Die Essenz der indischen Kunst im Laufe der Jahrhunderte
Der untenstehende Text ist ein Auszug aus dem Die Kunst Indiens (ISBN: 9781783106868) von Vincent A. Smith, herausgegeben von Parkstone International.
Eine Isolierung Indiens konnte, wie auf einer Karte leicht feststellbar ist, niemals vollkommen sein. Die Einwohner Indiens wurden immer und zu allen Zeiten von fremden Strömungen beeinflusst, die über drei verschiedene Seewege, den Landweg über die nordöstliche Grenze und die offene Verbindung über den Nordwesten ins Land gelangen konnten. Die einzige fremde Kunstrichtung, die Indien vom Nordosten her beeinflussen konnte, war die Kunst Chinas, die aber vor der islamischen Eroberung sicherlich keinen bedeutenden Einfluss auf die indische Kunst hatte. Der Einfluss künstlerischer Ideen über den nordwestlichen Weg kann außer Acht gelassen werden.
Lange vor Beginn der Geschichte hatten Händler aus fernen Ländern ihre Waren in die Häfen Indiens gebracht und mit aller Wahrscheinlichkeit auch die Schreibkunst und damit das Alphabet. Aber in der Antike war das Meer, auch wenn es abenteuerlustigen Händlern offen stand, keine ständige Verbindung zwischen den Ländern, die erst später durch die großen Seemächte zustande kam. Der durch die wenigen Händler über die Häfen in das Land gebrachte Einfluss auf die Kunst war nicht nennenswert. Die ständigen Invasionen und Einwanderungen über die nordwestlichen Pässe des indischen Subkontinents hatten weitaus größere Auswirkungen. Eine prähistorische Einwanderung oder eine Reihe von Einwanderungen, die etwa ab dem zweiten vorchristlichen Jahrtausend die vedischen Arier ins Land brachten, bestimmte die Zukunft ganz Indiens für alle Zeit, indem sie den Grundstein für das auch als Hinduismus bekannte komplexe exklusive, religiöse und soziale System legte.

Mit dem Beginn der Geschichte im sechsten vorchristlichen Jahrhundert war Nordindien auf jeden Fall bereits weit reichend hinduisiert, und als im dritten vorchristlichen Jahrhundert die frühesten noch vorhandenen Monumente errichtet wurden, hatte sich das hinduistische System vollständig etabliert. Bei dem Versuch, das Wesen und das Ausmaß des Fremdeinflusses über den Landoder Seeweg einzuschätzen, muss die Existenz des Hinduismus als Tatsache hingenommen und akzeptiert werden, dass man über hinduistische Kunst vor der Zeit Ashokas nichts Genaues weiß.
Zu Beginn seiner Herrschaft war, was man an den Bauten, den monolithischen Säulen und der architektonischen Verzierung genau feststellen kann, der dominante Einfluss persisch. Kapitelle mit ruhenden Bullen oder anderen Tieren finden sich in Bharhut, Sanchi und an anderen Orten sowie in den Gandhara-Reliefs und in der historischen Stadt Eran, Distrikt Sagar, Madhya Pradesh, noch bis in das fünfte nachchristliche Jahrhundert, sie entsprechen aber nicht dem echten achämenidischen Typ. Die Kapitelle mit ihren monolithischen Säulen erinnern zwar ebenso wie ihre sitzenden und stehenden Tiere an Persien, unterscheiden sich jedoch von persischen Modellen und sind künstlerisch allem überlegen, was im altpersischen Achämenidenreich (Ende des 4. bis Ende des 6. Jh. v. Chr.) angefertigt wurde. Sir John Marshall hatte nie Recht mit der Annahme, dass die wunderschöne Gestaltung und Ausführung des Sarnath-Kapitells den im Auftrag Ashokas arbeitenden asiatischen Griechen zugeschrieben werden kann.

Daher muss man sich auch mit dem zweiten fremden, dem in asiatisch-hellenistischen Formen ausgedrückten griechischen Element der antiken Schulen indischer Kunst beschäftigen. Zu Zeiten Ashokas befanden sich die Schulen der griechischen Skulptur in Kleinasien in Ephesus, Pergamon und an anderen, nicht in Griechenland liegenden Orten. Die hellenistischen Formen der griechischen Kunst waren durch die afrikanischen und asiatischen Traditionen stark verändert worden und reichten bis in die antiken Tage Ägyptens und Assyriens.
Es ist daher nicht einfach, charakteristische griechische Elemente in der frühen indischen Kunst nachzuvollziehen. Die Palmetten, die Tritonen, Zentauren oder die Blätter der Laubverzierungen und anderes sind typische Elemente der hellenistischen Kunst und sowohl griechisch als auch asiatisch. Die Kunst der Monolithe Ashokas ist im hohen Maße durch fremden Einfluss bestimmt und besitzt lediglich indische Details. Der grundlegend fremde Charakter des Stils wird durch die schwachen Versuche, ihn nachzuahmen, bestätigt. Die hervorragende Arbeit des Sarnath-Kapitells ist eine im Auftrag Ashokas angefertigte Leistung fremder Künstler, während die Details den indischen Arbeitern überlassen wurden. Auch das Minarett Qutb Minar (1211/1236) im Qutb-Komplex in Delhi, der seit 1993 Teil des Weltkulturerbes der UNESCO ist, wurde von einem islamischen Architekten entworfen und im Auftrag des von 1211 bis 1236 regierenden Sultans Altamsh von hinduistischen Maurern erbaut.

Unser Wissen über die Schönen Künste während der Herrschaft Ashokas beschränkt sich fast ausschließlich auf die monolithischen Säulen. Die Skulpturen aus der früheren Periode stammen wahrscheinlich alle oder fast alle aus späterer Zeit und stellen dadurch, dass sie rein indisch sind und nur fremde Details aufweisen, einen starken Kontrast dar und setzen die Existenz einer vermutlich in nichtbeständigen Materialien angefertigten und daher nicht mehr erhaltenen ursprünglichen Kunst voraus.
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