Frida Kahlo
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Frida Kahlo: Als die Unschuld starb und die Kunst geboren wurde

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Frida Kahlo (ISBN: 9781783106387), von Gerry Souter, herausgegeben von Parkstone International.

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Die Verwüstung von Frida Kahlos Körper kann man nur ahnen. Aber die Konsequenzen waren weitaus schlimmer, als sie realisierte, dass sie überleben würde. Dieses vitale, lebhafte junge Mädchen an der Schwelle von unzähligen Karrieremöglichkeiten war auf eine bettlägerige Invalidin reduziert worden. Nur ihre Jugend und Vitalität retteten ihr das Leben, aber was für ein Leben sah sie vor sich? Die Fähigkeit ihres Vaters, genug Geld zu verdienen, um seine Familie ernähren und Fridas Arztrechnungen bezahlen zu können, hatte sich im gleichen Maß wie die mexikanische Wirtschaft verschlechtert. Dies ließ nur noch einen Aufenthalt für einen weiteren Monat zu.

„… im überfüllten, sehr armen und unterbesetzten Rote-Kreuz-Hospital, in dem eine Krankenschwester 25 Patienten im Alleingang zu versorgen hatte, lag Frida in einem schrecklichen, sklavenähnlichen Quartier, und die Mahlzeiten waren so abscheulich, dass sie kaum genießbar waren.“

Ex voto, um 1943, Frida Kahlo
Ex voto, um 1943. Öl auf Metall, 19,1 x 24,1 cm. Privatsammlung.

Nach einiger Zeit, in der sie an ihr Bett gefesselt war, eingehüllt in Gips und Bandagen, wurde sie endlich nach Hause entlassen. Da sie von ihren Freunden in Mexiko Stadt getrennt war, führte sie eine umfangreiche Korrespondenz, besonders mit Alejandro Arias. Ihre sexuelle Partnerschaft war schon vor dem Unfall beendet und sie hatten sich darauf verständigt, dass jeder von ihnen andere Partner kennen lernen konnte. Sobald sie sich jedoch als „Freunde“ trafen, tat Frida Alejandros Angebereien mit weiblichen Eroberungen achselzuckend ab. Er wiederum war betrübt, sobald sie jungen Männer aufzählte, mit denen sie geschlafen hatte. Sie waren sich zu ähnlich. Während Frida sich vom Unfall erholte, schickten Alejandros Eltern ihn nach Europa, um in Berlin zu studieren. Die lange Trennung und das weltliche Abenteuer kühlten sein für das zurückgelassene mexikanische Kleinstadtmädchen übrig gebliebenes Feuer beträchtlich ab. Frida dagegen hielt, während sie in ihrem Gipsgefängnis lag, erfüllt von mitleidigem Verlangen, ihn zu sehen, den ihn überflutenden Briefwechsel aufrecht.

„Wenn du kommst, werde ich nicht fähig sein, dir das anzubieten, wonach du dich sehnst. Anstatt kurze Haare zu tragen und zu flirten, habe ich nur noch kurze Haare und bin nutzlos, was schlimmer ist. All diese Dinge sind eine konstante Marter. Das Leben ist in dir, aber ich kann es nicht haben. Das ist sehr töricht, und ich leide mehr, als ich sollte. Ich bin ziemlich jung, und es wird möglich sein, geheilt zu werden, nur kann ich es nicht glauben; ich sollte es nicht glauben, oder? Du kommst sicher im November.“

Schrittweise behauptete sich ihr unbeugsamer Wille und sie begann, innerhalb ihrer begrenzten Möglichkeiten Entscheidungen zu treffen. Im Dezember 1925 konnte sie ihre Beine wieder benutzen. Eine ihrer ersten, schmerzvollen Reisen führte sie kurz vor Weihnachten nach Mexiko Stadt, zum Haus von Alejandro Arias. Sie wartete vor seiner Tür, aber er kam nie nach draußen, um sie zu sehen. Kurz darauf wurde sie von durchdringenden Rückenschmerzen geplagt und immer mehr Ärzte machten sich in ihrem Leben breit. Da erst wurden ihre drei, vorher nicht diagnostizierten Wirbelsäulenfrakturen entdeckt und sie sofort wieder völlig in Gips eingepackt. Gefangen und unbeweglich nach jenen kurzen Tagen der Freiheit begann sie, ihre Optionen realistisch zu betrachten. An der höheren Schule hatte sie Studien begonnen, die sie auf eine medizinische Laufbahn vorbereiten sollten. Dieser Traum verblasste aber, als sie ihre physischen Einschränkungen akzeptierte. Während dieser Gewissensprüfungen verbrachte sie die Zeit mit dem Malen der Szenen in Coyoacán und mit Porträts von Verwandten und Freunden, die sie besuchten. Als Künstlerin kehrte sie an den Ort ihres schrecklichen Unfalls nur einmal in einer Bleistiftzeichnung zurück, die ihren verbundenen Körper mit dem kleinen, zusammengedrückten und gegen die Ecke der Markthalle geschobenen Bus, sowie den Straßenbahnwagen zeigte.

Selbstporträt mit Affe und Papagei, 1942, Frida Kahlo
Selbstporträt mit Affe und Papagei, 1942. Öl auf Holzfaserplatte, 54,6 x 43,2 cm. Privatsammlung.

Es war eine katharsische Zeichnung, ihrer Imagination entsprungen und wich von den Zeugenaussagen anderer ab. Wie viele Male hatte sie wohl in ihren Träumen des Nachts und in Tagträumen neben dieser schrecklichen Szenerie gestanden, bevor sie diese zeichnete, um sie dann unfertig liegen zu lassen?

Das Lob, das ihre Gemälde erhielten, überraschte Frida. Sie entschied bereits bevor sie eines begann, wer das Gemälde erhalten würde – oft schrieb sie den Namen des Empfängers auf die Leinwand. Frida gab sie als Andenken weg, schrieb ihnen keinerlei Wert zu, außer als Ausdruck ihrer Gefühle. Von diesen frühen Bemühungen gelang es ihr am besten durch ihre Porträts, die Abgebildeten zu beeindrucken. Sie standen in ihrer Originalität für sich, ohne technische Tricks oder aufgesetztes Sentiment.

Ihre erfolgreichste Arbeit war ein Selbstporträt, das sie in einem weiteren vergeblichen Versuch, ihn zurück zu gewinnen, eigens für Alejandro Arias malte. Mit diesem Gemälde begann sie eine bemerkenswerte, lebenslange Serie voller Reflektionen, introspektiv und gleichzeitig enthüllend, die ihre Welt innerhalb dieses bröckligen körperlichen Flickwerks prüfte. Offiziell wurde das Selbstporträt mit Samtkleid, ihr Geschenk an Alejandro 1926, „Dein Botticelli“ genannt (sic).

Ein paar kleine Dolchstiche, 1935, Frida Kahlo
Ein paar kleine Dolchstiche, 1935. Öl auf Metall, 38 x 48,5 cm (mit Rahmen), 29,5 x 39,5 cm (ohne Rahmen). Museo Dolores Olmedo, Mexiko-Stadt.

Während seiner Tour durch Europa hatte Alejandro erwähnt, dass italienische Mädchen „… so exquisit ausschauen, als ob sie von Botticelli gemalt wären.“ Frida fügte dem einige der eleganten Manierismen des Malers Bronzino (1503-1572), einem ihrer Lieblingskünstler, hinzu. Im Porträt hält sie ihre Hand offen Arias hin, womöglich in Sehnsucht nach Versöhnung. Ihre Haut strahlt im elfenbeinfarbenen Ton und gesundem Rouge auf ihren Wangen; es ist nicht das teigige Gesicht einer kapitulierenden Invalidin. Ihr starrer Blick ist unter übertriebenen Augenbrauen direkt und herausfordernd. Was sie mit ihrer geöffneten Bronzino-Hand hergibt, nimmt sie mit dem Trotz einer Überlebenden zurück. Dieser stoische, prüfende und nicht lächelnde Blick ist die Pose, die sie im Leben angenommen hatte. Als wollte sie ihrer Mitteilung eine Zeitspanne hinzufügen, schrieb sie auf den unteren Teil der Leinwand:

„Für Alex, Frida Kahlo im Alter von 17 Jahren, September 1926 – Coyoacán – Today is like always (Heute ist immer noch.)“

In anderen Worten sagt sie „falls du mich jemals geliebt hast, dann ist heute noch immer, und diese Liebe ist noch da.“ Frida Kahlo hielt die eigene anspruchsvolle Realität konstant aufrecht; niemandem, auch nicht Diego Rivera, gelang es jemals, in ihr Innerstes vorzudringen.

Ohne Hoffnung, 1945, Frida Kahlo
Ohne Hoffnung, 1945. Öl auf Leinwand, auf Holzfaserplatte, 28 x 36 cm. Museo Dolores Olmedo, Mexiko-Stadt.

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Frida Kahlo
185 x 230 mm | 408 Seiten | Schutzumschlag/ weicher Abdeckung | erhältlich auf Spanisch

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