Claude Monet
Art,  Deutsch

Claude Monet: Von einem Gemälde zu vielen Visionen

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Claude Monet (ISBN: 9781783102723), von Nathalia Brodskaya und Nina Kalitina, herausgegeben von Parkstone International.

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Man könnte fragen, ob denn nicht Claude Monet in den Heuschobern und anderen Serien der 1890er Jahre vom Impressionismus abwich? Im Grunde nicht: Er schenkte einfach nur einem der Hauptprobleme des Impressionismus – der Wiedergabe des Lichtes – seine besondere Aufmerksamkeit. Die Monet nahestehenden Maler und Kritiker verstanden seine neuen Werke in dieser Weise und erkannten ihre Bedeutung. Dementsprechend wurde die bei Durand-Ruel im Jahre 1895 ausgestellte Folge Kathedrale von Rouen von den Jugendfreunden Monets aufgenommen, wenn auch nicht ohne einigen Vorbehalt. „Ich bin heute in Paris angekommen, damit rechnend, Dich zu sehen“, schreibt Pissarro seinem Sohn, „aus Deinem Brief ist aber ersichtlich, dass Du ziemlich spät abfährst und somit die Gemälde Monets nicht sehen wirst. Das ist sehr ärgerlich, denn mit den Kathedralen sind viele nicht einverstanden, dafür werden sie aber von Degas, Renoir und anderen gelobt. Ich wollte so sehr, dass Du sie alle zusammen siehst. Ich finde in ihnen diese großartige Einigkeit, nach der ich selber so strebe“. Etwas früher noch teilte Pissarro seinem Sohn mit, dass die Kathedralen Paul Cézanne gefallen hätten. Der Gedanke, die Folge Kathedrale von Rouen zu schaffen, entstand bei Monet, als er im Jahre 1892 in Rouen weilte und, bezaubert von der Kathedrale, sich ihr gegenüber niederließ. Vom Fenster seines Zimmers aus sah er nicht die ganze Kathedrale, sondern nur ihr Portal. Dies bestimmte auch die Komposition der Gemälde im ersten Teil dieses Zyklus: Im Gesichtsfeld des Künstlers befinden sich unveränderlich nur das Portal und ein Stück des Himmels über ihm. Die Komposition ist uns „nah“: Die von den geschickten Händen des Architekten und Bildhauers in ein steinernes Schnitzwerk verwandelte Kathedrale, besser, ihr Ausschnitt, nimmt den ganzen Raum der Leinwand ein. In dieser Art die Leinwand zu füllen, werden wieder neue Züge sichtbar. Früher, wenn er von einem Felsen, Hügel oder aus einem Zimmerfenster schaute, liebte es Claude Monet, einen räumlichen Durchbruch zu vermitteln, indem er den Vordergrund frei ließ. Jetzt näherte sich der „Gegenstand“ fast vollständig, und doch half diese Annäherung nicht, das Wesen des Gegenständlichen herauszuarbeiten – es wird vom Licht fast völlig vernichtet. Der nächste Teil dieses Zyklus’ wurde im Jahre 1893, während des zweiten Aufenthaltes in Rouen, gemalt.

Das Parlament, 1900, Claude Monet
Das Parlament, 1900. Öl auf Leinwand, 81 x 92 cm. Musee d’Orsay, Paris.

Claude Monet nahm diesmal die früher angefertigten Gemälde mit, um ihnen den letzten Schliff zu geben. So wie früher folgte er auch jetzt den Bewegungen des Lichtes auf dem Portal, und den notwendigen Effekt abwartend, beendete er das vor einem Jahr Begonnene. Wenn es ihm aber nicht gelang, eine Wiederholung des vergangenen Augenblickes einzufangen, dann nahm er eine neue Leinwand und begann alles von Anfang an.

Während des zweiten Aufenthaltes malte Monet die Kathedrale nicht nur von dem Standpunkt aus, den er im Jahre 1892 innehatte. Er belegte noch eine andere Wohnung, von deren Fenster aus man die Kathedrale etwas anders sah: Ins Blickfeld rückte jetzt ein bedeutender Teil des Turmes des heiligen Romanus, der sich links vom Eingang befindet, und die ihm nahe gelegenen Häuser. Wie schon beim ersten, so arbeitete Claude Monet auch bei seinem zweiten Aufenthalt mit einer Begeisterung an den Kathedralen, die fast schon an Besessenheit grenzte. „Ich bin gequält, ich kann nicht mehr“, schreibt der Künstler seiner Frau im Jahre 1892, „und, was mir früher noch nie passierte, ich verbrachte eine mit Albträumen angefüllte Nacht: Auf mich stürzte die Kathedrale ein, die mir mal hellblau, mal rosa, mal gelb erschien“. „Ich male wie ein Verrückter, aber was sie auch alle sagen mögen, ich verliere doch an Kräften und bin weiter zu nichts mehr fähig.“ Dies ist ein Auszug aus einem Brief, der im März des Jahres 1893 geschrieben worden war. Alles, was uns von der Arbeit an der Folge Kathedrale von Rouen und anderen Werken dieser Jahre bekannt ist, bestätigt, dass der Künstler es jetzt fertigbrachte, nicht nur am Ort zu malen, sondern seine Bilder auch im Atelier zu Ende zu bringen. Monet arbeitete auch früher in der Werkstatt, obwohl er auf alle Fragen, die ihm zu diesem Thema gestellt wurden, unverändert antwortete, dass sein Atelier die Natur sei. Mit den Jahren gewann die Arbeit in der Werkstatt immer größere Bedeutung für Claude Monet.

San Giorgio Maggiore, 1908, Claude Monet
San Giorgio Maggiore, 1908. Öl auf Leinwand, 59,2 x 81,2 cm. National Museum of Wales, Cardiff.

Die im Jahre 1892 in Rouen angefertigten Bilder wurden zweifelsohne in Giverny überarbeitet, und auch nach der Rückkehr von der zweiten Reise nach Rouen hat Claude Monet die Bilder in Giverny vollendet. Man muss sich mit Pissarro einverstanden erklären, der meinte, dass die Folge Kathedrale von Rouen erst dann den stärksten Eindruck hervorruft, wenn alle zwanzig Gemälde miteinander versammelt sind – ein Anblick, der jetzt praktisch unmöglich ist, da die Kathedralen von Rouen in vielen Museen und Privatsammlungen der Welt zerstreut sind. In der besten Lage befindet sich das Musée d’Orsay, wo man fünf Gemälde sehen kann: Kathedrale bei trübem Wetter, Kathedrale während der Morgensonne (Harmonie in Blau), Kathedrale bei Morgensonne (Harmonie in Hellblau), Kathedrale bei voller Sonne (Harmonie von Hellblau und Gold), Kathedrale am Morgen (Harmonie in Weiß) und einfach Kathedrale ohne Hinweis auf die Zeit, zu der das Bild gemalt wurde, das den Untertitel Harmonie in Braun trägt. Der Blick des Besuchers im Museum wechselt schnell von einer Leinwand zur anderen, kehrt zurück und gleitet wieder über die unebene, schillernde Oberfläche der Gemälde, den Veränderungen des Lichtes folgend. Das Motiv des Portals, dazu noch auf vertikale Leinwände mit ungefähr gleichen Ausmaßen gemalt, rückt im Verlaufe des Betrachtens mehr und mehr in den Hintergrund zurück, und der Betrachter wird vollständig von der erstaunlichen Fähigkeit des Malers, die verschiedenen Augenblicke im Leben des Lichtes festzuhalten, fasziniert. Im Puschkin-Museum für bildende Künste in Moskau befinden sich zwei Gemälde aus diesem Zyklus: Kathedrale von Rouen am Mittag und Kathedrale von Rouen am Abend. Oben ein intensives Blau des Himmels, unten blau-violette Schatten und zwischen ihnen eine Aufschüttung goldgelber, rosafarbener und etwas lilafarbener Töne, die sich mit leichten Spritzern des Blaus abwechseln – mit solchen Farben gibt Monet die Fassade der Kathedrale am Mittag wieder.

Le Palais Ducal (Der Dogenpalast), 1908, Claude Monet
Le Palais Ducal (Der Dogenpalast), 1908. Öl auf Leinwand, 73 x 92 cm. Sammlung Mr. und Mrs. Herbert J. Klapper, New York.

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