Der Kuss des Vampirsl: Femme Fatales in der Dracula-Legend
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Dracula (ISBN: 9781644616222), von Elizabeth Miller, herausgegeben von Parkstone International.
Nicht alle literarischen Vampire des 19. Jahrhunderts waren männlich. Nachdem der Vampir den Friedhof erst einmal verlassen und Einzug in die feine Gesellschaft gehalten hatte, wurde er zum naheliegenden Symbol für die femme fatale, besonders in Anlehnung an mythologische Archetypen wie die Sirenen, Medusa, die Harpyien, Pandora, Delilah, Salome, Eva und Lilith.
Das Motiv der femme fatale war von den Dichtern der englischen Romantik fest etabliert worden; man denke beispielsweise nur an Coleridges Christabel und John Keats´ Le Belle Dame Sans Merci. Bereits im Jahre 1836 erschien Theophile Gautiers Kurzgeschichte La Morte Amoreuse, in der ein weiblicher Vampir namens Clarimonde einen jungen Priester verführt und Besitz von ihm ergreift. Der französische Poet Baudelaire (1821-1867), einer der wichtigsten Autoren der Dekadenz-Dichtung, nahm in sein Buch Les Fleurs du Mal (1857) ein Gedicht mit dem Titel Die Metamorphose des Vampirs auf, das die Vereinigung von Sexualität und Tod zelebriert. Den bekanntesten und einlußreichsten weiblichen Vampir in der Literatur des 19. Jahrhunderts schuf der irische Schriftsteller Sheridan Le Fanu.

Seine Sammlung von Kurzgeschichten – In einem dunklen Spiegel (1872) – enthält die Erzählung von Camille, dem prototypischen weiblichen Vampir. Mit Carmilla führt Le Fanu nicht nur ein starkes psychologisches Element ein, das in früheren Geschichten fehlt, sondern gibt der britischen Literatur auch ihren ersten weiblichen Vampir.
Das Vorbild der Carmilla ist eindeutig Geraldine aus Coleridges Gedicht Christabel. Es erzählt von einer unheimlichen Frau mit geheimnisvoller Vergangenheit, die nicht ohne fremde Hilfe über Türschwellen gehen kann. Auch Elemente aus dem osteuropäischen Volksglauben finden sich in Le Fanus Novelle. Der Vampir wird nach dem seit jeher empfohlenen Rezept vernichtet: der Pfahl durch das Herz “in Übereinstimmung mit der überlieferten Vorschrift”; sie wird enthauptet, Körper und Kopf werden verbrannt und die Asche verstreut. Carmilla nimmt vieles von dem Wissen über Vampire vorweg, das wir eigentlich mit Bram Stoker in Verbindung bringen: die spitzen Eckzähne, das Verschwinden des Vampirs durch einen Spalt in der Wand, das Eindringen in einen Raum in Nebelform, das Eintreten bedrückender Stille in Gegenwart des Vampirs, die Scheu vor Sonnenlicht und die Verwandlung in ein Tier. Le Fanu waren die Berichte aus dem 18. Jahrhundert offensichtlich bekannt, denn seine Beschreibung der Vernichtung Carmillas weist große Ähnlichkeit mit einigen Berichten aus Calmets Abhandlung auf. Was Carmilla gleichwohl einzigartig macht, ist nicht nur die besondere sexuelle Anziehungskraft, die der Vampir auf das Opfer ausübt, sondern auch die Tatsache, dass sich Carmilla ausschließlich an anderen Frauen labt. Carmilla verkörpert das ewig Animalische im Weib, das bestialische Gegenstück zum jungfräulichen Ideal. Sie ist Lauras Doppelgängerin, die dunkle Seite des Selbst, die gegen die von der patriarchalen Gesellschaft selbstgerecht auferlegten Restriktionen ankämpft.

Im weiteren Verlauf des Jahrhunderts diente in der Literatur der weibliche Vampir immer häufiger als Symbol jener dämonischen Frauen, die der idealisierten Norm von Unschuld, Fügsamkeit und Anstand widersprachen. Im Jahre 1896 stellte Arthur Symons (Der Vampir in Lesbia) eine eindeutige Verbindung zwischen sexuell aggressiven Frauen und sündiger Blutgier her: “frevelnde Frau, es gibt keinen Namen/für deine Sünden voller Wahn/Vampir!” Die “weiße, blutleere Kreatur der Nacht” die “nicht eher Ruhe hat gefunden/bis sie dem Mann das Herz der Brust entwunden,/und Ader für Ader sein Blut getrunken.” Vor allem in den 1890er Jahren wurde der weibliche Vampir zum gängigen Motiv der Kunst, so etwa in Werken Albert Pénots, Edvard Munchs, Max Kahns und Philip Burne-Jones.
Als Bram Stoker mit seinem Roman Dracula begann, war der Vampir als künstlerischer Tropus bereits fest etabliert und es hatten sich eine Reihe literarischer Konventionen gebildet: der Vampir stammt aus einer alten, aristokratischen (und in der Regel ausländischen) Familie; der Vampir ist groß, dunkelhaarig, bleich und schwarz gekleidet; der Vampir verfügt über scharfe Eckzähne, die beim Oper zwei Bisswunden hinterlassen; der Vampir ist eine Kreatur von ungewöhnlicher Körperkraft; der Vampir wirkt auf Frauen außerordentlich verführerisch; die Reaktionen des Opfers auf den Vampir sind zwiespältig, es fühlt sich zu ihm hingezogen und gleichzeitig von ihm abgestoßen; der Vampir kann die Gestalt verschiedener Tiere annehmen, als Nebel einen Raum betreten und durch einen Spalt in der Mauer entschwinden; und die wirksamste Methode, einen Vampir zur Strecke zu bringen, besteht darin, einen Holzpflock durch sein Herz zu stoßen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden dem Vampir neue, metaphorische Eigenarten zugeschrieben, die aus den sozialen und kulturellen Bedingungen des spätviktorianischen England resultierten.

Diese Epoche war geprägt von anhaltenden Diskussionen über Darwins Evolutionstheorie, dekadenter Kunst und Literatur, fremdenfeindlichen Tendenzen angesichts der Massenimmigration aus Osteuropa, Abhandlungen über den Zusammenhang zwischen Physiognomie und Kriminalität, dem Leben und Schaffen Oscar Wildes und von männlichen Ängsten vor der “Neuen Frau” – und es war dieses Klima, in dem Bram Stoker Dracula schrieb, jenen Roman, mit dem er den Vampir für das 20. Jahrhundert und darüber hinaus definieren sollte.
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