Jenseits der Kälte: Die Entdeckung des lebendigen künstlerischen Erbes Sibirien
– Abschließender Videokredit: Serial Shot of a Frozen Lake-Videos von Алексей Валеев von Pexels.
Sibirien, eine ausgedehnte Region in Russland, erstreckt sich über atemberaubende Landschaften und vielfältige Kulturen. Sibirien, das oft mit extremer Kälte in Verbindung gebracht wird, ist ein Land von unglaublicher natürlicher Schönheit, das riesige Wälder, majestätische Berge und unberührte Flüsse umfasst. Es geht nicht nur um das raue Klima, sondern auch um die reiche kulturelle Vielfalt Sibiriens, die verschiedene indigene Gruppen mit ihren jeweils einzigartigen Traditionen, Sprachen und Kunstformen umfasst.
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Kunst Sibiriens (ISBN: 9781780428192), von Valentina Gorbatcheva und Marina Federova herausgegeben von Parkstone International.
Schamanismus wird oft für eine von den Ureinwohnern Nordasiens und Stammvölkern in anderen Erdteilen praktizierte primitive Religion oder ein religiösmagisches Phänomen gehalten. Schamanismus war in Nordasien jedoch nur eine Ausdrucksform des religiösen Kults mit dem Ziel, böse Geister abzuwehren.
Interessant dabei ist, dass zwischen den verschiedenen Glaubensansätzen der sibirischen Stämme eine enge Verwandtschaft zu erkennen ist. Dies macht sich auch durch die Ähnlichkeiten bei der Begründung ihrer Mythologie und in ihren Ritualen bemerkbar, ja sogar in der Namensgebung – es besteht also durchaus Grund zu der Annahme, dass all diese Glaubensrichtungen das Ergebnis eines Gemeinschaftswerkes intellektueller Aktivitäten der Menschen aus dem gesamten Norden Asiens sind.

Die alte Volksreligion der Mongolen und ihrer Nachbarländer ist in Europa als „Schamanismus” bekannt, die Anhänger selbst haben für ihre Religion jedoch keine besondere Bezeichnung. Schamanismus wurde „Der Schwarze Glaube” (Khara Shadjin) genannt, im Gegensatz zum Buddhismus, dem „Gelben Glauben“ (Shira Shadjin). Die Chinesen wiederum bezeichneten den Schamanismus als Tao-Shen („im Antlitz der Geister tanzen”).
Diese Namen vermitteln jedoch nicht im Geringsten einen Eindruck vom wahren Wesen des Schamanismus. Einige vertreten die Ansicht, er sei gleichzeitig mit dem Buddhismus und Brahmanismus entstanden, während andere glauben, darin Elemente aus den Lehren des chinesischen Philosophen Lao-Tze wieder zu finden. Viele sind der Meinung, Schamanismus sei nichts anderes als Naturverehrung und vergleichen ihn mit dem Glauben der Anhänger Zarathustras. Sorgfältige Studien zu diesem Thema belegen jedoch, dass die schamanische Religion weder aus dem Buddhismus noch aus anderen Religionen heraus entstand, sondern ihren Ursprung in den mongolischen Völkern hat und nicht nur aus schamanischen und abergläubischen Zeremonien besteht, sondern auf gewisse, wenngleich auch auf ursprüngliche Weise, die diesseitige Welt – die Natur – und die jenseitige Welt – die Seele – beobachtet.

Schamanismus findet sich im gesamten Norden Asiens sowie in Teilen Zentralasiens wieder. Aus heutiger Sicht betrachtet, ist die einfachste Form des Schamanismus die der Paläosibirer, die komplexeste Form hingegen die der Neosibirer. In der ersten Gruppe ist daher der „Familien-“ Schamanismus weiter verbreitet als der „professionelle“ Schamanismus, damit sind Glaube, Schamanen und Zeremonien mehr oder weniger auf die Familie beschränkt.
Der professionelle Schamanismus, also Zeremonien, die von einem fachkundigen oder professionellen Schamanen für eine ganze Gemeinschaft dargeboten werden, stand damals noch ganz am Anfang und wurde, da er noch relativ schwach war, stärker vom Christentum beeinflusst.
Bei den Neosibirern, wo der professionelle Schamanismus stärker entwickelt ist (zum Beispiel bei den Jakuten), wurde der Familien-Schamanismus vor allem durch europäische Einflüsse geprägt. Daraus darf aber nicht geschlossen werden, dass die bei den Paläosibirern verbreitete Form die primitivere ist. Der professionelle Schamanismus ist möglicherweise eine Weiterentwicklung des Familien-Schamanismus. Es könnte aber durchaus auch eine Abart davon sein, die entstand, weil die Umstände ein Leben in der Gemeinschaft nicht länger erlaubten.

Diese Ungleichheit zwischen dem Schamanismus der Paläo- und der Neosibirer ist zweifelsfrei auf die unterschiedlichen geographischen Bedingungen von Nordsibirien im Vergleich zu Südsibirien zurückzuführen. Das Ergebnis einer sorgfältigen Studie über einige neosibirische Stämme (Jakuten), die in den Norden zogen und einige paläosibirische Stämme (Giljaken), die in den Süden zogen, scheint diese These zu belegen. Die Selbstverständlichkeit, mit der sie die neuen Bräuche und Anschauungen der unbekannten Umgebung annahmen, zeigt, dass zwischen ihren schamanischen Ritualen kein nennenswerter Unterschied bestand. Die vorhandenen, in ihrem Umfeld begründeten Unterschiede verschwanden mit der Migration.
Es lässt sich auch nicht behaupten, der Wandel sei auf einen Kontakt mit anderen Stämmen zurückzuführen, da es kaum zu solchen Treffen kam. Schamanismus scheint vielmehr ein derart natürliches Resultat aus dem kontinentalen Klima mit seinen extremen Hitze- und Kälteperioden, den strengen Burgas und Burans, sowie der Angst und des Hungers zu sein, den die langen Wintermonate mit sich bringen, dass nicht nur die Paläosibirer und die etwas kultivierteren Neosibirer, sondern sogar Europäer sich dem Einfluss einiger abergläubischer Vorstellungen manchmal nicht entziehen konnten. Beispiele dafür sind die russischen Bauern und Beamten, die sich in Sibirien niederließen, oder auch die russischen Kreolen.

Öffentlichen Volkszählungen zufolge sind nur wenige Einheimische „wahre Schamanisten“ – doch auch wenn sie als orthodoxe Christen und Buddhisten registriert sind, blieben sie in Wirklichkeit doch fast alle den Ritualen ihrer alten Religion treu.
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