Die Kunst des 20. Jahrhunderts: Ein Jahrhundert der Innovation und des Wandels
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Kunst des 20. Jahrhunderts (ISBN: 9781785259326), von Dorothea Eimert, herausgegeben von Parkstone International.
Im 20. Jahrhunderts überstürzen sich die kulturellen Revolutionen und Konterrevolutionen. Grenzen und Möglichkeiten künstlerischer Arbeit werden bis aufs Äußerste ausgelotet. Entfaltungen und Behinderungen mit extremen Konfrontationen zeichnen ein divergentes Kaleidoskop künstlerischer Sprachen. Ein übergreifender, allgemeinverbindlicher Stil – wie er sich in anderen Jahrhunderten herauskristallisiert hat – fehlt augenscheinlich auf Grund turbulenter politischer Ereignisse, wirtschaftlicher und sozialer Veränderungen, der technischen Erfindungen und naturwissenschaftlichen Erkenntnisse. Die Kriege und politischen Spannungen sowie die sich rapide entwickelnde Industrialisierung hatten im ausgehenden 19. Jahrhunderts einen deutlichen Wandel des bisherigen Weltempfindens herbeigeführt und die herrschenden ethischen Vorstellungen in steigendem Maße erschüttert. Die Forschungsergebnisse der Naturwissenschaften, vor allem in der Chemie, der Physik und der Medizin veränderten den Alltag der Menschen, ermöglichten eine höhere Lebensqualität und stärkten die Hoffnungen auf ein längeres Leben.
Der Alltag wandelte sich zudem durch Auto, Funk und Telefon. Die Sehgewohnheiten änderten sich durch die neuen Geschwindigkeiten und die Art des Sehens aus großer Höhe, aus Flugzeugen, Heißlufballons und von hohen Gebäuden.

Naturwissenschaftliche Forschungen und deren neue Erkenntnisse führten zur Hinterfragung der so genannten Realität. Wilhelm Conrad Röntgen entdeckte 1895 die nach ihm benannten Röntgenstrahlen. Plötzlich war es möglich, in den Menschen hinein zu sehen. Max Planck fand im Jahr 1900 zur Quantentheorie, die zu den bis dahin unbestrittenen Grundsätzen der Physik im Widerspruch stand. Im selben Jahr bewegte die Welt die Traumdeutung Sigmund Freuds und damit das Eindringen in die tiefsten Schichten des Menschen. Der aus Litauen (damals zu Russland gehörend) stammende Hermann Minkowski entwickelte 1908 die mathematische Formulierung der raum-zeitlichen Dimension, die wiederum seinen Schüler Albert Einstein 1913 zu seiner allgemeinen Relativitätstheorie führte, nachdem er bereits 1905 die spezielle Relativitätstheorie formuliert hatte.
In der Kunst westlicher Kulturen vollzogen sich seit etwa 1890 grundlegende Veränderungsprozesse. Die Entwicklung ging von dem Streben nach ungetrübtem, voraussetzungslosem Sehen aus. Dieses wandelte sich im Laufe der Jahre dahingehend, dass nicht mehr die Neugestaltung des Gegenstands, sondern die ızweite„ Wirklichkeit, also diejenige Wirklichkeit, die nicht mehr allein mit unseren fünf Sinnen erkannt und erlebt werden kann, Ziel künstlerischer Darstellung wurde.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begannen sich Tendenzen abzuzeichnen, die stärker als bis dahin von einer naturalistischen Wirklichkeitsauffassung abrückten und hinter das bloße äußere Erscheinungsbild der Dinge zu kommen trachteten. Unabhängig von sehr unterschiedlichen stilistischen Ausprägungen in den einzelnen westlichen Ländern setzte sich überall die neue Erkenntnis durch, dass ein Bild nicht mehr im Sinne der alten Nachahmungsästhetik gemalt, gleichsam von der Natur abgemalt, sondern vielmehr in eine eigene, unabhängige Dimension des Seins erhoben wird. Ein Kunstwerk ist nun autonom.

Innerer Auftrag des Künstlers ist nicht mehr das Abbilden oder Interpretieren wie in den Jahrhunderten zuvor. Diese Aufgabe hat weitgehend die durch die beiden Franzosen Louis Jacques Mandé Daguerre und Joseph Nicéphore Niépce zwischen 1822 und 1838 erfundene und differenziert entwickelte Fotografie übernommen. Der Malerei als Zeitdokument und Situationsschilderung machte die Fotografie mehr und mehr Konkurrenz, war aber auch Künstlern als Unterstützung erweiterten Sehens nützlich.
Fast alle künstlerischen Bewegungen der Moderne gewannen ihre treibende Kraft aus dem neuen optischen Verhältnis zum nichtstationären Gegenstand, der sich plötzlich als mobiler, zersplitterter, von mehreren Seiten her als ein- und ansehbarer Gegenstand enthüllte und auf solche Weise einen Malprozess einleitete, den das stationäre Guckkastenbild nicht kannte. Bei aller Verschiedenheit der Kunstentwicklungen in den einzelnen Ländern vereinte alle innovativen Künstler die gemeinsame Suche nach einer neuen bildlichen Bewegungsform, nach autonomer Farbgestalt und nach abstrahierender, gegenstandsunabhängiger Formensprache. In Paris zeigten im Jahr 1905 die Fauves, die neuen Wilden, im Salon d’Automne zum ersten Mal ihre umstürzlerischen Farbexplosionen.

In Deutschland bildete sich der Expressionismus, der 1905 mit der Gründung der Dresdner Künstlergemeinschaft Die Brücke seinen Ausgang nahm. Paris widmete 1907 Paul Cézanne eine umfangreiche Ausstellung, unter deren Einfluss Georges Braque und Pablo Picasso zum grautönigen Kubismus gelangten, der die Renaissanceperspektive negierte, die sichtbare Welt aufsplitterte und die Bildwelt von den Naturerscheinungen in radikaler Weise trennte. Im Jahr 1911 stellten die Kubisten erstmals im Pariser Salon d’Automne aus, im gleichen Jahr entwickelte Robert Delaunay in Paris seinen von futuristischen Ideen nicht ganz freien Orphismus, der die Autonomie der Farbe zudachte. In Italien gründete Emilio Filippo Tommaso Marinetti 1909 den lautstarken Futurismus, der die sichtbare Welt mit einem Netz von dynamisierenden Energien durchdrang. Sein erstes Manifest veröffentlichte er im Februar 1909 in Paris, die futuristischen Maler verkündeten 1910 ihre ersten beiden Manifeste. Unter der Leitung von Wassily Kandinsky bildete sich 1909 in München die Neue Künstlervereinigung, aus der der Blaue Reiter hervorging, deren geistigen Mittelpunkt Kandinsky und Marianne von Werefkin bildeten. Im Frühjahr 1912 nahm in Paris eine Wanderausstellung der futuristischen Maler ihren Ausgang, die in fast allen westlich orientierten Ländern der Welt eine wahre Lawine explosiver Bildsprachen auslöste.
Durch die Schriften von Sigmund Freud in den Jahren um 1900 und die nachfolgenden von Alfred Adler und Carl Gustav Jung wurde das Phänomen des Unbewussten zum allgemeinen Bildungsgut. Maler schilderten das Bilderreich der Seele und verfassten märchenhafte Berichte, so wie der ehemalige Zöllner Henri Rousseau oder Marc Chagall. Künstler wie Max Ernst, Francis Bacon, Salvador Dali und René Magritte verbildlichten die von der Psychologie entdeckten Tiefen der Seele und des Unbewussten in ihren psychologisierenden surrealen Bildwelten. Bei James Ensor kamen persönliche Ängste hinzu, zwanghafte Wahnvorstellungen, Halluzinationen und Todesphantasien. Für die Kunst der 1980er Jahre schließlich wurde James Ensor im Hinblick auf den selbstverständlichen Umgang mit halluzinatorischen Extremen und in der Methode intuitiver Darstellung und Metaphorik der große Lehrmeister. Im Übrigen beruhten Werke großer Maler schon immer auf den Erlebnistiefen der menschlichen Seele, so wie es die Gemälde von Hieronymus Bosch, Jan van Eyck, Francisco Goya, Leonardo da Vinci, Vincent van Gogh oder Henri de Toulouse-Lautrec verdeutlichen.

Ein weiteres Thema im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts beschäftigte Kunst und Wissenschaft ganz besonders, nämlich der Aspekt von nicht sichtbaren Phänomenen bei Materie und in der Natur. Wissenschaftliche Entdeckungen veränderten die Auffassung von Raum und Materie grundlegend. Aufgrund des Nachweises elektromagnetischer Wellen durch Heinrich Rudolf Hertz im Jahr 1888 und der Erfindung einer praktikablen drahtlosen Telegrafie im Jahr 1900 gewann der Laie eine Vorstellung vom Raum, die nun voller Schwingungswellen war. Die Annahme war, jede Materie sei radioaktiv und sende Partikel in den umgebenden Raum.
Künstler und Schriftsteller reagierten nachhaltig auf die neuen Modelle des Sehens und Kommunizierens. Der für die Verbreitung solcher Vorstellungen entscheidende Bestseller L’Evolution de la matière von Gustave Le Bon erschien 1905 in Paris. Der französische Astronom Camille Flammarion forderte in seinem im Jahr 1900 publizierten Buch L’Inconnu, die Wissenschaft müsse sich der Erforschung ı⁄ geheimnisvoller Phänomene„ wie der Telepathie widmen, da die Realität nicht den Grenzen unseres Wissens und unserer Beobachtung entspreche. Man verknüpfte damals okkulte Phänomene mit wissenschaftlichen Ergebnissen wie Röntgenstrahlen mit Hellsichtigkeit, Telepathie mit drahtloser Telegrafie, Radioaktivität mit Alchimie.
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