Ein Blick in die außergewöhnliche Geisteswelt von Salvador Dalí
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Salvador Dalí (ISBN: 9781783102921), von Eric Shanes, herausgegeben von Parkstone International.
Im Februar 1921 starb Dalís Mutter im Alter von 47 Jahren an Gebärmutterhalskrebs, ein Geschehen, das Dalí ungemein verstörte. Später erzählte er:
Ich schwor mir mit meinen vom Weinen verkrampften Zähnen, dass ich meine Mutter von Tod und Schicksal mit den eines Tages um meinen berühmten Namen hell glänzenden Schwertern des Lichts retten würde.
Im November 1922 heiratete Dalís Vater erneut, wobei er, um dies durchsetzen zu können, ein päpstliches Dispens beachten musste, weil seine zweite Frau, Catalina Domènech, die Schwester seiner verstorbenen Frau war.

Obwohl sein Vater kaum mit Salvadors Vorstellungen übereinstimmte und ihm die unsichere Laufbahn immer wieder deutlich machte (nur insgeheim war er froh, dass Salvador ein festes Ziel vor Augen hatte) – schließlich zeigte Salvador für nichts anderes Interesse als für die Kunst – begleiteten er und Salvadors Schwester den angehenden Maler im Frühherbst 1921 nach Madrid, wo er sich an der dortigen Kunstschule, der San Fernando Akademie der Schönen Künste, um die Aufnahme bewerben wollte. Der Aufnahme ging eine Aufnahmeprüfung voraus, in der innerhalb von sechs Tagen eine Zeichnung von Jacopo Sansovinos (1486-1570) Skulptur Bacchus (1511/1518) anzufertigen war. Dalís Zeichnung erreichte zwar nicht das erforderliche Format, doch wurde er dank des gezeigten Talents 1922 aufgenommen.
Zu dieser Zeit war der Impressionismus, eine Malweise, die er für sich bereits erforscht und erschöpft hatte und die ihm nichts Neues bot, an den Akademien der immer noch alles beherrschende Stil, so dass sich Salvador bald langweilte. Deswegen wandte er sich dem vom Spätimpressionismus und der analytischen Malerei Paul Cézannes (1839-1906) kommenden Kubismus zu und begann, die an der Akademie kaum mehr unterrichteten traditionellen Techniken zu untersuchen. Eines aber faszinierte ihn an dieser Akademie ganz besonders und hinterließ dauerhafte Spuren in ihm: der Umgang mit einigen Kommilitonen wie dem Philosophiestudenten Luis Buñuel (1900-1983), der zum großartigen Regisseur wurde und mit dem Dalí später Filme nach eigenem Drehbuch drehte, und dem später bedeutendsten Dichter im spanisch-sprachigen Gebiet Federico García Lorca (1898-1936), mit dem er eine Zeit lang im Studentenwohnheim ein Zimmer teilte und der trotz seiner internationalen Berühmtheit während eines Aufenthalts in Granada in den Wirren des ausbrechenden Spanischen Bürgerkrieges festgenommen und ohne Urteil erschossen wurde. Salvador Dalí kleidete sich extravagant mit schwarzem Hut und langem Umhang, galt nicht zuletzt deswegen als arrogant und wurde erst akzeptiert, als er sich offen zur Moderne bekannte.

Offenbar war nicht nur Dalí mit der Akademie, sondern diese auch mit ihm unzufrieden, denn im Herbst 1923 wurde er wegen aufrührerischen Verhaltens für ein Jahr von der Akademie verwiesen. Als Begründung wurde angegeben, dass er die Ernennung eines modernere Auffassungen vertretenden Malers zum Lehrer an der Akademie unterstützt habe. Als er bei der Bekanntgabe der negativen Entscheidung aus Protest die Versammlung verließ, begannen massive Dalí angelastete Studentenunruhen. Er ging für die Dauer eines Jahres wieder nach Hause, befand sich dort zusammen mit anderen Familienmitgliedern und deren politischen Überzeugungen im Streit mit Behörden und kam ohne Gerichtsurteil vom 21. Mai bis 11. Juni zunächst in Figueres in das Gefängnis, bevor er von Gerona aus freigelassen wurde.
Aber auch diese ‘Auszeit’ konnte seine künstlerische Entwicklung nicht bremsen. Er experimentierte mit einigen Stilen, die auf Pablo Picasso und den französischen Maler André Derain (1880-1954) zurückgingen. Seine bereits 1923 im Freien gemalten Bilder von Nackten sind von Henri Matisses (1869-1954) fließendem, linearen Stil und vom Pointillismus beeinflusst. Dalí durfte im Herbst 1924 an die Akademie zurückkehren und beschäftigte sich neben den üblichen Studien zunächst mit dem Kubismus und dem Purismus. Aber parallel dazu übernahm er, ebenfalls unter Picassos Einfluss, aus dessen neoklassischer Periode der 1920er Jahre eine detaillierte gegenständliche Maltechnik, ließ aber auch die romantischen Maler wie etwa Caspar David Friedrich (1774-1840) nicht außer Acht. Dieses Probieren unterschiedlicher Stile lässt den Schluss zu, dass er seine ureigenste Malweise noch nicht gefunden hatte.

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