Arts & Crafts, William Morris
Art,  Art and Design,  Deutsch

William Morris und sein Plädoyer für ein industrielles Gemeinwesen

In diesem Video haben wir Aufnahmen eines Industriegebiets mit Lagerhallen und einem hohen Schornstein (von Altaf Shah) sowie einer älteren Frau, die in Innenräumen ein Tablet nutzt und damit moderne Technologie präsentiert (von kaboom pics) via Pexels, verwendet.

Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Arts & Crafts (ISBN: 9781783103454), von Oscar Lovell Triggs herausgegeben von Parkstone International.

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„Die Entwicklung des Kunsthandwerks in diesem Land […] hat nunmehr einen Punkt erreicht, an dem es wünschenswert erscheint, dass ihm namhafte Künstler ihre Zeit widmen.“

Morris, Marshall, Faulkner & Company, Prospectus, 1861

Mitte des Jahrhunderts hatte Ruskin, auf den Spuren von Thomas Carlyle, eine überzeugte Anhängerschaft hervorgebracht und erfreute sich der grenzenlosen Verehrung junger Männer von feurigem und poetischem Temperament, die sich wohl in erster Linie von der brillanten Rhetorik der Bücher Past and Present und Modern Painters angezogen fühlten, ohne deren soziale Schlussfolgerungen näher zu betrachten. Sein größter Bewunderer war der fünfzehn Jahre jüngere William Morris, der sich just in Oxford einschrieb, als Ruskin sein Buch Stones of Venice herausgab, das als erstes Morris‘ gesellschaftliche Überzeugungen entfachen sollte und auf das er sich immer wieder bezog, enthielt es doch die früheste Äußerung der Ansicht, dass Kunst die Freude des Menschen an seiner Arbeit ausdrücke.

Er legte das Kapitel On the Nature of the Gothic vierzig Jahre nach seiner Erstveröffentlichung als eines der ersten Erzeugnisse der Kelmscott Press neu auf und bezeugte damit den fortdauernden Einfluss des Meisterdenkers. Von geringerer Reichweite als Ruskin, doch stärker in seiner eigenen Ausrichtung, weihte Morris sein Leben der Bestimmung des Verhältnisses von Kunst und Arbeit und machte sich dafür zum Hauptvertreter der Ideen von Arts and Crafts. Ruskin theoretisierte; Morris demonstrierte: fortan besteht die Aufgabe anderer Arbeiter in der Erweiterung und Miteinbeziehung.

William Morris, Hammersmith Vorleger, um 1880, Arts und Crafts
William Morris, Hammersmith Vorleger, um 1880. Baumwolle, ungefärbt. Privatsammlung.

„Dichter, Fabrikant, Kunstschaffender und Sozialist“ – diese Begriffe beschreiben das Lebenswerk von William Morris in seinem dreifachen Aspekt als Künstler, Handwerker und Sozialreformer. Die Geschichte des Kunsthandwerks hält kein bewegteres und an bemerkenswerten Errungenschaften reicheres Leben bereit. Als Junge waren seine Hände stets rührig, und das Knüpfen von Netzen gehörte zu seinen liebsten Beschäftigungen. Es war vorherzusehen, dass er den Zeichenstift und das Werkzeug des Kupferstechers bei der ersten Gelegenheit einer Anleitung aufnehmen würde, obwohl er in Oxford für die höheren Weihen immatrikuliert war. Sein Kommilitone Burne-Jones sollte eigentlich auch Geistlicher werden, übte aber zu der Zeit die Kunst, mit der er berühmt werden sollte, bereits aus und lehrte Morris das Zeichnen und Gravieren. Beide dachten bald darüber nach, ob es nicht ratsam sei, die kirchliche Laufbahn aufzugeben und ihr Leben der Kunst zu widmen – der eine mit der Absicht, ein Maler zu werden, der andere, um Baumeister zu werden.

Schon bald lenkte Morris seine Aufmerksamkeit auf die Architektur, und obwohl er noch nie professionell als Architekt gearbeitet hatte, waren seine damaligen Entwürfe von großem Nutzen, da sie Klarheit in seine Gedanken brachten und seine Energien bündelten. Noch während er im Büro von Mr. G. E. Street arbeitete und seinen Studien nachging, begann er mit der Ausübung mehrerer Kunsthandwerke – Modellieren in Ton, Holz- und Steinschnitzen, Manuskriptmalerei, Fenstergestaltung und Stickerei. Bald füllten diese Tätigkeiten seine Tage so aus, dass die Malerei, die Dante Gabriel Rossetti ihn gelehrt hatte und die Dichtkunst, die sein ursprüngliches Ausdrucksmittel war, außen vor blieben.

William Morris, Bullerswood, 1889, Arts und Crafts
William Morris, Bullerswood, 1889. Gewebter Wollteppich auf Baumwollkettfaden, 764,8 x 398,8 cm. Victoria & Albert Museum, London.

Morris’ Arbeit als Fabrikant und professioneller Raumausstatter begann im Jahre 1857. Unter der Anleitung des Präraffaeliten Rossetti übte er sich in der Malerei, experimentierte mit der Wandgestaltung bei der Oxford Union Society, erprobte seine Fähigkeiten in verschieden Künsten und Handwerken und bereitete die Veröffentlichung von The Defence of Guinevere vor. Hier zeigte sich eine glänzende Allgemeinbildung, die, wenn sie sich spezialisierte, großartige Ergebnisse hervorbringen musste. In den Jahren 1859 und 1860 bauten Morris und Philip Webb, kaum hatten sie das Architekturbüro hinter sich gelassen, in der Nähe Londons auf einem Areal von Wiesen und Obstbäumen das berühmte Red House und überführten damit ihre Theorien zu Hausbau und Ausgestaltung zum ersten Mal in die Praxis. Dieser Auftakt war so wichtig, dass die Beschreibung des Morris-Biographen J.W. Mackail als Ganzes zitiert werden soll:

Es wurde als ein L-förmiges Gebäude, zweistöckig und mit einem hohen Dach aus roten Ziegeln entworfen. Die schöne Eichentreppe nahm, kühn ausgeführt, einen Winkel ein, Korridore liefen von ihr aus entlang der inneren Wände, so dass die Zimmer in beiden Flügeln des Hauses zum Garten hinaus gingen. Die zwei anderen Seiten dieses Halbvierecks waren hinter Rosengittern verborgen und schlossen einen quadratischen Innenhof ein, in dessen Mitte sich die markanteste architektonische Besonderheit des Bauwerks erhob, ein Brunnenhaus aus Backstein und Eichenholz mit einem steilen, konischen und mit Ziegeln gedeckten Dach.

Äußerlich war das Haus von einer fast strengen Einfachheit, seine Wirkung beruhte auf Gediegenheit und guten Proportionen. Seine dekorativen Eigenschaften lagen in der Konstruktion und nicht an schmückendem Beiwerk: die freimütig betonten Entlastungsbögen über den Fenstern, der mächtige Fries, das Türmchen auf dem hohen offenen Dach über dem Treppenhaus, und die zwei großzügig ausgeführten Vorbauten. Innen war sein auffälligstes Merkmal der große Salon, der den Außenwinkel des L im Obergeschoss bildete.

Man schaute durch sein Hauptfenster nach Norden zur Straße und auf das offene Land, während ein ausladender Erker auf der Westseite auf eine weite Rasenfläche wies, die sich, von Apfelbäumen umsäumt, entlang des Flügels erstreckte. Die Ausstattung dieses Raumes und des Treppenaufgangs, der zu ihm führte, nahm die Arbeit von Morris und die seiner Freunde für mehrere Jahre in Anspruch, und dieser verkündete, ihn zum schönsten Zimmer Englands machen zu wollen. Dennoch sollte in dem ganzen Gebäude, innen wie außen, so weit als möglich der gleiche Standard aufrecht erhalten werden.

William Morris, Hammersmith Teppich mit leerem Zentrum, Arts & Crafts
William Morris, Hammersmith Teppich mit leerem Zentrum. Privatsammlung.

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