-
Seelisches Fernweh – Van Gogh und der Japonismus
Es ist kein Geheimnis, dass Vincent van Gogh (1853-1890) nicht in der besten psychischen Verfassung war, jahrelang führte er einen inneren Kampf gegen sich selbst, litt unter Depressionen und Wahnvorstellungen und wurde in eine Nervenheilanstalt eingewiesen. In diesen Zeiten der Qual und teilweise nahe dem Wahnsinn, schuf er einige seiner größten Meisterwerke. Höchst verwunderlich ist darüber hinaus, dass er sich in den 1890er Jahren ausgerechnet einen Künstler zum Vorbild nahm, der gegenteiliger nicht hätte sein können: der im heutigen Tokio geborene gelernte Holzschnittkünstler Utagawa Hiroshige (1797-1858), dessen Kunst wie die traditionelle japanische Kunst im Allgemeinen auf Ruhe, Stärke und inneren Frieden basieren. War van Goghs Faszination für die japanische Kunst…
-
Das Licht am Horizont
Viele kennen das seltsame Gefühl, wenn man weit draußen auf dem Meer ist, wenn kein Horizont in Sicht und einfach nichts anderes als Wasser um einen herum ist, Wasser und darüber der grenzenlose Himmel. Die Ferne, die Leere, das Ungewisse mag unter anderen Umständen vielleicht ein Gefühl der Freiheit auslösen, nach einer gewissen Weile jedoch, insbesondere, wenn man nicht weiß, wie weit das Ziel noch entfernt ist, ob man es erreichen wird oder wenn man sich gar in den Weiten des Meeres verloren glaubt, überwiegt das Unbehagen und das Gefühl des Verlorenseins. Wie viel bedeutet es in solchen Momenten, wenn man tief in seinem Inneren weiß, dass man nicht alleine…
-
Beute oder Trophäe?
Die Antwort liegt im Auge des Betrachters! Die „Trophäenkommission“ der Roten Armee transportierte nach dem Zweiten Weltkrieg als Entschädigung für die Verwüstungen der Wehrmacht in der Sowjetunion und als Ausgleich für die Verluste eigener Sammlungen deutsche Kunstschätze nach Russland. Ende der 1990er Jahre wurden dann die sich noch im Land befindlichen Trophäen kurzerhand zum Eigentum Russlands erklärt. Nach international gültigen Bestimmungen, die auch Russland anerkannte, ist diese Einbehaltung von Kunstwerken rechtswidrig. Auf deutscher Seite spricht man hingegen von „Beutekunst“. Damit gemeint ist die kriegsbedingte Verlagerung von Kunstgegenständen – eine zeitlich begrenzte Verlagerung zum Schutz und Erhalt der Werke. Und genau diese in der Begriffsbestimmung implizierte unterschiedliche Auffassung – Trophäe und…
-
Andy Warhol – Masse oder Klasse?
Gestapelte Pizzakartons und zu Pyramiden aufgetürmte leere Bierdosen sich das typische, an Studenten-WGs haftende Klischee – anstelle eines halbwegs akzeptablen Abendessens wird da schnell mal eine Dose geöffnet. Die gestapelten Dosen des Pop-Art-Künstlers Andy Warhols (1928-1987) erinnern jedoch nur auf den ersten Blick an unaufgeräumte Junggesellenbuden, zu akkurat sind die Dosen aufeinandergestapelt, jedes Cover genau dem Betrachter zugedreht. Warhol, der als Begründer und wichtigster Vertreter der in den 1960er Jahren entstandenen Bewegung der Pop-Art gilt, versetzt uns mit seinem Werk 100 Campbell’s Soup Cans in die Welt eines penibel sortierten Supermarktes, vollgepackt mit in Massenproduktion hergestellten Dosensuppen. Der Supermarkt als wichtiger, da häufig aufgesuchter Ort des Großstadtlebens und seine Waren…
-
Vom Werden und Vergehen – Ophelia und die Präraffaeliten
Die Szenerie ist malerisch: Ein kleiner, klarer Bach schlängelt sich durch den Wald, eine Weide neigt sich über ihn, am Ufer wachsen Nesseln, Hahnenfuß, Maßliebchen und Kuckucksblumen. Eine junge Frau flechtet Blumenkränze, die sie zum Trocknen an den niedrigen Weidenzweigen aufhängt – doch plötzlich bringt ein falscher Schritt sie aus dem Gleichgewicht, sie strauchelt, findet keinen Halt und fällt ins Wasser. Der Bach, der sich urplötzlich zu einem regelrechten Wildwasserstrom entwickelt, reißt sie in die Tiefe, ihre Kleider saugen sich voll Wasser, die junge Frau schnappt verzweifelt nach Luft, doch ihre Lungen haben sich schon mit Wasser gefüllt, sie ertrinkt elendiglich. Das Gemälde Ophelia des britischen Malers John Everett Millais…
-
Attr. Rubensfrau, 42/160/90, NR, O.f.I. sucht jung gebliebenen Endvierziger 24/7, … AG, BmB.
So oder so ähnlich lesen sich zahlreiche Kontaktanzeigen in der lokalen Presse oder dem Internet. Und auf der Suche nach einem zeitweiligen Partner oder gar einem fürs Leben sind wir erst einmal herausgefordert, die zahlreichen Informationen zu dechiffrieren, die uns dieser Einzeiler gegeben hat. Neben all diesen Abkürzungen, Zahlenkombinationen und der Frage „Was zum Kuckuck ist ein jung gebliebener Endvierziger?“ findet sich auch eine recht poetische Selbstbeschreibung – Rubensfrau. Die „Rubensfrau“ als Synonym für eine gut gebaute, füllige Frau mit deutlichen weiblichen Rundungen und einem üppigen Hinterteil – eine Frau halt, die „etwas zum Anfassen“ hat, würde vielleicht der ein oder andere männliche Zeitgenosse sagen. Dieser Peter Paul Rubens (1577-1640)…
-
Vom Schatten ins Licht – Das Département des Arts de l’Islam
Paris ohne das Musée du Louvre und das Musée du Louvre ohne sein gläsernes Pyramidendach? Heute unvorstellbar! Über zwanzig Jahre sind vergangen, seitdem der chinesische Architekt Ieoh Ming Pei (*1917) seinen spektakulären Entwurf für den neuen Eingang des Louvre vorstellte, und es ist schwer zu sagen, ob die Mona Lisa oder die 1989 eingeweihte Glas-Stahl-Konstruktion über dem Eingangsbereich heute mehr Besucher anzieht. Sicher ist jedoch, dass die Glaspyramide einen entscheidenen Einfluss auf das Pariser Stadtbild genommen hat. Dass das Musée du Louvre eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Kunstwerken der islamischen Welt besitzt, ist dagegen weniger bekannt. Für die bereits in Zeiten der Monarchie begonnene Sammlung wurde 2003 eine eigenständige…
-
Impression, Sonnenaufgang – Frankreich im 19. Jahrhundert
Als Edmond Renoir, Journalist und Bruder des Malers Auguste Renoir (1841-1919), an einem begleitenden Katalog für die erste im Jahr 1874 stattfindende Ausstellung der – wie sie sich selbst nannten – Société anonyme des artistes, peintres, sculpteurs, graveurs (Die Anonyme Gesellschaft der Künstler, Maler, Bildhauer und Grafiker) arbeite, fiel ihm auf, dass Claude Monet (1840-1926) viele seiner Werke einfach mit dem Titel Le Havre versehen hatte. Auf einem dieser Gemälde ist eine diesige, in grau-blaue Nebelschwaden gehüllte morgendliche Flussszenerie dargestellt. Die Umrisse einiger kleiner Paddelboote im Bildvordergrund und größerer im Hafen liegender Segelboote zeichnen sich im Bildhintergrund ab. Der Hafen selbst und die normannische Stadt Le Havre sind im dämmrigen…
-
Peter Paul Rubens oder Die Kunst der Werbung
Während manche Gemälde Peter Paul Rubens (1577-1640) auf den ersten Blick wie Illustrationen eines Kitschromans erscheinen, reicht ein wenig Geduld, um in seinen Werken eine Vielzahl mythologischer, religiöser oder historisch-politischer Anspielungen zu entdecken. Reine Landschaften oder Porträts ohne literarische Referenzen, die sogenannte l’art pour l’art, sind eine Errungenschaft der späten Neuzeit. Lange bevor das Radio, der Fernseher oder andere Nachrichten übermittelnde Medien erfunden waren, diente die Kunst in den verschiedenen Epochen mal mehr und mal weniger der Verbreitung von Neuigkeiten und Meinungen – und Rubens wusste genau, wie er mit seinen Gemälden die ungeteilte Aufmerksamkeit vor allem potenzieller Auftraggeber erlangen konnte. Es scheint fast, als hätte er bereits die AIDA-Formel…
-
Fünf Minuten Stille – Siesta mit Caillebotte
Als Sammler, Mäzen und Initiator von durch ihn mitfinanzierten und mitorganisierten Ausstellungen hat er seine zeitgenössischen Künstlerkollegen unterstützt und gleichzeitig selber Hunderte Gemälde geschaffen, was ihn zu einer der bedeutendsten Persönlichkeiten des französischen Impressionismus macht. Die Rede ist von Gustav Caillebotte (1848-1894), der trotz all seiner Mühen, den Impressionismus zu fördern, nahezu in Vergessenheit geraten ist. Caillebotte kam im Jahr der Französischen Revolution zur Welt und lebte in einer Zeit der gesellschaftlichen Umbrüche, die neue Verfassung, die Industrialisierung, die Verstädterung, der Preußisch-Französische Krieg – es waren turbulente Zeiten, in die er hinein geboren wurde. Von diesen Unruhen ist in seinen Gemälden jedoch nichts zu spüren. Abgesehen von Landschaften malte Caillebotte…






























You must be logged in to post a comment.