William Blake: Milton und Jerusalem – Die Dämmerung des Propheten
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem William Blake (ISBN: 9781783106806), von Osbert Burdett, herausgegeben von Parkstone International.
Gegen Ende September 1803 zogen Blake und seine Frau von Felpham in die South Molton Street 17, doch war Blake auch in den folgenden zwei Jahren noch mit Aufträgen für Hayley beschäftigt, dessen noble Dienste im Gerichtsverfahren sich nicht länger durch persönliche Konflikte verleugnen ließen. Die Distanz zwischen ihnen bestärkte den Frieden, den sie miteinander geschlossen hatten, und, bis auf Blakes Erscheinen vor Gericht, bestand auch so gut wie keine Wahrscheinlichkeit, dass sie sich je wieder begegnen würden.
Das Briefeschreiben war eine zutiefst mühselige Pflicht, und vergleichen wir Blakes betriebsame Höflichkeit mit seiner privat geäußerten Bemerkung: „Der Halunke soll von mir mit Danksagungen überschüttet werden, bis er und ich schließlich der Danksagungen und Komplimente überdrüssig sind“, lässt uns vermuten, dass der Schatten des Eremiten nach wie vor drückend auf ihm lag. Es ist verwunderlich, wie wenig sie der Arbeit des anderen beizutragen vermochten. Hayley gab Blake keinerlei Möglichkeiten, die diesem wert und teuer gewesen wären, und als Blake sich damit einverstanden erklärte, Hayleys spätere Veröffentlichungen durch seine Kupferstiche zu bereichern, ließ sich die Öffentlichkeit in keiner Weise von seinen Bildern beeindrucken. Der Aufstieg des künftigen Sterns der Romantik ließ Hayleys Licht nur noch stumpf und glanzlos erscheinen. Der Geschmack der Zeit hatte sich gewandelt. Blake war noch immer im Aufwind, und Hayley war weit hinter ihn zurückgefallen.

Wenden wir uns nun wieder dem Werk zu, dem Blake während der Zeit ihrer sonderbaren Verbindung seine Freizeit gewidmet hatte. Möglicherweise war es seine eigene Reaktion auf die triste Schinderei des Alltagsgeschäfts, auf Hayleys schale Dichtungen, auf die Überbetonung von konventioneller Kunst und Gesellschaft in vielerlei Form, die Blake zu einem Übermaß trieb, das dem ganz entgegenstand. Es sähe der Muse in ihrer ironischen Natur ähnlich, wenn Hayley für die Qualitäten verantwortlich wäre, die Milton auszeichnen. Klopstock war der einzige neue Dichter, auf den er in Felpham gestoßen war, und Blake war in seinen Neigungen und Vorlieben bereits nicht mehr zu beeinflussen.
Das „… lange Gedicht, das die spirituellen Handlungen aus meinem dreijährigen Schlummer am Ufer des Ozeans beschreibt“,von dem Blake im April 1803 Butts berichtet hatte, sollte schließlich umbenannt werden und hieß fortan: Jerusalem: die Emanation des Riesen Albion, 1804. Es wurde von W. Blake, South Molton Street, gedruckt. Genau wie Milton wurde auch dieses Werk vollendet oder zumindest gestochen und gedruckt, nachdem er nach London zurückgekehrt war. Exemplare beider Gedichte, die mit Wasserzeichen auf dem Papier datiert wurden, tauchen in den nachfolgenden sechzehn Jahren immer wieder vereinzelt auf.
Jerusalem ist ein großformatiger illuminierter Quartdruck und umfasst einhundert Seiten in Bild und Schrift. Beidem ist jeweils ein Teil der Seite zugeordnet. Die Einleitungsworte an den Leser umfassen auch die hier in diesem Buch bereits zuvor zitierte Rechtfertigung des Versmaßes. Wie in den übrigen prophetischen Büchern, ist die Prosa stellenweise in demselben Maße von Glanz und Feuer, wie die Dichtung so oft ohne Maß und von verschleierter Bedeutung ist. Obgleich man unmöglich der Überzeugung sein kann, Blakes Behauptung „… jedes Wort und jeder Buchstabe ist wohl durchdacht und an seinen richtigen Platz gesetzt“ sei wahr, so besteht doch kein Zweifel am Wahrheitsgehalt seiner Substanz. Seine Methode macht sich durch nichts verdient. Blake war kein systematischer Denker, und bei seinem Versuch, ein System zu schaffen, schuf er nur Chaos. Er strebte nach größerer Symbolkraft und mehr Systematik, als es seinen Vorgängern gelungen war, und er beschränkte sich unnötig selbst, indem er versuchte, beides zu schaffen. „Ich muss“, so hatte er einst voller Leidenschaft geschrieben, „… mir mein eigenes System schaffen oder dem eines anderen untertan sein“. Sein System musste in seiner Originalität also seiner Symbolik mindestens gleichkommen. Und doch besteht ein fundamentaler Unterschied zwischen den beiden Elementen, die Blake zu vereinen beabsichtigte. Symbole haben deshalb einen so hohen Stellenwert, weil sie mehr Bedeutung in sich aufnehmen als es jedes System vermag. Symbole sind für uns wichtig, weil sie nicht systematisch sind, und Systeme, weil sie mehr Ordnung in sich bergen als es Symbole können. Symbole können einem System nur dann ähnlich gemacht werden, wenn sie weithin bekannt und vertraut sind und ihnen im Laufe der Zeit eine traditionelle und überwiegend feste Bedeutung zugewiesen wurde. Die Absicht, die Vorteile zweier im Gegensatz zueinander stehenden Prinzipien zu vereinen, endete damit, dass letztlich ihre Nachteile vereint wurden.
Die Folge daraus ist, dass sich alle Textinterpreten Blakes in ihren Anstrengungen fast ausschließlich auf seine Methode konzentrieren. Sobald sie ausreichend Textstellen entschlüsselt haben, wollen sie beweisen, dass diese Methode tatsächlich sinnvoll gewesen sei, aber im selben Augenblick verwerfen sie die Vorstellung, dieser Sinn hätte auf andere, traditionellere Weise besser ausgedrückt werden können. Weder die eingesetzten Zeilen noch die geschaffenen Symbole oder das System, das er zu schaffen versuchte, können in irgendeiner Weise als Vorbild dienen. Sie sind die Irrgänge seines Genies, nicht seine Früchte, und wären diese sein einziges Vermächtnis an die Nachwelt gewesen, fände sich niemand, der sie läse.

Die prophetischen Bücher entbehren gar jeder Grundlage, auf der eine Zusammenfassung erfolgen könnte. Doch werden die Anmerkungen und Kommentare zu diesen Werken sich auch weiterhin vervielfachen, denn wir alle tragen bis zu einem gewissen Grade in uns das Interesse eines aufmerksamen Geistes und den Drang, unserer Neugier nachzugeben. Diejenigen, denen die Entschlüsselung der Symbolik noch am ehesten gelungen ist, konnten jedoch nicht ausreichend nachweisen, dass das Ergebnis die Mühe rechtfertigt. Die Gedanken entwickeln sich nicht weiter. Die Maschinerie dreht sich im Kreise; die Epitheta wiederholen sich; die Namen ändern sich; die Symbolik ufert aus. Blake wird für den Leser fast so undurchsichtig, wie es ein Vertreter der schreibenden Zunft nur sein kann.
Keine Analyse, kein Querverweis, kein Gedankengang kann den unvoreingenommenen Literaturfreund oder -kenner davon überzeugen, dass Blakes Symbolsystem nicht willkürlich wäre. Wir erkennen die Authentizität des Motivs, die Vision strahlt durch das Gewirr hindurch; doch dass Blake diese auf solche Weise darstellte, begründete sich allein in seiner fehlgeleiteten Unberechenbarkeit. Die Schwächen treten hier stärker zutage als die Stärken. Das Verständnis wird erhellt oder erschwert, die Gefühle werden heraufbeschworen und niedergeschlagen – doch Gefühl und Verständnis lassen sich nie so lange oder so gut überzeugend miteinander verbinden, dass uns glaubhaft gemacht werden könnte, die Darlegung des Themas sei in der Weise, in der es dargelegt wurde, unvermeidlich gewesen. Dieses Kriterium ist der Einwand, dem sich jene Kommentatoren stellen müssen, die Blakes Prophezeiungen den gleichen Rang wie den größten mythischen Werken einräumen.

Um einen besseren Einblick in William Blake zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:



