phantasmagorischen Kerkern der Geburt und des Todes. Der Vishnu Purana erklärt: „Das Universum, das Ei des Brahma, wimmelt vor lebendigen Wesen, die alle an die Ketten ihrer Handlungen gefesselt sind.“
Die Grundvoraussetzung der asiatischen Glaubensrichtungen, die nie weiter in Frage gestellt werden sollte als die zentrale und gleichbleibende Position der Erde, besagt, dass alle Wesen unterhalb des Unendlichen im Kreis der Existenz, im Wirbel der Tode und Geburten und durch die Folgen von Laster und Tugend stehen. Wenn ein Mensch stirbt, der ein Übermaß an Tugenden besaß, wird er als höheres Wesen in einem der Himmel wiedergeboren. Entsprechend seiner Natur und seinem Verdienstgrad wird sein himmlischer Aufenthalt verlängert oder vielleicht sogar mehrere Male in Folge wiederholt, oder, wenn seine nächste Wiedergeburt auf der Erde geschieht, erfolgt sie unter glücklichen Umständen als König oder zumindest als ein weiser Mann. Sollte er bei seinem Tod aber ein Übermaß an unmoralischen Taten aufweisen, wird er entweder als Dämon in einer der Höllen wiedergeboren oder er wird den Kreis der Hölle mehrfach durchleben oder er wird, wenn er auf die Erde zurückkehrt, ein Bettler, ein Ausgestoßener sein oder als Laus, Ratte oder Schlange wiedergeboren.

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