Die eindringliche Welt der schwarzen Gemälde von Francisco Goya
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Francisco Goya (ISBN: 9781644618486) von Sarah Carr-Gomm, herausgegeben von Parkstone International.
Im Februar 1819 kaufte Francisco Goya ein Haus in ruhiger ländlicher Lage in der Nähe der Einsiedelei des Hl. Isidro, von wo aus man einen herrlichen Blick auf Madrid und den Manzanares hatte. Hier, in der Quinta del Sordo (‘Landhaus des Tauben’), wie das Haus bald sinnigerweise genannt wurde, trafen sich laut Laurent Mathéron, Goyas erstem Biographen, die Freunde des Künstlers, „…so dass alle Künste zusammenwirken konnten, um Geist und Sinne zu entzücken.“ Nach seiner beinahe tödlich verlaufenen Krankheit im Winter 1819 begann Goya mit 73 Jahren, die Wände seines Hauses mit einer Serie von Gemälden zu versehen, die als die ‘Schwarzen Bilder’ bekannt wurden.
In zwei großen, übereinander liegenden Räumen von annähernd gleicher Größe (ca. 4,5m mal 9,0m) schuf Francisco Goya großflächige Kompositionen in Öl, mit schnellen Pinselstrichen, direkt auf den Gips der Wände. Diese Bilder wurden im Jahre 1873 auf Leinwand übertragen und hängen heute im Prado. Die Rekonstruktion der originalen Anordnung basiert auf einer eher fragwürdigen Bestandsaufnahme im Jahr 1820, als die Gemälde auch mit Titeln versehen wurden. Diese Bilder sind mit düsteren Figuren bevölkert und von außergewöhnlich visionärer Kraft; so liegt es nahe, dass die Bedeutung der Werke in sehr unterschiedlicher Weise erklärt wurde: traditionelle Interpretationen sahen darin die Erforschung menschlichen Verhaltens in dem Versuch, das Unheil, von dem das Land erschüttert worden war, zu begreifen. Andererseits mag Goyas Absicht vielleicht auch weniger schwerwiegend gewesen sein; möglicherweise war sie einfach eine Reaktion auf die neue Modeerscheinung in Europa, die sich für Gewalt, für das Mystische und Übernatürliche interessierte. Die Bilder sollten bei relativer Dunkelheit, im Schein einer Kerze, betrachtet werden; möglicherweise waren Gäste geladen, um mit dem neuen Werk des Künstlers unterhalten zu werden. Diese Version würde mit Mathérons Erinnerungen an fröhliche Einladungen in Goyas Landhaus übereinstimmen. Im Erdgeschoß des Hauses fanden sich vermutlich die Bilder Saturn verschlingt seine Kinder, Judith, Wallfahrt zum Hl. Isidro, Hexensabbat, Leocadia und Zwei alte Männer.

Ähnlich pervers ist die Geschichte von Judith, die nach den apokryphen Schriften die Retterin der Israeliten ist und als solche Holofernes, dem Feind ihres Volkes, den Kopf abschlägt. Francisco Goya stellte sie nicht als die schöne Witwe dar, von der die Bibel berichtet, sondern als eine Frau, die fähig ist, einen Mord zu begehen.
Die Wallfahrt zum Hl. Isidro bedeckte eine ganze Wand des Raumes. Obwohl dieses Bild wie eine Wiedergabe der früheren Komposition Goyas, Die Wiese des San Isidro erscheint, verspottet Francisco Goya hier das fröhliche Beisammensein. Eine große Gruppe von Figuren löst sich am Rande des Bildes aus einer langen Prozession durch eine nächtliche Landschaft. Ihre entstellten Gesichter scheinen vom Irrsinn bedroht, und sie drängen sich aneinander, so als ob sie sich vor einer dunklen Macht fürchteten.
Auf der Wand gegenüber hing das Bild vom Hexensabbat, nicht zu verwechseln mit dem früheren Werk gleichen Titels, das für die Gräfin Osuña gemalt wurde. Dieses Bild hier enthüllt die übersteigerte Angst und Ehrfurcht der Teilnehmer eines dämonischen Rituals.
In der Nähe der Tür hingen vermutlich Zwei alte Männer und La Leocadia (La Manola). Leocadia Weiss war Goyas Haushälterin und Gefährtin, außerdem war sie mit der Familie Goicoechea verwandt, in die Goyas Sohn Xavier eingeheiratet hatte. Sie hatte zwei Söhne aus erster Ehe und eine Tochter, Maria del Rosario Weiss, die im Jahre 1814 geboren wurde und deren Vater vermutlich Goya gewesen ist. Die ruhige Pose der Leocadia mag als Kontrast zu der gewaltsamen Handlung der Judith, die gegenüber hing, gewählt worden sein.
In dem oberen Raum hingen vermutlich Kampf mit Keulen, Phantastische Vision, Das Heilige Offizium und Der Hund.

Im Kampf mit Keulen kämpfen Männer mit stumpfen Stöcken, wobei sie bis zum Knie in Morast einsinken, was eine Anspielung auf die Sinnlosigkeit des spanischen Bürgerkriegs oder auch des Krieges mit Frankreich sein mag.
Der riesige Felsen in dem Bild der Phantastische Vision (Asmodea) wurde mit dem Felsen von Gibraltar in Verbindung gebracht, der eine Zuflucht für die Liberalen Spaniens in der Zeit von 1815 bis 1833 gewesen ist. Francisco Goya erzeugt hier eine dramatische Spannung durch die enormen Größenunterschiede der einzelnen Bildelemente. Zwei gigantische Figuren schweben über einer winzigen Gruppe von Reitern, während an der rechten Bildseite Soldaten mit Gewehren auf sie zielen und ein Gefühl der Panik und Angst erzeugen.
Die exzentrische Gruppe in dem Bild Das Heilige Offizium läßt Panik erkennen, die von allen geteilt wird. Trotz ihrer Entstellung, trotz der teuflischen Gesichter und der Gewalt sind Goyas Figuren überzeugend und eindeutig menschlich. Wie Mary Shelley mit Frankenstein, das ein Jahr zuvor, nämlich 1818, veröffentlicht wurde, zeigt auch Goya, wie Monster von Menschen geschaffen werden.

Francisco Goya befürchtete, dass ihm seine Bilder zur Last gelegt werden könnten, und so überschrieb er die Quinta del Sordo seinem Enkel Mariano, als Ferdinand VII. im Jahre 1823 wieder ein absolutistisches Regime einführte. Zu Beginn des folgenden Jahres suchte er sich ein Versteck und beantragte unter dem Vorwand einer notwendigen Kurbehandlung die Erlaubnis, nach Frankreich reisen zu dürfen. Am 24. Juni 1824 erreichte er das Haus seines Freundes, des Bühnenschriftstellers Leandro Fernández de Moratín in Bordeaux. Goya ließ sich nun ebenfalls in Bordeaux nieder und lebte in seinem selbst auferlegten Exil, zusammen mit Vertretern des liberalen Spaniens, bis zu seinem Tode im Alter von 82 Jahren.
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