Ukiyo-E: Erkundung der Themen der fließenden Welt Japans
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Ukiyo-E (ISBN: 9781644618653), von Woldemar von Seidlitz und Dora Amsden herausgegeben von Parkstone International.
Hauptgegenstand des Ukiyo-e ist der Mensch, und zwar bestimmte Menschen in bestimmten Situationen. Die Künstler befassen sich vor allem mit dem Bürger in seinem häuslichen Leben, dem Treiben im Vergnügungsviertel Yoshiwara und dem Theater.
Die Abenteuer und Taten der Helden, die in der Tosa-Kunst im Mittelpunkt standen, finden jetzt ihre Darstellung höchstens noch auf dem Umwege über das Theater – so fern ist die höf ische Welt geworden. Die Landschaft erscheint auf den Ukiyo-e-Blättern, falls sie überhaupt angedeutet ist, nur in kulissenhafter Statik; sie dient dem Menschen als passender Rahmen, überschreitet aber nirgends ihre Funktion als Beiwerk.

Die Erotik
Es ist bedeutsam, dass in der Wahl der genannten Motive das Hauptgewicht auf der Darstellung von Szenen aus dem Viertel Yoshiwara liegt. Die Erotik spielt hier eine so große Rolle, dass nach der Bedeutung dieses Aspekts des menschlichen Lebens im japanischen Geistesleben gefragt werden muss.
Während das Interesse an Erotik sonst vielfach eine Steigerung des Persönlichen oder aber ein Herabsinken ins fast Animalische mit sich bringt, bedeutet es in Japan etwas völlig anderes, nämlich eine Entpersönlichung, ein Schwinden der Individualität zugunsten der Tradition. Hier vollzieht sich die stärkste Vergesellschaftung des Einzelnen; die Erotik treibt die Japaner in ein offizielles, konventionelles Tun hinein. An fast keiner Stelle stand der Japaner der Tokugawa-Zeit in einer so engen Beziehung mit der Tradition und ihren Bindungen wie gerade in den öffentlichen Freudenhäusern.

Das Theater
Ganz ähnliche Funktionen hatte das Theater zur Tokugawa-Zeit. Die realistischen Schauspielerporträts und Szenenbilder der Meister des Ukiyo-e zeigen den starken Kontrast zwischen dieser neu aufkommenden Art volkstümlicher Darstellung und den streng kultischen Nō -Spielen der früheren Zeit. Dienten diese der Form und der Tradition, der Bannung aller Urtriebe, so war nun deren Entfesselung das Grundmotiv aller Schauspiele.
Die höfischen Nō -Spiele haben niemals aufgehört – sie behielten für bestimmte Hof- und Adelskreise ihre Bedeutung –, aber sie traten nun mehr und mehr in den kulturellen Hintergrund. Ihre Aufrechterhaltung wurde schließlich zur Sache der Altertumsforscher und Philologen, während das neue volkstümliche Schauspiel eine ungeheure Verbreitung erfuhr. Es war im Gegensatz zu den sterbenden Nō – Spielen eine lebendige und sich stark entwickelnde kulturelle Erscheinung, die das ganze Volk hinter sich hatte.

Die Stellung der Frau
Die Stellung, die die Frau in einem Zeitalter einnimmt, ist gerade für dessen religionsgeschichtliche Erforschung von größter Bedeutung. Ob sie als Symbol des Ewigen gilt und als solches selbst bisweilen kultische Verehrung genießt, oder ob sie als Wesen niederen Grades aufgefasst und daher zu allen ernsteren Angelegenheiten des Mannes, besonders den religiösen Kulten, nicht zugelassen wird, ist ein deutlicher Ausdruck der religiösen Grundhaltung eines Zeitalters.
Verfolgen wir aus religiöser und geistesgeschichtlicher Perspektive die Stellung der Frau in den Religionen Japans, so zeigt sich, dass ihr an keinem Punkt tatsächliche Freiheit zugestanden wurde. Keine japanische Religion verlieh der Frau eine völlig gleichberechtigte Stellung.
Die Haltung gegenüber den Göttern
Angesichts der auf allen Gebieten einsetzenden Profanisierung erscheint es selbstverständlich, dass religiöse Themen im Ukiyo-e völlig fehlen. Wo buddhistische Priester dargestellt werden, da behandelt man diese verweltlichten Männer, deren Weltabgewandtheit häufig nur bloßer Schein war, mit dem ihnen gebührenden Spott. Was aber in dieser Zeit den Namen Gott trug, das hatte schon von sich aus mehr dasAussehen der Koboldhaftigkeit als das von heiliger Macht. Es bedeutete keinesfalls Blasphemie, wenn diese Gestalten von den Meistern des Ukiyo-e immer wieder in ihrer gutmütigen, kuriosen Possierlichkeit dargestellt wurden.
Im Mittelpunkt dieser Göttergestalten stehen die sieben Glücksgötter. Diese drolligen Wichte sind erst in verhältnismäßig später Zeit zu einer Gruppe zusammengewachsen; ihre Herkunft ist recht verschiedenartig: Teils stammen sie aus dem Buddhismus, teils aus dem Shintoismus, teils sind sie legendärsagenhaften Ursprungs. In ihnen artikuliert sich der stärkste religiöse Anthropomorphismus, der jemals in der Welt aufgetreten ist. Wäre ihre Herkunft aus der Welt religiöser Vorstellungen nicht an gewissen stereotyp auftretenden Zügen, allerlei Beigaben und Symbolen noch zu spüren, so würde man schwerlich auf den Gedanken kommen, Götter in ihnen zu sehen; man müsste sie vielmehr für possierliche Ausgeburten des Volkswitzes halten.

Der Humor
Zu der besonderen Betonung der scherzhaften Momente auf all diesen Gebieten ist zu bemerken, dass der Japaner von Natur aus eine sehr humorvolle Veranlagung besitzt. Florenz sagt einmal, dass man behaupten könne, „…dass die ursprüngliche Gemütsart der Japaner in ihren humoristischen Werken einen charakteristischeren Ausdruck findet als in ihren ernsten Produkten.“
Diese Tatsache ist gerade für die religionsgeschichtliche Betrachtung sehr wichtig. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass auch auf manchem anderen Feld Ernsthaftigkeit nicht notwendig Garant für religiöse Bedeutsamkeit zu sein braucht. Ernst und Schwere sind keine unverzichtbaren Attribute des religiösen Lebens. Vielmehr zeigt sich in der Überbewertung der ernsten, womöglich der finsteren, lebensabgewandten Seite durch die religionshistorische Wissenschaft ein psychologischer Einschlag, der nichts weiter als ein subjektives Vorurteil darstellt und, insbesondere bei der Untersuchung religiöser Aspekte, eine Überbetonung eines untergeordneten Gesichtspunktes bedeutet.
Das Dämonische
Heiterkeit aber ist nur die eine Seite des japanischen Temperaments. Auch die leichte, sonst so harmlose Kunst des Ukiyo-e zeigt bisweilen verborgene, wilde Tendenzen, deren Ursachen wir noch auf den Grund gehen werden.
All unsere Vorstellungen vom Dämonischen reichen nicht entfernt an das heran, was uns gelegentlich an höllischem Grauen aus einem Blatt eines sonst so zierlichen und feinsinnigen Holzschnittmeisters entgegenstarrt. Hier offenbart sich die finstere Seite des ostasiatischen Charakters, die in der europäischen Sicht häufig als die einzige erscheint. Tatsächlich jedoch bleibt gerade diese Seite fast immer im Verborgenen und bricht nur sehr selten offen hervor, dann allerdings mit einer so elementaren Wucht, dass sie für den westlichen Menschen unfassbar und unverständlich bleibt.

Die Polarität von Mann und Frau
Der Gegensatz des männlichen und weiblichen Geschlechts wird in Ostasien mit großer Schärfe empfunden. Es ist, als ob etwas von dem Dualismus von Yang und Yin sich in dieser Form durch alle Zeiten hindurch erhalten hat. Betrachtet man die Werke des Ukiyo-e aus diesem Blickwinkel heraus, so bemerkt man einen gewaltigen Unterschied im Charakter der Männer- und der Frauendarstellungen.
Von Beginn bis in die Spätzeit des Ukiyo-e hinein zeigt das Bild der Frau feine, glatte Züge, hochkultivierte Zartheit in Ausdruck und Haltung. Der Mann dagegen wird oft, besonders wo er allein auftritt, mit all seiner Rauheit und Hässlichkeit, mit Haarstoppeln und Runzeln dargestellt. Seine Züge verraten bisweilen wilde Leidenschaft, seine Körperhaltungen und die Anspannung seiner Muskeln Aggressivität und Brutalität.
Um einen besseren Einblick in Die Kunst von Ukiyo-E zu erhalten, setzen Sie dieses spannende Abenteuer fort, indem Sie auf:
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